Erfahrungsbericht Kanada: Desirée 2005-2006

Nach der ersten Woche in Kanada, dem Kennenlernen meiner Gastfamilie und den vielen neuen Eindrücken von der großen Stadt Calgary war  es dann soweit: Mein erster High School Tag – an einer katholischen Schule!

„Hm. Eine katholische Schule. Okay.“ – das war so ziemlich mein erster Gedanke, als ich von meiner Koordinatorin in Deutschland den Vorschlag für den Schulbesuch einer konfessionellen  Schule erhielt. Auf die Idee wäre ich von selbst nicht gekommen. Wie wird es wohl an einer katholischen Schule sein? Gibt es da Nonnen? Und nur katholische Schüler? Mir ging so einiges durch den Kopf und meine lieben Verwandten und Freunde befeuerten natürlich sämtliche Vorurteile und Klischees, die man von solch einer Schule haben kann. Meine Freundinnen machten sich gleich große Sorgen, dass es dort bestimmt „total streng“ sein würde und man sicherlich den ganzen Tag beten müsste, meine Oma gab mir den Tipp mit auf dem Weg, dass ich auf keinen Fall einen kurzen Rock anziehen, sondern immer schön schick in die Schule gehen sollte. Während ich nun damit beschäftigt war mir Gedanken über meine Garderobe zu machen und vorsichtshalbe das Vater Unser auf Englisch lernte, freuten sich meine Eltern darüber, dass an einer katholischen Schule bestimmt alles viel sittlicher als an einer „normalen“  Schule zugeht. Wenn das Kind schon nicht bei der Familie ist, dann doch unter den wachen Augen von ein paar alten Nonnen. Dieser Gedanke beruhigte sie ungemein.

So, und nun stand ich vor meiner neuen Schule und ich war bestens vorbereitet. Kein kurzer Rock und das Vater Unser könnte ich nun problemlos auf Englisch beten. Ich freute mich auf meine High School, schließlich habe ich nun schon so lange auf dieses Austauschjahr hin gefiebert. Dennoch gingen die Sorgen meiner Freundinnen, dass es an der katholischen High School sehr streng sein könnte, mir nicht aus dem Kopf. Dementsprechend nervös war ich als meine Gastmutter und ich das Schulgelände betraten und mich zugleich der erste Schock traf: ein riesiges Kreuz dekorierte den Eingang meiner Schule. Oh Schreck! Sollte sich die Geschichten vom Dauerbeten und strengen Nonnen nun doch bewahrheiten?!  Die Antwort ist ganz eindeutig: NEIN!

Schon beim Betreten sind mir gleich die vielen Mädels mit Röcken aufgefallen und weit und breit gab es keine einzige Nonne. Oma lag also falsch und meine Eltern konnten nicht auf die alten Nonnen hoffen. An meinem ersten Tag mussten meine Gastmutter und ich vor Unterrichtsbeginn noch zur Anmeldung.  Auch hier lief alles so ab wie in jeder anderen Schule auch. Ich musste ein paar Formulare ausfüllen und mein Stundenplan wurde zusammengestellt. Im Stundenplan war das Fach Religion natürlich fest verankert, was ich aber nicht weiter schlimm fand. Ganz im Gegenteil stellte sich im Laufe meines Austauschjahres heraus, dass Religionsunterricht zu eines meiner Lieblingsfächer wurde. Dank einer sehr jungen und freundlichen Lehrerin machte der Unterricht sehr viel Spaß, wir haben über die verschiedenen Religionen in der Welt gesprochen, was Glaube bedeutet und welche Bedeutung er heutzutage hat. Ob nun gläubig oder nicht – das spielte für den Unterricht keine Rolle und niemand hat versucht einen zu missionieren. Überhaupt  merkte ich kaum, dass ich an einer konfessionellen Schule unterrichtet werde. Das lag vor allem auch daran, dass Jugendliche jeglicher Konfessionen dort unterrichtet wurden und auch sonst alles genauso ablief, wie an einer anderen High School auch. Dass man an einer katholischen Schule war bemerkte man eigentlich nur an den Kreuzen in den Klassenräumen und an der kleinen Schulkapelle. Außerdem wurde jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn das Vater Unser gebetet – mir vorher den englischen Text anzuschauen war also genau richtig. Hier wurde es jedem frei gestellt, ob er mitbeten möchte oder nicht.

Eine Besonderheit, die es jedoch an meiner katholischen Schule gab (ich weiß nicht, ob das an jeder konfessionellen Schule gemacht wird), war der sogenannte Ministry Service. Jeder Schüler sollte im Laufe des Schuljahres einige Stunden gemeinnützige Arbeit in der Gemeinde leisten. Dies war Teil des Religionsunterrichts und für jeden verpflichtend. Für mich war das eine ganz tolle Erfahrung! Ich habe weitaus mehr Stunden abgeleistet, als dies eigentlich nötig war, weil es viele interessante Einsatzfelder gab und man so auch sehr viele Kanadier außerhalb der Schule kennenlernt. So habe ich um die Weihnachtszeit für den Verein Samaritan’s Purse Geschenke für eine Spende eingepackt, bin mit einer Gruppe Senioren aus dem Altenheim in der Shopping Mall bummeln gegangen (sehr lustig! Da gab es die tollsten Geschichten!) oder habe an einer Kleidersammelaktion für Obdachlose mitgewirkt. Vor allem durch dieses Engagement konnte ich Freundschaften schließen, weil wir eine kleine Gruppe von sehr engagierten Schülern waren und verschiedene Ideen und Projekte  eigenständig umgesetzt haben.

Also, habt keine Angst vor einer katholischen Schule! Ich hatte ein wirklich tolles High School Jahr und die ganzen Sorgen von „der langweiligen Schule und den strengen Nonnen“  waren völlig unbegründet.

Ansprechpartnerin Kanada

Gaby Kühn

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