Erfahrungsbericht Freiwilligenarbeit China

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Jule - Shanghai September bis Dezember 2012

Je länger es her ist, desto größer wird mein Fernweh – nach China, vor allem nach Shanghai, einer der facettenreichsten Städte der Welt. Als ich meine Reise dorthin beschlossen, geplant, gebucht und angetreten habe, hatte ich keinen Schimmer, was mich erwartet.

Aber ich fange mal von vorne an.  An meine kurzfristige Entscheidung, das Freiwilligenprogramm von ODI in China/Shanghai zu absolvieren, hat sich Stephanie Jakobs super angepasst. Die geduldige Beratung und schnelle Hilfe haben mir Sicherheit gegeben und mich vor allem in meinem Vorhaben bestärkt. In Shanghai angekommen wurde ich auch von der Partnerorganisation freundlich empfangen und mit dem Taxi gings in Richtung City. Mein erster Eindruck war: Smog! Alles war größer, schneller, lauter. Überschwemmt von den Eindrücken und einigen Ängsten wurde ich in die Appartement der Organisation gebracht, wo ich die erste Woche mit den anderen Freiwilligen wohnen sollte. Meine Aufregung legte sich erst, als meine ersten Sorgen beseitigt waren: Meine Geldkarte funktionierte, ebenso wie das versprochene WLAN und die Freiwilligen waren sehr nett! Die nächste Woche sollte eine der besten während meines dreimonatigen Aufenthaltes werden, doch zuerst musste ich die erste Nacht auf meiner harten Matratze überstehen (damals habe ich sie verflucht, doch im Laufe der drei Monate hatte ich nie wieder Probleme mit Rückenschmerzen). In der Einführungswoche habe ich mich mit den anderen Freiwilligen gut angefreundet und wir hatten eine tolle Zeit. Neben eigenständigen Unternehmungen wurden wir von den Mitarbeitern der Organisation zu einigen Sehenswürdigkeiten geführt, hatten einen  Mandarinkurs und einen „Metrofahrenkurs“, denn das stellt sich bei den ersten Malen wirklich als nicht so einfach heraus. Neben den chinesischen Fahrplänen, den tausenden Leuten und den teilweise riesigen unterirdischen Stationen, muss man sich vor allem an das Verhalten der Chinesen gewöhnen. Lässt man anfangs noch Freundlichkeit walten und der alte Dame den Vortritt, so wird einem spätestens durch ihren Ellenbogen zwischen den eigenen Rippen klar: Hier herrscht der Metrodarwinismus. Aber man gewöhnt sich doch an alles!

Freitags wurde ich in meinen Kindergarten gebracht. Ich hatte Glück und hatte „nur“ eine halbstündige Metrofahrt dorthin. Zusammen mit einer anderen Freiwilligen sollte ich dort auch ab der nächsten Woche wohnen. Die noch etwas einfacheren Verhältnisse als in meiner ersten Bleibe waren wiederum Gewöhnungssache, denn man muss vom europäischen Standard deutliche Abstriche machen. Nach meiner Ankunft wurde mir dann unsere Klasse vorgestellt, die wir anfangs zusammen unterrichten sollten. Das war auch gut, denn somit konnte ich mich etwas eingewöhnen. Es ist schon etwas schwierig sich mit den Kindern zu verständigen, doch wenn sich die beiden Seiten erst aneinander gewöhnt haben, läuft es doch ganz gut. Allerdings wurden uns nach der ersten Woche die beiden „Baby Classes“ zugewiesen. Anfangs war ich, muss ich zugeben, etwas überfordert. Die Kinder hatten keine Englischlehrerin, so wie die Klasse davor, die mich hätte einweisen können. Das andere Problem war, dass der Name „Baby Class“ voll zutraf: Die Kinder waren 1 – 3 Jahre alt, konnten teilweise nicht richtig Chinesisch und mussten ständig aufs Klo. Ihre Konzentration war anfangs sehr schwer zu halten. Doch mit der Zeit hatte ich mich eingearbeitet, mir kamen immer mehr Ideen für Spiele, bei denen die Kinder sowohl Spaß hatten als auch etwas lernen konnten. Es machte mir wirklich Spaß und die anfängliche Traurigkeit, meine alte Klasse verlassen zu haben, verflog mit jedem Tag ein Stückchen mehr. Sicherlich halfen auch die Kinder dabei, die sich immer mehr an mich gewöhnten und auch in den ganzen Tagesablauf integrierten: Neben meinen beiden 20-minütigen Unterrichtsstunden täglich standen nämlich noch diverse Spielepausen (bei gutem Wetter meist draußen bei den vielen Spielmöglichkeiten) und Snack- und Essenszeiten auf dem Plan. Auch die Kommunikation klappte immer besser. Einerseits prägten sich die Kinder natürlich bestimmte englische Worte ein, die ich immer wieder zu ihnen sagte, andererseits nahm ich auch an einem Chinesischkurs teil, und verstand so nach einiger Zeit sogar manche Sachen, die die Kleinen zu mir sagten. Ich war wirklich begeistert, wie schnell die Kinder lernten. Klar konnte ich nicht von ihnen erwarten, am Ende meines Aufenthaltes ganze Sätze sprechen zu können, doch mit den kleinen Schritten, die ich mir vornahm, konnten sie wirklich gut mithalten. Und so konnten sie schließlich immerhin von 1 – 10 zählen, einige Farben, Tiere und Gegenstände benennen und wiedererkennen und sich selbst vorstellen.

Unter der Woche konnte ich nicht allzu viel unternehmen, da die Arbeit im Kindergarten und das Besuchen der Sprachschule doch Zeit einnahmen. Für kleine Unternehmungen und Entdeckungstouren innerhalb Shanghais reichte es allerdings vollkommen aus. Mit den anderen Freiwilligen stand ich immer in gutem Kontakt und so trafen wir uns oft, um etwas zu unternehmen. An den Wochenenden ging es entweder ab ins Shanghaier Nachtleben oder zur Railway Station in den nächsten Zug nach Xi'an, Peking, Suzhou, Hangzhou oder Richtung Huang Shan (alles wirklich wunderschöne Reiseziele!).

An China kann man sich wirklich nicht satt sehen und natürlich auch nicht satt essen: An jeder Ecke lauert die Versuchung in Form eines kleinen Straßenstandes mit exotischen, merkwürdigen, verlockenden oder „abschreckenden“ Leckerbissen. Natürlich muss, wer nach China reist, essenstechnisch gewappnet sein. Ausnahmen gibt es überall und doch schmeckt das meiste wirklich köstlich. Ich selbst habe meine Leidenschaft für „Jiaozi“, sogenannte Dumplings, entdeckt und könnte noch jetzt vor lauter Heißhunger vergehen, wenn ich nur daran denke.

Wer sich an die chinesische Kultur gewöhnt hat, hat sie auch lieben gelernt. Und so gewinnt man auch die Chinesen selbst und ihre Art mit der Zeit lieb. So rau das Metrofahren auch sein kann, ihre Hilfsbereitschaft kann so schnell nicht übertroffen werden - und das trotz den zumeist fehlenden Englischkenntnissen.

Meine Zeit in China hatte, wie es wohl immer und überall im Leben ist, ihre Höhen und Tiefen. Trotzdem war es wohl die bisher schönste Reise, die ich gemacht habe, und ich würde die Entscheidung, dorthin zu reisen, immer wieder treffen. Ich danke ODI dafür, dass sie es mir möglich gemacht haben, dorthin zu reisen und für die tolle Unterstützung über nah und fern. Ich hätte nie gedacht, dass mir ein Abschied so schwer fallen kann, wenn das Zuhause lockt. Doch Shanghai hat mich wohl irgendwie verzaubert, gefesselt, eingefangen – nennt es, wie ihr es wollt.

Shanghai ist eine Reise wert, wenn nicht sogar mehr. Wenn es nach mir ginge, säße ich jeden Falls bereits im nächsten Flieger Richtung Osten.

Ansprechpartnerin Freiwilligenarbeit China