Ein Stück vom (anderen) Ende der Welt

Da war ich also tatsächlich ein Jahr weg. Und weg bedeutet in meinem Fall in Chile, genauer gesagt in Santiago de Chile, der Hauptstadt des wohl längsten Landes Südamerikas.

Warum ich ausgerechnet nach Chile geflogen bin?
Na, weil Chile einfach super ist! Schon alleine die Geografie des Landes ist einmalig: 4275 km lang und an der breitesten Stelle gerade mal 440 km breit. Im Norden gibt es nicht mehr als Wüste und trockenes Land und ganz weit im Süden wohnen die Pinguine im ewigen Eis. Aber um all die schönen Orte Chiles kennen zu lernen waren selbst die 11 Monate zu kurz, denn auch am anderen Ende der Welt kann man sich nicht vor der Schule drücken. Wenn man fast jeden Tag bis 17:00 Uhr Unterricht hat, dann bleibt keine Zeit mehr um viel zu unternehmen! Aber Schule macht ja auch Spaß – na ja, auf jeden Fall, wenn man mal was anderes kennen lernt. Am Anfang habe ich eh nichts verstanden. Ich kam in eine 40-köpfige Klasse einer katholischen Mädchenschule, konnte kaum ein Wort Spanisch und musste dann zusehen, wie ich zurechtkomme. Eine Schuluniform und morgendliches Beten gehörten ab jetzt zum Schulalltag dazu und Dinge wie Nägel lackieren, Haare färben oder Schminken konnte man vergessen. Da wurde man gleich ausgemeckert und ins Sekretariat geschickt um sich ein Abschminktuch oder Nagellackentferner zu holen. Aber nicht dass ihr auf die Idee kommt, nur Mädchen hätten schlechte Karten. Jungs schminken sich zwar nicht und tragen auch keinen Nagellack, aber Haare färben dürfen sie genauso wenig und – was für einige bestimmt schrecklich wäre – sie müssen die Haare alle kurz tragen, sonst werden sie von der Schule suspendiert.

Da freut man sich doch richtig, wenn man mit der Schule fertig ist und auf der Uni machen kann was man will. Denn studieren muss jeder, sonst ist die Jobauswahl so ziemlich gleich Null. Doch auch studieren ist nicht immer leicht und auch mit vielen Ängsten verbunden. Der erste Tag an der Uni sieht in Chile nämlich ganz anders aus als wir es uns in Deutschland vorstellen. Allen, die neu auf die Uni kommen, werden all ihre Sachen weggenommen, teilweise sogar Teile der Kleidung. Sie selbst werden bemalt oder ihre restliche Kleidung wird zerschnitten oder es werden ähnliche Gemeinheiten vollzogen. Die abgenommenen Sachen können sie dann durch erbetteltes Geld wieder zurückerlangen.
Aber nicht dass ihr jetzt denkt, Chile sei schrecklich! Das stimmt nämlich ganz und gar nicht. Es ist ein wunderschönes und sehr vielseitiges Land. Ich will euch mal ein wenig davon erzählen, was ich dort so erlebt habe.
Wie schon gesagt, konnte ich während der Schulzeit nicht allzu viel unternehmen. Am Wochenende war ich mit meiner Familie bei der Oma oder wir haben uns mit Freunden getroffen. Es gab auch kaum einen Samstag ohne Party. Um wirklich mal rum zu kommen und was vom Land zu sehen musste man also auf die Ferien warten. Aber die haben sich gelohnt. Von Anfang Dezember bis Anfang März hatte ich frei. Sommerferien! Und die habe ich auch gut genutzt.
Erst einmal habe ich ausführlich Santiago erkundet. Eine riesen Stadt – viele Sehenswürdigkeiten.

Dann war ich eine Woche im Süden. Der ist einfach bezaubernd. Vulkane , Seen, Inseln, das Meer, viele grüne Wiesen und ganz viele „deutsche Traditionen“ wie Kuchen und Bierfeste. Dagegen ist die trockene „Pampa“ im Norden gar nichts.
Wenn man in Chile ist, dann muss man alles mal gesehen haben!
Da Chile auch nicht unbedingt ein reiches Land ist, hat es den Vorteil, dass alles verhältnismäßig günstig ist. Ein Busticket in den Norden (5 Stunden Fahrt) kostet zum Beispiel bloß 10.000$ (Pesos) das sind umgerechnet etwa 14€. Eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln kostet gerade mal 500$ (ca. 70 Cent).
Im März war die schöne Zeit der Ferien dann auch schon wieder vorbei und nach 3 Monaten „ nichts tun“ fing die Schule wieder an. Zwar haben wir wegen des schweren Erdbebens noch eine Woche zusätzlich frei bekommen, aber es ist in der Schule bis auf ein paar umgefallenen Schränken und ein paar anderen kaputten Dingen alles heil geblieben und somit stand auch dem neuen Schuljahr nichts mehr im Wege. Schnell wurden noch die „ Erdbebensicherheitsmaßnahmen“ erklärt und dann hatte einen der Alltag auch schon wieder zurück.

Ende Mai trat ich dann mit einer Gruppe anderer deutscher Austauschschüler meine vorerst letzte aufregende Reise innerhalb Chiles an. Damit wurde ein großer Wunsch von mir erfüllt – es ging zu den Osterinseln! 5 Tage Natur pur und Inselfeeling nach schlappen 5 Stunden Flug über den Pazifischen Ozean. „ Rapa Nui“ ist eine atemberaubende kleine Insel mit ihrer eigenen Sprache, relativ tragischen Geschichte, spannender Kultur und vor allem mit ihren eigenen Tänzen. Ganz typisch sind natürlich die „Moais“, große Lavagesteinsfiguren, die über die ganze Insel verteilt stehen. Zum Schutz vor Eindringlingen, Krankheiten und auch zur Stärkung, den die Moais sollen eine unheimliche Energie besitzen.
So schnell wie das Jahr angefangen hat war es auch schon wieder um. Mitte Juni hieß es „ Adios amigos y hasta luego“, „Tschüss und bis bald“. Es war an der Zeit Abschied zu nehmen von all den lieben Menschen die mich so herzlich aufgenommen, so viel gezeigt und beigebracht haben.

Diese Zeit werde ich niemals vergessen!