Erfahrungsbericht Nepal: Leona 2016

Leona, Nepal, Januar 2016

„Es würde eine Reise in die völlige Fremde werden.“

Über das Land Nepal wusste ich nahezu nichts bevor ich mich dazu entschied, mit ODI dort einen Freiwilligendienst zu absolvieren. Es würde eine Reise in die völlige Fremde werden. Ich war die erste Freiwillige, die mit ODI nach Nepal ging, und freute mich auf das Abenteuer.

Ich hatte leider nur einen Monat Zeit weg zu gehen. Die erste Woche war eine Einführungswoche beim nepalesischen Partner ODIs in Kathmandu. Diese bestand aus einem Sprach- und Kulturkurs. Danach würde ich drei Wochen in einem Waisenhaus arbeiten.

Als ich in Nepal landete war ich mir nicht ganz sicher, was mich erwarten würde. Ich hatte Glück, denn auch eine andere Freiwillige (aus den USA) kam an diesem Tag an und wurde mit mir gemeinsam am Flughafen Kathmandus eingesammelt. Wir haben uns wunderbar verstanden und es war ein Geschenk in der ersten Woche eine Kameradin zu haben, um sich an das fremde Land und seine Kultur zu gewöhnen.

Wir haben gelernt mit den Fingern der rechten Hand zu essen (die Linke wird als „schmutzig“ angesehen), unsere Kleidung unter heftiger körperlicher Anstrengung selbst zu waschen, uns an das Verkehrschaos und das Ausbleiben von Sicherheitsgurten zu gewöhnen, sowie an das gemächliche Arbeitstempo der Nepalesen (besonders in administrativen Positionen) und die täglichen stundenlangen Stromausfälle (zu blöd nur, dass Geldautomaten leider auch mit Strom funktionieren). Ich muss jedoch ehrlich sagen, dass die Dauer meines gesamten Aufenthalts nicht ausgereicht hat, mich mit den schmerzhaft eisigen Duschen anzufreunden, die ich dann auf einmal pro Woche reduziert habe, weil ich mich nur so überwinden konnte. Kein Vergleich zu „kaltem“ Duschen zuhause. Später habe ich mir dann mit auf dem Herd erwärmten Wasser die Haare gewaschen - eine wahre Wohltat!

Ansonsten habe ich mich schnell eingelebt. Durch den Kurs habe ich ein wenig Nepalesisch mitgenommen. Meine Lehrerin, eine junge Studentin, und ich haben festgestellt, dass Nepalesisch sich für mich ebenso schwierig gestaltet, wie Deutsch für sie. Allein an einigen Lauten der jeweils anderen Sprache sind wir beide gescheitert. Wirklich lustig.

Die Partnerorganisation hat uns außerdem auch ein paar Sehenswürdigkeiten in Kathmandu gezeigt. Wir waren bei dem Swayambhu-Stupa, dem ältesten tibetisch-buddhistischen Stupa Nepals, dem hinduistischen Pashupatinath-Tempel, für den man Eintritt bezahlt aber als Nicht-Hindu gar nicht betreten darf (Was?! Na ja... wir durften über den Vorplatz begehen und hinein spinksen) und dann waren wir noch bei dem Boudha Stupa in Boudhanath, dem größten und wichtigsten Stupa im tibetischen Buddhismus, das vom Erdbeben im April 2015 leider völlig zerstört wurde. Die Folgen jenes verheerenden Erdbebens sind allgegenwärtig. Auch die berühmten Durbar Squares in Kathmandu und Bhaktapur, die Blüten der Altstadtviertel mit all ihren Tempelanlagen, liegen in Trümmern. Jener in Patan hat als einziger überlebt.

Mir wurde schnell bewusst, dass ich nicht sehr viel mehr von diesem faszinierenden Land sehen würde, wenn ich nach Programmende sofort abreiste. Ich habe also meine Rückreise um eine Woche nach hinten verschoben, um noch ein bisschen woanders hingehen zu können.

Als ich also schließlich ins Projekt gekommen bin (nur etwas außerhalb der Stadt), kannte ich mich schon ein wenig mit dem nepalesischen Lebensstil aus. Meine Gastfamilie war sehr nett. Mutter, Vater und zwei erwachsene Kinder, ein Junge, Rushim, und ein Mädchen, Rusha. Die Mutter kümmert sich um alle Angelegenheiten des Waisenhauses und ihr Mann finanziert es.
Die Kids im Waisenhaus sind ganz toll. Lustig, offen und die meisten sprechen recht gutes Englisch. Ich brauchte ein paar Tage, um mir all ihre komplizierten Namen zu merken. Von nun an war ich „Sister Leo“.

Ich half morgens im Haus beim Dhal-Bhat kochen und putzen und brachte die Kinder zur Schule: um sechs Uhr morgens ging  ich mit dem ältesten Mädchen, Bhagawati, und um halb zehn mit den jüngeren Mädchen. Nach der Schule war ich bis abends im Waisenhaus und beschäftigte mich mit den Kids. Ich war ein vielseitig einsetzbarer Spielkamerad; wir malten, machten Musik, spielten Fangen, Fußball, und andere Spiele, die mir schnell beigebracht wurden. Die Kreativität, die mit wenigen Ressourcen an den Tag gelegt wird ist beeindruckend. Bis es dunkel wird, sind wir alle draußen. Dann gibt es Essen, wieder Dhal-Bhat. Das ist das inoffizielle Nepalesische Nationalgericht und besteht aus Reis (wie sollte es anders sein) und Linsensuppe, meist mit einer Beilage von Gemüse oder Fleisch. Dhal-Bhat gibt es jeden Tag zwei Mal, mittags und abends. Zum Frühstück machte ich mir immer nepalesischen Schwarztee mit Milch und Keksen („Massala/Black Tea and biscuits“) oder mit gebratenen Teigringen.

Meine Freizeit während die Kinder in der Schule waren, nutzte ich, um zu lesen, zu stricken, das Häkeln zu lernen sowie das Ukulele spielen und oft nahm ich einen „local microbus“, um in die Stadt zu fahren – ein Abenteuer für sich. Bald kannte ich mich ziemlich gut alleine aus. Das Stricken brachte ich auch den Mädchen bei und machte ein paar Mützen für die beiden Kinder, die wegen der Läuse kahl rasiert wurden.
Als ich mir eine Erkältung und später eine kleine Darminfektion einfing (in Nepal leider kaum zu vermeiden) kümmerte sich meine Gastfamilie wirklich lieb um mich. Am Programmende fiel der Abschied schwer, aber die Kinder sind daran gewöhnt. Wir machten eine kleine Abschiedsparty. Es gab Fleisch zum Dhal-Bhat, Süßigkeiten danach und ich machte Milchreis für alle.

Dann fuhr ich für fünf Tage nach Pokhara, lebte mal wieder wie ein Tourist, traf viele andere tolle Reisende und lernte eine völlig neue Seite von Nepal kennen. Pokhara ist ein wunderschöner Ort und der mehrtägige Trekking-Trip in die Berge, den ich von dort aus starte, ist atemberaubend.
Vor meiner endgültigen Abreise aus Nepal besuchte ich die Waisenkinder noch einmal und übernachtete bei ihnen. Obwohl es schon viele Freiwillige vor mir gab und die Kinder sich daher nicht emotional an einen binden, war die Freude groß als ich ankam und mir ging das Herz auf.

Es ist ein bisschen surreal nun von zuhause aus zurückzublicken. Ich habe in Nepal eine grundlegend andere Lebensweise erlebt und gelebt, eine Erfahrung für die ich sehr dankbar bin. Ich bin fest entschlossen, eines Tages zurückzugehen. Ich vermisse die Gesellschaft dieser herzensguten und tiefenentspannten Menschen. Und die Teigringe mit Tee, das vermisse ich auch!
Ich kann Nepal nur jedem als Reiseziel ans Herz legen. Es ist ein überraschend facettenreiches Land bewohnt von einem buntgemischten freundlichen Volk.

Ansprechpartnerin Freiwilligenarbeit Nepal

Testimonials Freiwilligenarbeit

Kurze Berichte von Freiwilligen, die mit uns im Ausland ihren Einsatz gemacht haben, findest Du in unserer Mediathek unter der Rubrik Testimonials!