Wenn die Frage gestellt wird, was man sich am meisten wünscht, dann sagen viele in meinem Alter: ein Auto oder viel Geld. Ich wüsste auch sofort, was das in meinem Fall wäre. Auf jeden Fall kein Auto, sondern einfach meine zweite Familie und  meine Freunde am anderen Ende der Welt wieder zu sehen.

Dass ich das mal sagen würde, habe ich allerdings nicht gedacht, als ich Ende Juni 2012 im Flieger nach Townsville in Queensland, Australien, saß. Ich wurde schon Wochen vor meinem Abflug ständig gefragt, ob ich schon angefangen hätte, meine Koffer zu packen. Nein, hatte ich noch nicht und überhaupt kam mir das alles so unrealistisch vor, bis ich dann tatsächlich im Flieger saß, auf dem Weg ans andere Ende der Welt. 

Worauf hatte ich mich da eingelassen? Ein ganzes Jahr ohne meine Familie, ohne meine Freunde und Verwandte. Ganz allein in einem Land mit anderer Kultur, anderer Sprache und anderer Mentalität bei einer fremden Familie. Aber meine Entscheidung war getroffen und es gab jetzt auch kein zurück mehr.

Nach ca. 36 Stunden Flug (inklusive Wartezeit) kam ich an dem kleinen Flughafen in Townsville an. Als ich aus dem Flugzeug stieg, wurde ich erst mal mit einer Hitzewelle begrüßt. Es war so warm, wie bei uns im Sommer, dabei war in Australien gerade Winter. Ich fuhr müde aber gleichzeitig auch angespannt die Rolltreppe zu den Gepäckbändern runter. Meine Gastmutter stand mit meiner Gastschwester und meinem Gastvater an der Gepäckausgabe mit einem Schild „Welcome to Australia Lara“. Ich ging auf sie zu und wurde sofort in die Arme geschlossen und mit Fragen überschüttet. Meine Gastschwester stand erst mal schweigend daneben und ich war zu schüchtern, um gleich los zu reden. Das erste woran ich mich erinnern kann, was mich meine Gastschwester gefragt hat, war: „Are you always that quiet and shy?“. Na toll, dass fing ja gut an! Wie soll ich es denn hier so lange aushalten?

Und zugegeben, die ersten paar Wochen waren nicht einfach. Man versteht noch nicht alles, weil man die Sprache eben doch noch nicht so perfekt kann und man muss den Mut haben, Leute anzusprechen. Das ist ganz wichtig, auch an der Schule, denn nur so findet man Freunde. Für die meisten Schüler und Schülerinnen in Australien sind Austauschschüler ganz alltäglich und nichts Neues mehr. Man ist vielleicht die ersten paar Tage interessant, aber danach muss man selbst die Initiative ergreifen und die Einheimischen einfach ansprechen. Das ist am Anfang echt nicht leicht, aber alle waren extrem nett und haben einen auch bewundert, dass man sich ganz allein so weit weg von zu Hause getraut hat. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, sich zu überwinden und sie anzusprechen.

Ich habe nach ein paar Wochen jeden Tag, den ich in Australien verbringen durfte, genossen. Natürlich gab es auch mal Streit mit der Gastfamilie oder mit Freunden, aber man streitet sich ja auch zu Hause mal. Ich habe nicht gedacht, dass ich zu einer fremden Familie ein so enges Verhältnis aufbauen kann. Meine Gastmutter habe ich bald selbst Mum genannt und meiner Gastschwester habe ich einfach alles erzählt. Sie ist wie eine beste Freundin für mich geworden. Ich habe viel mit meiner Familie erlebt. Ich war mit ihnen in Brisbane und Sydney, wir haben einen Trip nach Neuseeland gemacht und sie haben mir so viel gezeigt. Ich bin zu einem echten Familienmitglied geworden. Am Wochenende habe ich oft bei meinen Freundinnen geschlafen und wir haben stundenlang geredet, waren im Outback reiten, im Meer schwimmen und sind Quad gefahren. Ich hatte oft Momente, in denen ich gedacht habe, dass die Zeit jetzt auch stehen bleiben könnte. 

Doch leider ist auch dieses Jahr irgendwann zu Ende gegangen. Ich kann im Nachhinein sagen, dass die letzten Wochen die schönsten waren, da ich mich an alle Momente, die ich erlebt habe zurück erinnerte und das Gefühl hatte, Australien ist meine Heimat. Das klingt vielleicht etwas komisch und unvorstellbar, aber für mich war es so. Die letzten Wochen waren allerdings auch die schwersten, weil ich wusste, dass das Ende naht. Ich habe versucht, das auszublenden, aber ich habe oft mit meiner Gastschwester oder meinen Freundinnen geweint, wenn wir darüber gesprochen haben. 

Der Abschied am Flughafen war mit Abstand das Schlimmste des ganzen Jahres. Ich habe, als ich im Juni 2012 nach Australien geflogen bin, nicht gedacht, dass mir der Abschied sonderlich schwer fallen wird. Aber ich hatte mich getäuscht. Der Abschied von meiner zweiten Familie und all meinen Freunden, die auch zum Flughafen gekommen waren, war viel schlimmer, als der Abschied in Deutschland. Ich wusste, dass ich meine Familie in Deutschland in einem Jahr wieder sehen würde. Bei meiner  Familie in Australien ist das Wiedersehen so ungewiss. Ich weiß nicht, wann ich meine zweite Mum, meine Gastschwester und meine neuen Freunde wieder sehen werde. Aber eine Sache weiß ich jetzt ganz genau. Das Jahr in Australien war mit Abstand das Beste meines Lebens. Ich habe so viel gelernt, erlebt, mehr Selbstvertrauen bekommen und weiß, wer ich sein möchte. Meine Gastfamilie möchte ich auf jeden Fall nach dem Abitur besuchen und bis dahin skypen wir fast jedes Wochenende.

Ansprechpartnerin Australien

Gaby Kühn

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