Erfahrungsbericht EFD: Annalena in Bulgarien (2015)

Bulgarien – ein unterschätztes Land

Bulgarien! Klar, das Land, das bekannt ist für... äh..., das so viele... äh... Bulgarien? Gehört das überhaupt noch zur EU?
Sollte es Euch so oder so ähnlich gehen, wenn ihr Bulgarien hört, dann macht Euch keine Sorgen! So ging es uns auch, als wir vor sieben Monaten hierher kamen. Außer der Hauptstadt Sofia und dem berühmten Goldstrand hatten wir noch nichts vom Land gehört – nicht einmal, wie man „hallo“ sagt, wussten wir.

Und die ersten Eindrücke waren nicht unbedingt positiv: Ghettos, löchrige Straßen, Hausruinen, Straßenhunde, harte Betten und vor allem eine Sprache, von der man zuerst einmal nichts versteht. Dass sie auch noch ein anderes Alphabet benutzt, machte die Sache nicht einfacher; schließlich versteht man wirklich gar nichts, wenn man zum Beispiel im Supermarkt steht oder die Post sucht. Außerdem ist Bulgarien eines der korruptesten Länder der EU, was man leider recht schnell im Alltag bemerkt. Ein Beispiel: Anstatt die Millionen-Hilfe der EU für einen tollen Fahrradweg zu nutzen, wurde einfach zu Pinsel und gelber Farbe gegriffen, um einen Fahrradweg auf die Straße zu malen. Durch diese Einsparungen wurden ganz zufällig die Taschen einiger Politiker ein wenig voller...

Doch ist man erst mal länger hier, sieht man das Land immer mehr mit anderen Augen: Ist die Dusche, die hier lediglich aus einem Duschkopf an der Wand und einem Loch im Boden irgendwo im Bad besteht, zuerst einmal nervig, weil nach jeder Dusche alles im Bad klitschnass ist, ist das auf den zweiten Blick gar nicht mal so schlimm: Ist doch eigentlich ziemlich praktisch, wenn man gleichzeitig auf dem Klo sitzen, duschen und sich die Zähne putzen kann!

Und je länger man hier ist, desto mehr wird einem die Schönheit des Landes bewusst! Obwohl Bulgarien vergleichsweise klein ist, hat es doch viel zu bieten: Wunderschöne Strände am Schwarzen Meer, mit Schnee bedeckte Berge auf dem Weg nach Sofia, und im Rest des Landes viele kleine, versteckte Dörfer und weite Landschaften mit Seen, Wäldern und geheimen Überresten aus dem Kommunismus.

Auch die Hilfsbereitschaft der Menschen trägt dazu bei, dass man sich hier schnell willkommen fühlt. Man ist Freiwilliger und hat nicht viel Geld? Kein Problem – per Anhalter reisen ist hier ganz normal. Wenn man dann noch mit seinen wenigen Bulgarisch-Kenntnissen glänzt, laden die Bulgaren einen gerne zu einem gemütlichen Rakia-Abend ein. Doch Vorsicht! Für Ausländer kann die Körpersprache der Bulgaren heimtückisch sein. Denn Nicken bedeutet hier „nein“ und Kopfschütteln „ja“ – diese Umstellung ist auch nach sieben Monaten noch eine echte Herausforderung.

Nach mehr als einem halben Jahr ist Bulgarien aber doch zur zweiten Heimat geworden. Klar, es ist nach wie vor nervig, wenn ohne Vorwarnung das Wasser abgestellt wird und man morgens ungeduscht zur Arbeit muss; oder wenn die Bulgarisch-Kenntnisse mal wieder nicht ausreichen und man statt lediglich zwei Äpfeln zwei Kilo Äpfel auf dem Markt bekommt, aber das Land hat unglaublich viel zu bieten –  in kultureller, menschlicher und landschaftlicher Hinsicht und mehr, als man auf einer Seite Text erklären könnte.

Mein Highlight? Unsere jüngste Reise quer durch Bulgarien. Zusammen mit zwei weiteren Freiwilligen aus Lettland und Frankreich ging es mit dem Nachtzug von Varna nach Sofia. Dadurch hatten wir die unbezahlbare Chance, Sofia um sechs Uhr morgens ganz für uns allein zu entdecken. Nach einer Kaffee-Pause im Hipster-Viertel der Stadt ging es dann weiter nach Momin Prohod, ein 3000-Seelen Dorf, in dem andere Freiwillige zu einem Abschiedsabend eingeladen hatten. Zusammen mit anderen angereisten Freiwilligen aus ganz Bulgarien waren wir ein bunt gemischter Haufen, umgeben von hohen Bergen und frischer Luft. In dem selbst gebauten Haus, in dem sich alles um Nachhaltigkeit dreht, hängten wir unsere Jacken gerne an die an der Wand angebrachten Gabeln und halfen fleißig mit, das Haus mit selbst gehacktem Feuerholz warm zu halten. Am Ostersonntag dann quetschten wir uns alle in die gemütliche Küche und teilten Schoko-Ostereier wie eine große Familie.

Bulgarien? Für mich bedeutet dieses wunderschöne Land Abenteuer, Spontanität und vor allem Freundschaft.

Annalena

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