Erfahrungsbericht Tansania: Marleen 2012

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Marleen, Watoto Wetu, Juli-August 2012

Es ist noch stockdunkel draußen, aber Victor muss schon aufstehen um pünktlich in die Schule zu kommen. Er nimmt jeden morgen um 7 Uhr den Daladala, einen kleinen Bus, der als Verkehrsmitteln in Tansania benutzt wird, und fährt eine halbe Stunde, bis er seine Schule erreicht. Das ist nicht immer leicht, aber trotzdem freut er sich auf die Schule.
Victor ist eines von vielen Waisen, die das Waisenhaus Watoto Wetu Tanzania ihr zu Hause nennen und dort essen, schlafen, spielen und eine Familie haben.

Ich heiße Marleen und bin 18 Jahre alt. Diesen Sommer hatte ich die Chance durch Open Door International in das Waisenhaus Watoto Wetu zu gehen und dort genau diesen Jungen und viele weitere liebenswerte Menschen kennen zu lernen. 
Als ich mich damals entschied nach Tansania zu gehen, wurde mir schnell klar, dass dies eine ganz neue Erfahrung werden würde, die bestimmt auch nicht nur leichte Seiten mit sich bringen würde. Trotzdem hatte ich keine Zweifel daran, dass ich ganz gewiss auf nette Menschen treffen würde – und das bin ich.

Als ich in den Flieger gestiegen bin und Abschied nehmen musste, war mir doch etwas mulmig. Sechs Wochen – eine lange Zeit, in einem für uns so fremden Land, doch schon bei der Ankunft hatte ich alle Angst ganz schnell vergessen und wusste, dass das tolle sechs Wochen werden würden.
Ali, eine Frau der Partnerorganisation von Open Door International, stand schon bereit um mich vom Flughafen abzuholen und mich zu meiner Gastfamilie zu bringen, die in Dar Es Salaam, direkt neben meinem Projekt Watoto Wetu wohnen sollte.
Ich wusste gar nicht so genau wo ich hinsehen sollte, weil so viele Eindrücke auf mich einprasselten. Es war laut, dreckig und voll mit Menschen und Autos. Einen Kulturschock jedoch hatte ich nicht, den sollte ich erst viel später bekommen.

Angekommen bei meiner Gastfamilie wurde ich herzlich von meiner Gastmutter, meiner 9-jährigen Gastschwester und meinem 3-jährigen Gastbruder mit einem Frühstück begrüßt. Meinen Gastvater und meinen 18-jährigen Gastbruder lernte ich dann erst gegen Abend kennen.
Als ich dann auch endlich in das Waisenhaus ging und dort all die netten Kinder und die Helfer im Waisenhaus kennen lernte, wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte nach Tansania zu gehen.
Schon beim Eintreffen versammelten sich alle Kinder um mich und strahlten mich mit ihren glücklichen Augen an und fingen an auf Suaheli mir etwas zu erzählen. Obwohl ich nichts verstand, nahmen sie mich schnell an die Hand und fingen an mir ein Spiel zu zeigen, dass ich bis dahin noch nicht kannte, aber von nun an jeden Tag spielte – ein Spiel, das aus Stöcken und Steinen besteht, vielleicht könnte man es in etwa mit „Schweinchen in der Mitte“ vergleichen. Es war beeindruckend, wie wenig diese Kinder zum spielen und lachen benötigten und das wurde mir in meinen sechs Wochen immer wieder bewusst.
Ich lernte natürlich auch den Leiter dieses Waisenhauses kennen. Ein beeindruckender Mann. Höflich, offen, freundlich und voll mit Lebensmut. Man würde jetzt vermuten, dass dieser Mann wahrscheinlich viel Geld besitzt, aber nein, dieser Mann lebt für sein Waisenhaus – sein Zuhause, für seine Familie, wie er mir so oft sagte.
Ich hatte keinen wirklich geregelten Tagesablauf, weil jeden Tag etwas neues gemacht werden musste. Eine Sache jedoch war mir sehr wichtig und brachte mich jeden morgen, so schwer mir es auch manchmal fiel den Mut und die Hoffnung in mir zu wecken, wieder zu dem Entschluss, das Richtige zu tun. Ich unterrichtete die Kleinsten, die mich anscheinend auch ohne Worte zu verstehen schienen. Wir lernten gemeinsam etwas englisch, malten, schrieben, rechneten, tanzten und sangen – etwas was ich nun hier zurück in Deutschland vermisse.
Am Nachmittag half ich den Älteren und kochte mit den Mädchen und das war gar nicht so einfach. Es gab jeden Mittag und Abend Bohnen mit Ugali – das ist Maismehl mit Wasser, nicht gerade nährstoffreich und eigentlich schmeckt es nach nichts. Ugali für ca. 70 Personen zu kochen kostet harte Muskelarbeit und ich brauchte eine Weile um mich daran und an die Küche zu gewöhnen, die einfach nur eine Hütte mit Feuerstelle war, in der sich der ganze Rauch sammelte, sodass die Augen anfingen zu tränen.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass all das Glück und die Freude, die ich täglich erlebte, tief im Inneren der Helfer auch mit schwerer Last bedrückt war. Es gab Probleme mit dem Geld, sodass das Essen nur mit viel Mühe aufgebracht werden konnte und sodass viele kranke Kinder nicht zum Arzt gehen konnten. Ich entschied mich eine Spendenaktion in Deutschland über E-Mail zu starten und konnte so Geld von Freunden und Familie sammeln, welches wir nutzen konnten um Essen zu kaufen und mit einigen Kindern zum Arzt zu gehen.
An manchen Abenden fiel es mir schwer einzuschlafen, aber ich war sehr glücklich, dass ich meine Gastfamilie hatte, die mir immer wieder Mut machte und auch in den schweren Zeiten für mich da waren.

Auch wenn die Zeit nicht immer leicht war, waren es die schönsten und interessantesten Wochen in meinem bisherigen Leben. Ich habe viel dazu gelernt und weiß nun, dass es nicht viel benötigt um glücklich zu sein. Keiner kann entscheiden wo er geboren wird und wo er lebt, jeder jedoch kann das Beste daraus machen.
Als ich nach Hause kam, versuchte ich auch das meinen Freunden zu verdeutlichen und bin oft auf Konfrontation gestoßen. Vielleicht erlebte ich hier den Kulturschock, von dem ich am Anfang nichts merkte. Ein Schock, bei dem zwei Kulturen aufeinander stoßen. Wir, die obwohl wir alles haben doch immer nach mehr streben, und jene, die nichts haben und es hinnehmen und versuchen das Beste daraus zu machen, so wie Victor und seine große Familie im Waisenhaus.

Ich versuche mein Glück und meine Erfahrungen weiterzugeben und mit anderen Menschen zu  teilen. Ich glaube, jeder sollte einmal diese Erfahrung machen, um unser Leben hier schätzen zu können.

Marleen

Ansprechpartnerin Freiwilligenarbeit Tansania

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