Ich habe mir die Entscheidung, ob ich einige Zeit im Ausland verbringen möchte schwerer gemacht, als eigentlich nötig. Als ich mich dann endlich für einen dreimonatigen Aufenthalt in Frankreich entschieden hatte, freute ich mich unglaublich auf dieses Abenteurer. Doch trotzdem fragte ich mich vor meinem Aufenthalt des Öfteren, ob ich gut mit der Sprache, meiner Gastfamilie und meinen zukünftigen Klassenkameraden zurechtkommen würde.

Das Vorbereitungsseminar half mir, mich immer mehr auf meinen Auslandsaufenthalt vorzubereiten. Während und nach diesem Wochenende dachte ich mehr über das kommende Vierteljahr nach und immer stärker überwiegte die pure Freude. Gerade als ich erfuhr, wer meine Gastfamilie sein würde, konnte ich nicht mehr aufhören zu strahlen. Durch diese Vorbereitung und die Tatsache, dass ich bereits im Kontakt mit meiner Gastfamilie stand, wurde dieser unreale Traum immer mehr zur Wirklichkeit.

Ich hatte bereits am Wochenende vor meiner Abfahrt meinen Koffer gepackt und angefangen, mich von meinen Lehrern zu verabschieden. An meinem letzten Schultag, einem Donnerstag, wurde ich von meinen Klassenkameraden mit einem Frankreichkuchen und kleinen Geschenken überrascht. Und damit konnte es wirklich losgehen!

Ankunft

Allein die Zugfahrt war schon toll! Ich war unglaublich aufgeregt, voller Hoffnungen und Erwartungen. Es half mir auch sehr, ein witziges Buch über sich z.T. später bewahrheitende  „Eigenarten“ der Franzosen zu lesen.

Auf dem Weg bekam ich schon einen ersten Eindruck von der französischen Kultur, insbesondere von der Musik. Sie ist mir bis heute sehr wichtig, zum einen erinnert sie mich an besondere Momente in der Bretagne, zum anderen ist sie wirklich einfach nur schön.
Ich hatte das große Glück meinen Aufenthalt in der Bretagne zu verbringen! Dort angekommen, wurde ich in Rennes von meinen Gastgeschwistern, dem 20-jährigen Alexandre und der 16-jährigen Maeve abgeholt. Mit dem Auto fuhren wir zu meinem zukünftigen Heimatort, Merdrignac – mehr oder weniger  genau – in  der Mitte der Bretagne.

Nach meiner Ankunft richtete ich mich zunächst ein wenig ein, wusste aber nicht wirklich, was ich dann tun sollte. Doch dann kam mein Gastvater Eric nach Hause und wir fuhren gemeinsam zu den Pferden der Familie. Anschließend lernte ich meine Gastmutter kennen und ich versuchte mich beim Abendessen so gut wie möglich in das schnelle Französisch ein zudenken. Anfangs erschrak ich fast ein bisschen, da ich weniger verstand, als ich gehofft hatte. Ich brauchte auch einige Tage, um mich in den Lebensrhythmus der Familie einzufühlen und hatte manchmal fast Hemmungen zu sprechen. Doch ich wurde bald mutiger, vor allem nachdem ich bemerkt hatte, dass man mich wesentlich besser verstand, wenn ich einfach drauflos redete und nicht zu lange über meine Sätze nachdachte.

Ich verbrachte das Wochenende mit meiner Familie, am Samstag besuchte ich die Bibliothek des Ortes, um mich an das französische Lesen heranzutasten, am Sonntag einen Mountainbike Wettkampf meiner Gastgeschwister. Auch lernte ich an diesem Wochenende den typischen Aperitif der Franzosen kennen und lieben, der mir hier in Deutschland fehlt.

Erster Tag in der Schule

Meine Gastmutter begleitete mich am Montag zur Schule und ich kam etwas mehr mit ihr ins Gespräch, auch wenn es mich immer noch viel Konzentration kostete, fiel es mir schon etwas leichter längere Zeit auf Französisch zu reden. Mein Lycée, La Touche, kam mir allerdings erst einmal nicht wirklich wie eine Schule vor, da es neben dem kleinen, schuleigenen See auch einen Reitstall, eine kleine Kapelle und viele Blumenbeete auf dem weitläufigen Gelände gab. Zudem hatte die Schule direkten Zugang zu einem größeren See.

Der Unterricht in einer Französischen Schule

Es kam mir alles vor wie in Traum. Auch der Unterricht gefiel mir sehr gut. Die Lehrer waren strenger und normalerweise wagte es kein Schüler ungefragt etwas zu sagen. Doch meistens wirkte es nicht wie ein Unterdrückungsprinzip, sondern vielmehr wie ein Konzept, dass auf gegenseitigen Respekt beruht. Ordnung und Disziplin haben einen hohen Stellenwert.

Anfangs fiel mir der Matheunterricht am leichtesten. Es dauerte zwar ein bisschen, bis ich, wenn ich aufgerufen wurde, meine Antwort nur mit Wörtern, anstatt mit einem Gemisch aus Handzeichen und Sätzen geben konnte, doch trotzdem mochte ich es sehr in diesem Unterricht mitzuarbeiten. Im Französischunterricht verstand ich sogar in den ersten Stunden beinahe alles, was mich fast selbst ein bisschen erstaunte. Als die Schüler in meiner zweiten Woche begannen „Bérénice“, eine Lektüre des 17. Jahrhunderts zu lesen, hatte ich zwar so meine Schwierigkeiten, doch auch hier wurde es immer besser, und bald begann ich die Theaterimitationen meiner Lehrerin Madame Tourtier immer mehr zu genießen. Meine Deutschlehrerin war begeistert jemanden in der Klasse zu haben, der wirklich Deutsch sprach und von meinen Englischkenntnissen waren witziger Weise alle begeistert. Irgendwann wurde ich sogar als trilingual bezeichnet, da in Frankreich etwas weniger auf das Sprachenniveau geachtet wird als hier in Deutschland. Es war toll, diese Anerkennung von Seiten der Lehrer zu erfahren.

Besonders gerne mochte ich auch den Unterricht in Agronomie (Landwirtschaft) und Economie (Ökologie). La Touche ist  ein Lycée mit landwirtschaftlichen Scherpunkt. Aus diesem Grund gibt es Geflügel, Kühe und Schweine an der Schule. Die Schüler sollten dadurch Erfahrungen im landwirtschaftlichen Bereich sammeln. Diese war generell sehr wichtig in der Bretagne. Hin und wieder bin ich auf Traktoren durch die Gegend gefahren oder habe Alexandre und Eric zu verschiedenen Höfen begleitet.

Freunde und tolle Erlebnisse

Der Unterricht war wirklich erstklassig. Doch durch die herzliche Aufnahme meiner Klassenkameraden, wurde die Schule erst wirklich so toll. Es gab nie sonderlich viele Gastschüler an La Touche, dadurch fand ich als „Attraktion“ sehr schnell Anschluss. In den Pausen und beim Mittagessen half es mir sehr, mit meinen Freunden zu reden und gerade sie konnte ich mit Fragen über alles Mögliche bombardieren. Gerade in den ersten Wochen achteten sie darauf langsam mit mir zu sprechen, damit ich auch wirklich alles verstand. Leider konnte ich sie nie außerhalb der Schule treffen, da wir alle zu weit verstreut wohnten und ich sowieso erst gegen 17.30 Uhr von der Schule heimkam. Doch auch außerhalb der Schule hatte ich Freunde gefunden und verbrachte viel Zeit draußen, um den kleinen Ort und die Natur besser kennenzulernen.

Am Anfang machte ich mir großen Druck, so viel wie möglich zu lernen, doch kaum löste ich mich von diesem Druck wurde es viel leichter zu reden und meine Zeit zu genießen.

Viel zu schnell ist die Zeit in der Bretagne verflogen. Ich hatte viel von ihr gesehen: durch die Radwettkämpfe war ich in vielen verschiedenen Wäldern und kleinen Ortschaften gewesen und hatte zudem mit meiner Gastfamilie St. Brieu, Carnac, Vannes, St. Malo, Rennes und Lamballe besichtigt. Außerdem hatte ich eine Klassenfahrt zum Mont St. Michel gemacht und einen Tag in Paris verbracht. Ich hatte das Festival „Art Rock“ und einen Wettbewerb der bretonischen Tänze besucht und unglaublich viel erlebt.

Überraschungsfeier

Obwohl ich mich auf meine Familie gefreut hatte, wäre ich lieber noch länger in Frankreich geblieben – gerade weil ich mich nach den drei Monaten erst so richtig eingelebt hatte. Meine Gastmutter organisierte eine kleine Überraschungsfeier, bei der alle meine außerschulischen Freunde eingeladen waren.  Spätestens bei dieser Gelegenheit wurde mir bewusst, wie stolz die Bretonen auf ihre Heimat sind und als mir der Titel „Adoptivbretonin“ zugestanden wurde, war es eines der größten Komplimente für mich.

Wenn Du gehst weinst Du

Als ich zu Hause angekommen war und sich meine erste Freude über das Wiedersehen mit meiner Familie gelegt hatte, bemerkte ich immer mehr, wie sehr mir der Aufenthalt wirklich bedeutet hatte. Ich bemerkte die Wahrheit hinter dem bekannten bretonischem Spruch: Quand tu arrives en Bretagne, il pleut, quand tu en pars, tu pleures. (Wenn Du in der Bretagne ankommst regnet es, wenn Du gehst weinst Du) Ich habe unglaublich von meinem Aufenthalt in der Bretagne profitiert, auch wenn ich dazusagen muss, dass nicht alles rosarot war. Manchmal habe ich mich einsam gefühlt oder hatte Angst, dass ich die Sprache nie richtig lernen würde. Doch ich habe auch unglaublich viele positive Erfahrungen gemacht und könnte noch Ewigkeiten von ihnen erzählen.

 

Liebe Grüße
Anna

Ansprechpartnerin Frankreich

Jana Droste

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