Erfahrungsbericht Costa Rica: Annika 2016-2017

Costa Rica? Ist das in Südamerika? Oder eine Insel? Wohnen da Indianer? Es gibt nur Strände und Regenwald, oder? Das war die übliche Reaktion von Leuten, denen ich von meinem Plan erzählt habe, ein Auslandsjahr in diesem Land zu machen. Bis vor anderthalb Jahren kannte ich Costa Rica auch nur aus einer National Geographics Sonderausgabe über Giftfrösche. Aber mittlerweile lebe ich seit acht Monaten hier und es ist eine unglaublich tolle Zeit: viele Erfahrungen, wundervolle Reisen, neue Menschen, fließendes Spanisch und (so klischeehaft das auch klingen mag) großes persönliches Wachstum.

Als mein Entschluss für ein Auslandsjahr gefallen war, hatte ich wie die meisten vor, es in den USA zu verbringen. Dieses Land genießt große Popularität unter deutschen Jugendlichen und erscheint super für einen Austausch, weil man Englisch bereits einigermaßen beherrscht und die Kultur zwar sehr anders, aber in vielen Aspekten Europa ähnelt. Irgendwann wurde mir aber klar, dass ich etwas komplett Neues wollte, und ich begann, mich über Alternativen zu informieren. Da war ich erstmal völlig überrumpelt von der Menge an möglichen Ländern! Aber eines hat besonders meine Aufmerksamkeit geweckt: ein kleiner Staat in Zentralamerika, der für seine wunderschöne Natur und die Lebensfreude seiner Bewohner bekannt ist. Ich habe mehr und mehr über dieses faszinierende Land gelesen und mich quasi aus der Ferne verliebt. 

Also stieg ich am 20. Juli 2016 mit Sonnencreme, Mückenschutz, meinem Abschiedsbuch und großen Erwartungen ins Flugzeug.

Die erste Überraschung für mich war, dass Costa Rica nicht nur aus Strand besteht und ich tatsächlich in einem Dorf namens Zarcero in den Bergen leben würde, zwei Stunden von der nächsten Küste entfernt.
Die Jahresdurchschnittstemperatur dort sind ca. 18-20 Grad und in den ersten Monaten regnete es ununterbrochen und war deutlich kälter als der deutsche Sommer. Ich war jedoch keinesfalls enttäuscht, sondern habe gleich die erste Lektion gelernt: die Dinge nehmen, wie sie kommen.

Das ist im Allgemeinen eine unheimlich wichtige Einstellung hier, denn die Einwohner Costa Ricas sind berüchtigt für ihr lockeres Verhältnis zu Abmachungen und kommen wirklich fast immer zu spät. Wenn man sich erstmal daran gewöhnt hat und kurzfristige Absagen nicht mehr persönlich nimmt, ist das aber völlig in Ordnung und man merkt, wie viel man als disziplinierter, teils verkrampfter Deutscher von den entspannten Lateinamerikanern lernen kann.

Das Nationalgericht von Costa Rica ist Gallo Pinto, Reis mit schwarzen oder roten Bohnen, und wird zum Frühstück gegessen. Obwohl die Ernährung im Allgemeinen eher fleischlastig ist, komme ich auch als Vegetarierin sehr gut klar. Mein absoluter Favorit sind platanos, Kochbananen, die frittiert, getoastet, aus dem Ofen, mit Käse oder natilla, einer Art Schmand gegessen werden. Ich liebe auch die frischen, tropischen Früchte, die hier besonders gerne zu frescos naturales, erfrischenden Getränken vermixt werden.

Ein anderer Aspekt der einzigartigen Mentalität ist die Herzlichkeit der Ticos (so nennt man die Costa Ricaner). So eine Gastfreundlichkeit habe ich noch nie erlebt! In deiner Gastfamilie wirst du liebevoll als Mitglied aufgenommen und sehr wahrscheinlich allen Verwandten und Bekannten als Sohn/Tochter vorgestellt. Und die Familien hier sind groß! Heutzutage vielleicht nicht mehr ganz so, aber in den Generationen der Eltern und Großeltern war es noch üblich, fünf bis zehn Kinder zu haben. Also bereite dich darauf vor, in der Anfangszeit jedes Wochenende eine neue Tante kennenzulernen und nimm Süßigkeiten für die eventuellen Cousins und Cousinen mit.

Ich persönlich hatte in meiner ersten Gastfamilie Schwierigkeiten, da es von beiden Seiten unterschiedliche Erwartungen gab und die Personen, bei denen ich lebte, nicht darauf vorbereitet waren, mich als vollwertiges Familienmitglied aufzunehmen. Nach fünf Monaten beschloss meine Organisation deswegen, dass ein Wechsel nötig war und ich zog um zu meiner Klassenlehrerin. Das war definitiv das Beste, was mir passieren konnte, denn hier fühle ich mich so richtig zuhause und geliebt und umsorgt!

Generell sind die Menschen, auch Fremde, sehr sozial und freundlich. Man wird überall eingeladen, mit Kuss und Umarmung begrüßt, von Fremden mit "Herz, Prinzessin, Liebe, König" angesprochen und alle wollen Selfies mit dem Austauschschüler. 

Von daher ist der Zweifel, ob man wohl Freunde finden wird, nach einigen Tagen kein Thema mehr. Nach meiner Erfahrung sind die Jugendlichen hier sehr interessiert an neuen Mitschülern, besonders wenn sie aus einem für sie unbekannten Land kommen. Bereite auf jeden Fall Antworten für die klassischen Fragen vor: wie ist Deutschland so? Hast du Geschwister? Magst du Costa Rica? Vermisst du deine Eltern? Ist Spanisch schwierig? Die letzte Frage mag einigen von euch vielleicht Kopfschmerzen bereiten, gerade wenn ihr es nicht in der Schule hattet. Aber macht euch keine Sorgen, wenn man im Alltag von der fremden Sprache umgeben ist, lernt man das schneller, als man denkt…

Die Schule ist in jeder Hinsicht komplett anders als in Deutschland. Die Beziehung zu den Lehrern ist extrem locker, sie werden mit Vornamen oder schlicht "profe" (kurz für profesor) angesprochen und man ist mit ihnen auf Facebook befreundet und hat sie in der WhatsApp-Gruppe der Klasse. Hier tragen alle Schuluniform, was für Austauschschüler ein enormer Vorteil ist: erstens braucht man nicht so viel Kleidung annehmen, zweitens muss man nicht jeden Tag überlegen, was man anziehen soll und drittens kann man mit dem, was alle tragen, nicht viel falsch machen.

Abgesehen vom Dresscode wirst du trotzdem viele Fehler machen. Das ist in einem fremden Land aber völlig normal. Du solltest über Costa Rica nur wissen, dass es üblich ist, jeden Tag zu duschen und die große Mehrheit der Bevölkerung katholisch ist.

Daher gibt es viele Feiertage und spannende Traditionen, von denen ich noch nie gehört hatte. Abgesehen von den christlichen Festtagen ist der 15. September hier sehr wichtig, denn es ist der Tag der Unabhängigkeit Costa Ricas. Er wird mit Umzügen, den traditionellen Kleidern und wie jeder besondere Anlass mit Tanz und Musik gefeiert und ist ein tolles Beispiel für den Nationalstolz der Ticos, die sich sehr bewusst sind, dass sie im glücklichsten Land der Welt leben.

Außerdem ist Costa Rica ausgezeichnet im Bereich der Umwelt- und Ressourcenschonung. Große Teile der Fläche stehen unter Naturschutz und es gibt viele Nationalparks. In den letzten Jahren hat sich das Land zum Geheimtipp unter Urlaubern entwickelt, aber es wird viel Wert auf nachhaltigen Tourismus gelegt.

Denn dass es viel zu sehen und zu erleben gibt, lässt sich nicht bestreiten: traumhafte Strände, aktive Vulkane, atemberaubende Landschaften und nebelige Regenwälder. 

Alles in allem kann ich nur sagen, dass ich absolut verliebt in Costa Rica bin und gar nicht daran denken will, im Juni nach Deutschland zurückkehren zu müssen... Und ich bin fest entschlossen, jeden einzelnen verbleibenden Tag in vollen Zügen zu genießen - ganz nach dem Lebensmotto der Ticos: pura vida!

Wenn Du noch mehr über Annikas Jahr in Costa Rica lesen willst, kannst Du Dir ihren Blog angucken: 

Ansprechpartnerin Costa Rica

Jana Droste

Tel.: 0221-60 60 855-22

jana@opendoorinternational.de