Erfahrungsbericht Argentinien: Emilia 2011-2012

Monate, Wochen, Tage, Stunden und auf einmal der große Tag, mich mit 15 Jahren ins Unbekannte zu stürzen, stand vor mir. Mein Auslandsjahr nach Argentinien, bereits Monate davor freute ich mich riesig darauf.
Die Zeit verging so langsam und Neugier und Ungeduld waren so groß, und dass, obwohl ich kaum etwas über das Land Argentinien sowie Còrdoba wusste.  Als dann am Ende doch nur noch ein paar Tage bis zu meinem „Aufbruch“ fehlten, stieg die Spannung sehr.

An meinem großen Tag begleiteten mich viele Freunde und Familie zum Flughafen und der Abschied fiel im letzten Moment dann doch schwieriger als erwartet. Die Tränen trockneten jedoch schnell und die Aufregung nach so langem Warten und Vorbereiten endlich in Córdoba an zu kommen, die deutschen im Vorbereitungsseminar wieder zu treffen und dann die Gastfamilie kennen zu lernen war größer als alles andere.
In Córdoba wurden wir am Flughafen von unserer deutschen Betreuerin abgeholt und mit allen 18 Austauschschüler fuhren wir dann ins Hotel in Rio Ceballos, nahe Córdoba.
Dort verbachten wir zusammen eine Woche, redeten viel über unsere Hoffnungen, Erwartungen, Ängste, die fremde Kultur sowie unsere ersten Eindrücke nach der Citytour im Zentrum Córdobas.
Täglich hatten wir 5 Stunden Spanischunterricht, in dem wir auf unsere ersten Tage vorbereitet wurden.

Am Ende der Woche war es dann so weit. Wir warteten darauf, dass uns unsere Familien abholen kommen würden. Aufregung und Angst vermischten sich und ich stellte mir so viele Fragen vor dem ersten Treffen und… wie aus meinen Gedanken gerissen kam mir dann meine Gastfamilie in großen Schritten entgegen. Wir umarmten uns alle, begrüßten uns mit dem typischem Küsschen auf die Wange und sie schenkten mir ein kleines Kuscheltier.

In meiner Gastfamilie hatte ich eine 13-jährige Schwester, mit welcher ich mir das Zimmer teilen musste, eine 27-jährige Schwester und einen 28-jährigen Bruder, welcher aber nicht mehr zu Hause lebte. Diese lernte ich dann gleich alle an meinem ersten Tag kennen
In meiner Familie habe ich gerne gelebt und mich gut mit ihnen verstanden.
Mit meiner kleinen Gastschwester war das Verhältnis teilweise schwierig.
Nach vielen, sehr vielen Versuchen mit ihr einen besseres Verhältnis aufzubauen und reichlichen Aktionen dazu klappte es einfach nicht. Immer wieder ging ich auf sie zu, aber es kam immer dasselbe bei raus. Sie zeigte Desinteresse und bewusste Ignoranz.

Ich musste erst lernen mit dieser neuen Situation umzugehen, auch dadurch weil ich ihr nie etwas antat. Anfangs fiel ich dort auch in ein kleines Tief und bekam starkes Heimweh, aber selbst dort gab ich nicht auf, stattdessen bemühte ich mich um ein besseres Verhältnis.
Und als dann wieder nichts von ihrer Seite kam, hatte ich es endgültig verstanden. „Was nicht will, das soll nicht sein“. Und dann kam der Punkt, an dem es mir egal war und ich einfach mein eigenes Ding machte und sie ihres. Heimweh bekam ich nicht mehr, einfach weil ich begriff, dass ich alles versuchte. An einen Familienwechsel habe ich dabei nie gedacht, einfach aus dem Grund, dass ich mich mit dem Rest meiner Familie viel zu gut verstanden habe!!!
Ansonsten hatten wir viel Spaß im täglichen Zusammenleben, im Urlaub, beim Essen, bei Ausflügen und so vielem mehr ...

Auch in der Schule habe ich mich sehr wohl gefühlt.
Da meine Gastschwester auf dieselbe Schule ging, wurden wir morgens immer von meinem Gastvater in die Schule gefahren und da ich nachmittags oft zu anderen Zeiten Unterrichtschluss hatte, fuhr ich regelmäßig mit den Bus nach Hause.

An meinem ersten Schultag wurde ich von dem sogenannten „Preceptor“
(eine Art Vertrauensperson) zum Direktor geschickt.
Dort stand ich dann mit den anderen drei Deutschen. Da unsere Schule sehr auf das Aussehen ihrer Schüler achtet und das richtige Tragen der Uniform, bemängelte der Direktor direkt, wie ich den meine Krawatte tragen würde.
Der Direktor verteilte uns in die Klassen und ich würde ins „4°A“ (Cuarto A) kommen.
Mein Preceptor brachte mich dann zu meiner Klasse und mein Herz versank mir fast in meiner Hose. Als wir in den Kurs gingen, klatschen alle Schüler laut. Ich wusste gar nicht, wo ich hin schauen sollte, da es 43 Mitschüler hatte. Mir wurde auch direkt ein Tisch bei den Mädchen zugewiesen, wo drauf stand: „Bienvenida Emi“ und da setzte ich mich dann hin.
Alle drehten sich jede Minute um, sahen auf mich, und grinsten. Und das ging dann die ersten paar Tage so weiter. Von jedem wurde ich irgendetwas gefragt, konnte nur leider nicht antworten, weil ich nichts verstand.
Meine Mitschüler waren alle total lieb und haben mir versucht mit der Sprache zu helfen. In den Pausen war dann die ganze Menschenmenge um mich herum und alle erzählten irgendwas und fragten. Irgendwie haben wir es dann doch noch geschafft zu kommunizieren. Selbst wenn es mit Händen und Füßen ist.

Man kann sich ganz sicher sein Freunde in Argentinien zu finden. Man muss allerdings erst herausfinden, wem man vertrauen kann und wer wirkliche Freunde sind und wer es nur zu sein scheint. Natürlich ist das am Anfang nicht immer nur einfach, weil man erst die Sprache lernen und sich dann in feste Freundschaften einbringen muss. Aber im Endeffekt geht das schneller als man denkt und jeder ist bereit dir in allem zu helfen und das immer.
Vergessen darf man nicht, dass der Unterschied zwischen Argentinien und Deutschland sehr groß ist, so war es anfangs nicht ganz einfach das argentinische Schulsystem zu akzeptieren. Vor allem die neuen Regeln und Rituale gefielen mir zu Anfang nicht sehr. Doch mit der Zeit habe ich genau das schätzen und lieben gelernt und vermisse einige Sachen jetzt in meiner deutschen Schule.

In so kurzer Zeit fand ich so viele tolle Freunde.
Selbst mit manchen Lehrern hab ich mich so gut verstanden, dass wir uns immer mit einem Küsschen begrüßten und bis heute Kontakt über Skype haben. Und kaum zu glauben, sogar mein Direktor begrüßte mich nach kurzer Zeit mit einem Küsschen und war immer sehr interessiert und freundlich auf mich zu sprechen.

Ich habe so viele Freunde gefunden, mit denen ich über mein ganzes Jahr Spaß hatte und mit welchen ich immer über alles reden konnte. Man geht shoppen, zum See, die heißen Sommer im Pool der Freunde (die dort fast jeder hat), man geht  ins Kino, man trifft sich bei Freunden, man schlürft Mate im Park, man geht essen oder einfach nur eine Cola trinken.
Am Wochenende sind wir dann abends regelmäßig feiern gegangen in der sogenannten „boliche“ (Disko) die man überall in Córdoba findet.
Also in Córdoba ist einfach immer was los, ob Tag oder Nacht.

Ich kann jedem nur empfehlen sich auf ein solches Abenteuer einzulassen.
Ich hab viel gelernt und das nicht nur sprachlich, sondern auch im Bezug auf Menschen.
Meine Erwartungen wurden während dieses Jahr mehr als erfüllt und ich bin sehr glücklich, dass ich bis zum Schluss durchgehalten habe, und durch die ganzen kleinen Schwierigkeiten oder besser Herausforderungen ein ganz neues Selbstbild von mir gewinnen konnte, erwachsener und natürlich  selbstbewusster geworden bin.
Das Auslandsjahr ist der Übergang einer auslaufenden Kindheit und dem,
was danach kommen soll. Es ist ein großer Schritt, in die große Welt.

Eine zweite Familie und Freunde auf einem anderem Kontinent, ja sogar in einer eigentlich „anderen kleinen Welt“ zu haben, das argentinische Schulsystem kennen zu lernen, sich in einer fremden Kultur wohl zu fühlen und den ganzen Tag lang die argentinische Lebensfreude genießen zu dürfen muss man einfach erlebt haben um es verstehen zu  können.

Ansprechpartnerin Argentinien

Jana Droste

Tel.: 0221-60 60 855-22

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