Erfahrungsbericht Argentinien: Alissa 2012-2013

Die Entscheidung, ins Ausland zu gehen, war für mich keine schwierige. Schon immer habe ich es geliebt, zu reisen und neue Orte kennenzulernen. Allerdings dauerte es eine Zeit bis ich darauf kam, nach Argentinien zu gehen, da viele sich ja für englischsprachige Länder entscheiden. Es stellte sich im Nachhinein allerdings als die beste Entscheidung meines Lebens heraus und auch jetzt, ein Dreivierteljahr nach meiner Rückkehr, denke ich jeden Tag an all die wertvollen Erfahrungen und die lieben Menschen zurück, die ich dort kennengelernt habe.
Vor meinem Auslandsaufenthalt hielt sich mein Wissen über Argentinien sehr in Grenzen: Tango, Messi und Fleisch sind wohl die Stichworte, die jedem einfallen. Aber das sollte sich schnell ändern, denn schon bei dem Vorbereitungsseminar von ODI lernte ich unglaublich viel über meine baldige neue Heimat und über Situationen, die zweifellos auf mich zukommen würden. Dieses Wochenende hat meine Vorfreude noch mehr gesteigert. Jetzt konnte ich es schon fast gar nicht mehr erwarten, endlich in die neue Kultur einzutauchen und vor allem meine Gastfamilie kennenzulernen, die mir schon Briefe und eine tolle Collage mit Fotos von der ganzen Großfamilie geschickt hatte.
Die Zeit bis zum Abflug verging sehr schnell und ehe ich mich versah, stand ich am Flughafen und habe mich von Familie und Freunden verabschiedet. Ich flog nach Madrid, wo ich auf die anderen Teilnehmerinnen des Programms traf und von dort ging es weiter über Chile nach Córdoba, wo wir direkt von der Partnerorganisation von ODI abgeholt und ins Hotel gebracht wurden. Denn dort fand ein weiteres Vorbereitungsseminar mit Jugendlichen aus ganz Deutschland statt. Wir hatten einige Stunden Spanischunterricht und haben Tabus und Regeln für jede nur erdenkliche Situation wiederholt, sodass eigentlich gar nichts mehr schief gehen konnte.
Und dann endlich war der lang ersehnte Tag da, an dem ich meine Gastfamilie treffen sollte. Auf den Stufen vor dem Hotel haben wir die kommenden Familien erwartet und da sah ich auch schon alle vier: Ceci, die Mutter, Ariel, der Vater, meine gleichaltrige Gastschwester Lola und meinen etwas jüngeren Gastbruder Octavio. Sie strahlten mich an und winkten wild mit einem Blumenstrauß und schon war es um mich geschehen und mir stiegen Tränen in die Augen vor lauter Rührung. Diesen Moment werde ich nie vergessen!
Schließlich haben wir alle die selbstgebackenen Empanadas gegessen und sind dann zu meinem neuen Zuhause gefahren: ein süßes Einfamilienhaus mit Hündin Morena. Natürlich war ich sehr nervös, nun wo ich mit der Familie allein war, aber sie ließen mir erstmal Zeit, um meine Sachen auszupacken und dann setzten wir uns alle zusammen und beredeten die wichtigsten Dinge.
Ehe ich mich versah, stand auch schon der erste Schultag an. Zum Glück konnte ich mit meiner Gastschwester in eine Klasse gehen und wurde sehr herzlich aufgenommen. Es waren wirklich alle, Schüler und Lehrer, wahnsinnig interessiert an Deutschland und ich wurde mit Fragen gelöchert, die ich, so gut es eben ging, beantwortete. Praktisch war auch, dass ich von Anfang an zu der Freundesgruppe von Lola gehörte. Allerdings habe ich mich mit der Zeit auch noch mit vielen anderen aus dem Jahrgang angefreundet und war eigentlich die Freundin von allen, was mich echt gefreut hat.
Bald wich das ganz Neue in der Schule dem Alltag und besonders das frühe Aufstehen, der Unterricht, dem ich immer noch nicht richtig folgen konnte, und viele oberflächliche Freundschaften, denen es aber noch an Tiefe und Vertrauen fehlte, machten mir zu schaffen. Ich war es aus Deutschland gewohnt, nach der Schule noch etwas mit Freunden zu unternehmen, aber meine Freunde in Argentinien hatten nachmittags entweder Sport oder lernten ein Instrument oder ruhten sich einfach aus und schliefen "siesta". Das deprimierte mich etwas, aber dann habe ich gelernt, mich einfach der Kultur anzupassen und spielte mit einer anderen Deutschen regelmäßig Tennis und begleitete meine Gastmutter zum einkaufen usw.

Von der Partnerorganisation von ODI wurden verschiedene Gruppenreisen angeboten. Es war jedes Mal ein wunderbares Erlebnis zu entdecken, wie viele Facetten Argentinien hat. Von den tropischen Regenwäldern und den Wasserfällen von Iguazu an der Grenze zu Brasilien, über die pulsierende Hauptstadt Buenos Aires bis hin zu Eiswelten im Süden, wo wir Wale und Pinguine besichtigt haben. Jede Reise war einzigartig und dank der guten Organisation ein großer Erfolg! 

Mit meiner Gastfamilie verstand ich mich eigentlich super. Mein Vater Ariel war in jeder Hinsicht ein Vorbild und man konnte sich immer einen guten Rat von ihm holen. Ceci war sehr fürsorglich und ging in ihrer Rolle als Mutter total auf und Octavio war der "kleine" Bruder, den ich immer wollte. Es war schon ganz normal für uns, uns ständig zu nerven und das war auch gut so! Nur mit Lola gab es öfter mal Probleme, da es für sie sehr schwer war, alles zu teilen, inklusive Familie und Freunde. Wir hatten dann aber klärende Gespräche und verstanden uns dann doch ganz gut. Jetzt in Deutschland vermisse ich meine Schwester sehr.

Mein Alltag bestand eigentlich darin, in die Schule zu gehen und mich am Wochenende mit Freunden zu treffen, mit der Familie an den Fluss oder in andere Orte zu fahren oder einfach mit der Familie ein Asado zu genießen, was das argentinische Pendant zum Grillen ist, nur viel größer und besser. Es ist einfach eine tolle Atmosphäre, wenn die ganze Großfamilie und vielleicht noch Freunde am Tisch sitzen, jeder wild durcheinander redet, während man das argentinische Fleisch und die verschiedenen Salate isst und dem Asador einen Applaus spendet. Mich haben diese Ereignisse immer glücklich gemacht und ich habe jeden Moment genossen, da sich alles perfekt angefühlt hat.
Mit meinen Freunden bin ich oft ins Shoppingcenter gegangen, um ein bisschen zu bummeln oder wir haben uns gegen Abend in größeren Gruppen bei jemandem zu Hause getroffen und viel Spaß gehabt.

Als dann aber endlich die großen dreimonatigen Sommerferien vor der Tür standen, war ich schon etwas erleichtert, dass wir mal eine Pause von der Schule hatten. Diese Zeit ging meiner Meinung nach viel zu schnell um. Ich verbrachte die Tage oft am Pool, schlief lange aus und ging abends mit Freunden aus. Ich hatte mich mittlerweile sehr gut eingelebt, fühlte mich eher argentinisch als deutsch und hielt es kaum ein Wochenende aus, meine neuen Freunde nicht zu sehen. Der Gedanke, nach Deutschland zurückkehren zu müssen bereitete mir regelmäßig Knoten im Bauch. Die restliche Zeit versuchte ich einfach noch so viel wie irgendwie möglich  zu erleben und jeden Moment bewusst wahrzunehmen. All die kleinen Dinge, die mir am Anfang Unannehmlichkeiten bereitet hatten waren vollends in den Hintergrund gestellt.
Der Abschied fiel mir viel schwerer, als ich es je erwartet hätte. Als ich am Flughafen ankam erwartete mich eine Überraschung: Beinahe mein ganzer Jahrgang war gekommen, hielt Plakate hoch und Tütchen mit kleinen Geschenken, die mich an sie erinnern sollten. Ich hatte den ganzen Flug zu tun um mir die langen, rührenden Briefe durchzulesen und konnte es gar nicht fassen, dass ich diese ganzen lieben Menschen, die so viel für mich getan hatten und Teil meines Lebens waren, eine lange Zeit nicht mehr sehen sollte. Vor allem aber das Geschenk meiner Gastfamilie war etwas ganz besonderes. Sie schenkten mir einen eigenen Schlüssel für unser Haus mit den Worten, das es auch meins sei und ich so jederzeit zurückkommen könne.
Ich habe in Argentinien wirklich ein gelungenes Jahr verbracht, an das ich gerne zurückdenke, in dem ich unglaublich viel erlebt habe, Freunde fürs Leben und eine zweite Familie und Heimat gefunden habe und ich würde diese Erfahrungen für nichts auf der Welt eintauschen!

Ansprechpartnerin Argentinien

Jana Droste

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