Auf eine andere Schule zu gehen, eine andere Sprache zu sprechen, neue Freunde zu finden und das exakt 6.693,37 km von zu Hause entfernt - ein Traum, der Dank ODI für mich wahr wurde. 

Von Februar bis Juli 2014 habe ich mit einer unglaublich netten Familie gelebt und das Kildonan East Collegiate in Winnipeg, Manitoba besucht. Obwohl ich schon viel mit meiner Gastmutter geschrieben und mich auch viel über die Stadt und Schule informiert hatte, machte ich mir doch so meine Gedanken. Vor Allem das Wetter in Winnipeg bereitete meiner ganzen Familie Sorgen (minus 40 Grad Celsius) und wie ich mich wohl zurechtfinden würde. Letztendlich überwiegte dann aber doch die Vorfreude, als es dann losging.

In Winnipeg empfing mich meine Gastmutter Tara mit meinen Gastschwestern Tessa und Chloe inklusive Maria, die im letzten Jahr mit der Familie gelebt hatte. Bei meiner Familie zu Hause angekommen, wurde ich dann erst einmal richtig überrascht. Ich wusste zwar, dass Tara einen Hund besitzt, dennoch war ich erschrocken, als Layla mir bellend und ziemlich feindselig entgegen sprang. Trotz dieses, etwas misslungenen Starts, entwickelte sich zwischen uns bald eine gute Freundschaft.

Am nächsten Tag reiste Maria nach Hause, nicht ohne mir ein paar etwas beunruhigende Tipps zu geben, die sich letzten Endes aber nicht als wahr herausstellten.

Der darauf folgende Tag war dann auch schon mein erster Schultag. Die kanadischen Schüler mussten noch nicht  zum Unterricht kommen, deshalb hatten wir "Internationals" die Schule für uns allein. Wir wurden von unserer Beratungslehrerin und zwei Damen, die uns mit dem Englisch helfen sollten, empfangen. Nach einer kurzen Einführung war uns schon klar, dass wir eine wirklich gute Schule gewählt hatten. Jeder war unglaublich freundlich zu uns und alle Lehrer waren bereit, uns bei allem zu helfen. Auch die anderen Schüler nahmen uns von vorne herein warmherzig auf und griffen uns bei Problemen jeglicher Art gerne unter die Arme.

Etwas gewöhnungsbedürftig war dann doch der Stundenplan. Wir hatten jeden Tag die gleichen fünf Stunden, und da ich auf eine Vocational-School ging, wurden auch viele berufspraktische Fächer wie z.B. Kochen, Backen, Tischlern usw. angeboten.

In den darauf folgenden Wochen gewöhnte ich mich langsam ein. Weil es wirklich sehr, sehr kalt war, konnte mir meine Gastfamilie erst einmal nicht wirklich viel von der Stadt und ihrer Umgebung zeigen. Dafür organisierte der Schuldistrikt zu Anfang einige Field Trips und auch die Schule bot uns einiges.

Ein Ausflug, der besonders heraus stach, führte uns in einen nahe gelegenen Provincial Park. Mitte März kletterten die Temperaturen langsam auf  -5 Grad und die Highways waren wieder befahrbar. Deshalb hatten unsere Lehrer beschlossen, Langlaufen zu gehen. Anstatt zur Schule zu gehen, fuhren wir also mit einem typisch amerikanischen Schulbus in die "Wildnis". Dort angekommen wurden wir erst einmal vor Bären gewarnt und angewiesen, auf den Wegen zu bleiben. (Tatsächlich aber wurde dort seit Ewigkeiten kein Bär mehr gesehen.) Als wir dann endlich los laufen konnten, wurden jedoch keine Gedanken mehr an mögliche Gefahren verschwendet, denn es ging gleich einen der wenigen Hügel um Winnipeg hoch. Trotz der Anstrengung hatten wir alle unglaublich viel Spaß und wollten gar nicht mehr aufhören. Zu Mittag machten wir dann ein Lagerfeuer und grillten, umgeben von Schneemassen.  Danach ging es wieder los, bis wir gegen Abend zur Schule zurückkehren mussten.

Obwohl ich in den fünf Monaten mit vielen Leuten, sowohl Kanadiern als auch Internationals, Freundschaften schloss, verbrachte ich die meiste Zeit mit meiner Gastfamilie. Meine Gastmutter, Tara, behandelte mich wie ihre Kinder, ohne dabei aufdringlich zu sein, unterhielt sich mit mir und half mir mit meinen Problemen zurechtzukommen. Chloe, die ältere Schwester, stellte mich ihren Freunden vor und half mir, mich zu integrieren. Selbst Dan, der Vater der beiden Mädchen, nahm mich auf Ausflüge mit. Doch am besten befreundete ich mich mit Tessa, meiner zwölfjährigen Gastschwester. Von Anfang an war sie mir gegenüber aufgeschlossen und interessierte sich am meisten für mich. Bald spielten wir im Garten, gingen zum Schlittenfahren und unterhielten uns stundenlang. Sie half mir beim Englisch lernen, während ich ihre Hausaufgaben verbesserte und sie Vokabeln abfragte. Auch sonst machten wir viel zusammen und verstanden uns alle wirklich gut. 

Mein wohl schönstes Wochenende in Kanada ereignete sich im Mai. Am Samstag fuhren wir etwa eineinhalb Stunden nach Norden. Jetzt konnte ich das erste Mal wirklich sehen, wie groß das Land ist. Sobald wir von der Hauptstraße abgefahren waren,  begegneten wir kaum noch einem Auto. Am Straßenrand waren lose verstreut verlassene Farmhäuser zu sehen, die auf Grund des schlechten Bodens vor etwa fünfzig oder mehr Jahren aufgegeben worden waren. Wir entdeckten sogar ein altes Ein-Zimmer Schulhaus mit zurückgelassenen Tischen und Büchern. Nach einer interessanten Fahrt kamen wir an unserem Ziel, dem Naturpark nahe dem Dorf Narcisse, an. In dieser Gegend treffen sich alle Schlangen des mittleren Westens zur Paarung. Überall kriechen Schlangen über die Wege und wer schnell genug ist, kann sie auch fangen. Auf dem Rückweg fuhren wir dann noch an Gimli, dem so genannten "New-Iceland" vorbei. Es liegt direkt am Lake Winnipeg und lebt mittlerweile fast ausschließlich vom Sommertourismus. Am Lake Winnipeg, der zu den größten Seen der Welt zählt, erlebten wir eine Überraschung. Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit war der See noch immer zugefroren. Nach einer kurzen Besichtigung Gimlis kehrten wir für die Nacht nach Winnipeg zurück. 

Am nächsten Tag fuhren wir dann Richtung Nordosten ins White Shell. Die Region besteht aus vielen kleinen und großen, zum Teil miteinander verbundenen Seen. Zuerst besuchten wir ein Naturreservat, wo wir uns die heimischen Tierarten erklären ließen. Neben Kanadagänsen und Schwarzbären waren auch mehrere Adler und andere Vögel ausgestellt. Natürlich durfte auch der so berühmte Loon (Eistaucher), der auch die Ein-Dollar-Münze schmückt, nicht fehlen. Weiter ging es zu vielen Seen und Wasserfällen, an denen sich zahlreiche Cabins befanden. Mittags aßen wir am Rande eines Valleys, das nur von First Nations betreten werden darf. Nach einer kurzen Kayaktour auf dem Redrocklake sahen wir uns ein weiteres Aboriginal  Heiligtum an. Die Petroforms sind aus Steinen gebildete Darstellungen, meist von Schildkröten, Menschen und Schlangen. An den Bäumen hingen Tücher, die den Ahnen und den Geistern gewidmet waren. Für meine Gastschwestern und mich waren diese Formen gleichermaßen beeindruckend, vor allem da der durchschnittliche Kanadier eine sehr negative Meinung von den First Nations hat.

Nach diesem faszinierenden Wochenende brach in der Schule die entscheidende Phase an. Zwar hatten wir noch Zeit für einen Besuch im geschichtlichen Museum, der "Altstadt" von Winnipeg und der "Question Period" im Länderparlament, vor allem mussten wir uns aber auf die Examen vorbereiten. Inzwischen waren wir Internationals richtig gut zusammengewachsen und hatten auch viele kanadische Freunde gewonnen. Wir trafen uns noch ein letztes Mal zum Grillen und unterschrieben die kanadischen Flaggen. Nach den Examen besuchten wir noch einmal unsere Lieblingsplätze wie z.B "the Forks", ein multikultureller Markt, und die vielen Restaurants. Die letzten Tage pendelten wir dann sowieso nur noch zwischen dem Flughafen und den Häusern unserer Freunde hin und her.

Als dann doch der Tag der Abreise gekommen war, konnte ich gar nicht fassen, wie schnell die Zeit vergangen war. Ich hatte viel erlebt und mich ziemlich verändert. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so gut in einem anderen Land einleben könnte und dabei noch entspannt sein würde. Natürlich hatte ich meine Familie in Deutschland vermisst, aber ich wäre trotzdem noch gerne länger geblieben. Vor allem meine Gastfamilie vermisste ich schon, bevor ich los geflogen war. Deshalb fiel mir der Abschied auch genauso schwer, wie der von meiner Familie fünf Monate zuvor. Schließlich wusste ich nicht, wann und ob ich sie wieder sehen würde.

Mittlerweile bin ich froh wieder zu Hause zu sein. Zwar fiel es mir am Anfang richtig schwer mich wieder einzugliedern und Deutsch zu sprechen, aber ich habe Erfahrungen gesammelt, die mir nicht wieder weggenommen werden können. Ich hoffe, dass mich meine Gastfamilie und auch meine Freunde im Sommer besuchen kommen. Auf jeden Fall werde ich den Kontakt halten und keinen Augenblick vergessen, denn dieses halbe Jahr war wirklich vielseitig, schön und aufregend - einfach unglaublich!  

Ansprechpartnerin Kanada

Gaby Kühn

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