“There are no foreign lands. It is the traveler only who is foreign.” Dieses Zitat von Robert Louis Stevenson habe ich erst einige Monate später, nachdem ich bereits von meinem Auslandsaufenthalt zurückgekehrt war, entdeckt. Wenn ich heute jedoch an meine Zeit in Kanada zurückdenke, ist dieses Zitat das erste, was mir in den Sinn kommt. Es verkörpert meine finale Feststellung, alle Erkenntnis, die mein fünf-monatiger Auslandsaufenthalt erbrachte. Eine wahrhaft einzigartige Erfahrung, die meine Lebensperspektive und meine Weltanschauung fortan veränderte.

Als ich im Februar 2015 nach langem Warten und scheinbar endloser Vorbereitungsphase endlich meinen 11-stündigen Flug nach Victoria, der Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbias, antreten konnte, war ich so aufgeregt wie nie zuvor. Im Nachhinein kann ich mich kaum noch an den Tag meiner Ankunft erinnern. Bruchstückhaft sehe ich, wie mich eine mir unbekannte Familie, meine zukünftige Gastfamilie, vom kleinen Flughafen auf Vancouver Island abholte. Wie mich meine kleine Gastschwester mit ihren Freundinnen im Haus begrüßte; in der Hand Pappschilder mit der Aufschrift „Welcome to Canada, Kate“. Ich erinnere mich,  dass ich vom langen Flug todmüde war und trotzdem an diesem Abend mit meinen Gasteltern und beiden Gastschwestern auf der Couch saß und über Gott und die Welt sprach. So kam es, dass ich bereits am ersten Abend in meiner fernen Heimat beruhigt und friedlich einschlafen konnte.

Natürlich gab es auch unangenehme Momente in den ersten Wochen und selbst danach; Situationen, in denen ich nicht wusste, was ich sagen soll, was von mir erwartet wird, welche Rolle für mich in meiner Gastfamilie vorgesehen ist. Ich glaube, dass weder ich noch die anderen Internationals jemals so viele Gläser Wasser getrunken haben – natürlich alles Tarnung;  Wasser bot einen triftigen und selbsterklärenden Grund, um das Wohnzimmer zu betreten und dadurch eine zufällige Konversation mit einem Familienmitglied zu starten. Alles ausgeklügelte Taktiken der Austauschschüler, um möglichst natürlich mit der Gastfamilie ins Gespräch zu kommen :D Für mich persönlich spielten meine neuen Freunde, aus den verschiedensten Ländern der Welt stammend, eine mindestens so große Rolle wie meine Gastfamilie. Bereits nach wenigen Tagen fanden wir uns zusammen und begannen Vancouver Island zu erkunden. Es formte sich eine kleine Gruppe aus Deutschen, einer Koreanerin, Mexikanerin, ein paar Kanadiern und Brasilianern. Das Einzigartige an diesen Freundschaften war, dass unabhängig von kulturellen Unterschieden oder sprachlichen Differenzen bei allen der Wunsch nach einem Abenteuer, einem vorübergehenden Leben in Kanada, nach neuen Freunden und nach einem Kennenlernen der kanadischen Kultur bestand. Wir verbrachten in unterschiedlichen Konstellationen jeden Tag nach der Schule Zeit miteinander; besuchten Malls, Seen, Tim Hortons, Victoria, die verschiedensten Orte und Landschaften. Vancouver Island ist besonders im Frühling ein wahres Paradies! Wenn auf der grünen Insel im März die ersten Blüten aufgehen, die Bäume dank des Lichtes ihre Farben entfalten und der Himmel in strahlendem Blau aufreißt, gibt es kaum einen schöneren Ort auf der Welt. 

Die Flora und Fauna sind derart atemberaubend und sagenhaft, dass sich viele Ausflüge ergeben, um diese traumhafte Naturwelt näher kennenzulernen. Ab und an verbrachte auch meine Gastfamilie Zeit mit mir im Freien und wir schlugen Zelte nahe des French Beach auf oder fuhren mit dem Campingwagen in den Wald und verbrachten dort ein verlängertes Wochenende. Natürlich spielte sich auch ein großer Teil meiner Zeit auf der High School ab, die ich besuchte, der Stelly’s Secondary School. Stelly’s wurde für mich durch die herzliche, offene Atmosphäre und die Menschen, die mir in diesen fünf Monaten sehr an Herz wuchsen, besonders aber durch meine gewählten Fächer zu einer einzigartigen Erfahrung. An meiner Schule setzte sich der Stundenplan so zusammen, dass jeder Schüler vier Fächer à 90 Minuten täglich hatte und das fünf Monate lang. So begann mein Tag mit einem Block maths, ging über in 90 Minuten spanish, beschäftigte sich im dritten Block mit einem independant study in der Bücherei und endete mit meinem Traumfach cafeteria, wo ich mit nur einer weiteren Freundin eineinhalb Stunden lang kochen und backen durfte.

Der Stundenplan wiederholte sich zwar, wodurch ich meinem täglichen Matheunterricht nicht ausweichen konnte, allerdings wurde mir so mein Traum der täglichen Kochschule ermöglicht. Da ich aufgrund eines medizinischen Hintergrunds keinen Sport machen darf, begann ich vor Jahren leidenschaftlich gerne zu kochen und zu backen. Mit meinen drei Lehrerinnen, die allesamt professionelle Köchinnen waren, verbrachte ich auch außerhalb der regulären Unterrichtsstunden sehr viel Zeit in der Küche. Ich lernte unheimlich viel über Kochtechniken und erfuhr, welche Fehler ich bei vorherigen Backversuchen gemacht hatte. Das ganze Schulerlebnis unterschied sich stark von dem deutschen; größtenteils darin, dass man tatsächlich gerne und viel Zeit in der Schule verbrachte. Im Nachhinein lehrte mich mein Auslandsaufenthalt insbesondere eine Sache: um ein Land kennenzulernen braucht man Zeit. Viel Zeit. Es reichen keine zwei Wochen, in denen man so viele Städte und Attraktionen hineinpackt wie nur möglich. Der Schlüssel liegt darin, sich Zeit zu nehmen und in dem Land zu leben. Eine Gastfamilie ist die beste Möglichkeit, da man somit die Touristen-Brille verliert und in das tägliche Geschehen der Einheimischen eingebunden ist. Traditionen, Abläufe und Prioritätensetzungen der Gastfamilie verleihen dem Land eine persönliche Note und bringen den tatsächlichen Charakter der Einwohner und somit des Landes zum Vorschein. Eben deswegen ist ein Schüleraustausch oder Auslandsaufenthalt, der einen Schulbesuch beinhaltet, meiner Meinung nach so individuell und einzigartig. Sehr selten besteht die Möglichkeit, eine Kultur derart zu erfahren, darin zu partizipieren und sich diese zu eigen zu machen. Wer aktiv in einer ortsansässigen Familie lebt und die Routine und Schulroutine der Einwohner lebt, erlangt ein komplett anderes Verständnis und erfasst ein differenziertes Bild der Kultur. Jemand, der zum Beispiel als Deutscher das gleiche Land bereist und zwar nach deutscher Art, im Gepäck das deutsche Zeitverständnis, deutsche Regeln und Normen, deutsche Traditionen und Essverhalten, die deutsche Lebensweise und deutsche Prioritätensetzung und deutsche Lebensbetrachtung, wird rückblickend und vergleichsweise ein anderes Land, ein anderes Kanada sehen.

Diese Erkenntnis hat mein Reiseverhalten und mein Urteilsvermögen über „fremde“ Kulturen grundlegend verändert und meiner Ansicht nach verbessert. Nie wieder möchte ich der stereotype Tourist sein, der in der Blütezeit des Landes einfällt und mit Kameras ausgestattet drei Städte an zwei Tagen besucht. Ich sehe mich heute noch auf dem Rasen des Parlaments in Victoria in der einen Hand einen Kaffee von Tim Hortons und in der anderen ein paar Reeses Peanutbutter Cups; meine Freunde und mich, wie wir amüsiert das hektische Treiben und flüchtige Datenaufzählen einer Reiseleiterin und ihrer Gruppe vom Gras aus beobachteten. 

Dank ODI und allen Beteiligten, die meinen Austausch so unglaublich bereicherten, hat sich mein individueller Reise-Blickwinkel für immer verändert. 

Ansprechpartnerin Kanada

Gaby Kühn

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