Erfahrungsbericht USA: Annika 2011-2012, Teil 2

Halbzeit in Wisconsin


Hallo nach Deutschland!

Es ist kaum zu glauben, aber die Hälfte meines Auslandsaufenthalts ist bereits vorüber. Fühlt sich aber nicht so an, nicht im Geringsten. Noch immer findet man fast jeden Tag etwas Neues und Aufregendes, sei es das neue Lieblingsgeschäft oder ein neues Lieblingsgericht (so viel sei gesagt: fried cheese curds - es sind zwar „nur“ frittierte Käse Bällchen, aber ich bin verliebt und würde sie wahrscheinlich 24/7 essen, wenn man sie servierte).

Was hat sich also getan, seit ich mich das letzte Mal gemeldet habe. Nun ja, so einiges. Das Leben halt. Ich habe Freunde gefunden und Leute, die mich nicht leiden können, Dinge die ich am liebsten nicht mehr missen möchte (cheese curds) und Dinge, auf die ich gerne verzichten kann, Erfahrungen gesammelt und jede Menge Spaß dabei gehabt.

Ich versuche das Ganze jetzt in halbwegs chronologischer Reihenfolge wiederzugeben.

Seit Anfang November schleppe ich mich mehrfach die Woche zu grauenvollen Zeiten wie 8:30 Uhr Abends oder 7 Uhr in der Früh am Samstagmorgen für zweieinhalb Stunden zum Fußballtraining und genieße jeden Moment dort. Das Training ist lang, hart und kräftezehrend, aber es lohnt sich, da ich auf dem besten Wege bin, im Varsity Team zu spielen (das Team ist auf State Niveau und war letztes Jahr auf Platz 9 von über 130 Teams). Mittlerweile sind es weniger als 40 Tage bis die Saison anfängt und ich kann es jetzt schon nicht mehr abwarten.

Ebenfalls im November lag der Geburtstag meiner Gastmutter, die diesen aber „out of town“ feierte und wir die Feier später nachholen würden. Somit kamen meine Gastcousinen (beide in meinem Alter) über das Wochenende vorbei und auf der Agenda stand ein typisches Mädchen-Wochenende mit vielen DVD’s, Süßigkeiten und Cookies zum Frühstück - so lautete der Plan. Dieser wurde am Samstag auch genauso ausgeführt…bis der nächste Morgen kam. Um sieben Uhr morgens, wir allesamt gerade erst erwacht, versammeln uns im Wohnzimmer, schmeißen den Fernseher an und spielen „Schere, Stein, Papier“ um zu ermitteln, wer als erstes die Dusche in Beschlag nehmen darf. So sitzen zwei verschlafene Teenager auf der Couch, als es plötzlich an der Tür klopft. Mein erster (und einziger) Gedanke war, dass es der Nachbar sei, um meiner Gastmutter zu gratulieren, wer sonst steht an einem Sonntagmorgen um halb acht vor der Tür? Verwirrt und dennoch interessiert gingen wir zur Tür und öffneten. Wir trauten unseren Augen nicht. Ein Cousin meiner Gastmutter aus Deutschland stand vor der Tür, er wollte sie zum Geburtstag überraschen. Damit hätte niemand gerechnet (und er nicht mit der Tatsache, dass sie gar nicht zu Hause ist). Aufgrund dessen beschlossen wir, eine kleine Überraschungsfete zu schmeißen, wenn sie am Abend wiederkommt. Der Tag versank im Chaos und dennoch haben wir alles organisiert bekommen und das Gesicht meiner Gastmutter beim Anblick ihres Cousins in unserem Wohnzimmer war einfach nur göttlich. Ein rundum gelungenes Wochenende.

Überdies hatte der local rep von Minnesota einen Washington D.C. und New York City Trip für Austauschschüler im Midwest organisiert. Dies war wohl eine der besten Wochen meines Lebens, so viel gelacht, gelernt und so viele neue Freunde aus aller Welt (Niederlande, Norwegen, Indonesien, Brasilien, Korea und unzähligen anderen Ländern) kennengelernt. Dabei so wenig geschlafen, so verdammt viel Zeit im Bus verbracht und extreme Wettersprünge hingenommen (von dezentem 25°C T-Shirt Wetter in der Hauptstadt bis zu 8°C und strömenden Regen ohne Jacke in NYC).
Wir haben so viel gesehen und doch bei weitem noch nicht alles entdeckt. Vom Smithsonian Museum Komplex in D.C. über diverse Monumente und Regierungseinrichtungen wie dem Capitol oder dem Weißen Haus bis zur Statue of Liberty und dem Times Square in New York. Ich könnte an dieser Stelle ausgiebig über allerlei Details erzählen doch belassen wir es einfach damit, dass es eine unvergessliche und geniale Woche war!

Kaum aus New York wieder „daheim“ stehen Thanksgiving und Black Friday vor der Tür. Während Thanksgiving besinnlich im Wisconsin Style verbracht wurde (Football gucken, die Packers spielen doch ;)) nimmt der Tag gegen Nachmittag eine Wendung. Man durchforstet allerlei Zeitungsanzeigen nach den besten Angeboten, nur um sich gegen 11 Uhr in einer langen Schlange vor einem Laden einzureihen, um Dinge wie Elektronik oder einfach nur Klamotten zu einem Spottpreis zu erlangen. Dieser Shopping Marathon dauert dann auch mal mehrere Stunden. In meinem Falle war es Thanksgiving Nachmittag ca. ein bis zwei Stunden, dann um elf Uhr abends aufstehen und in einer Schlange anstellen, um eine halbe Stunde in der Kälte zu warten, zwei Minuten (vergleichsweise schnell) durch den Laden rennen, bis man das Gewünschte Item findet und eine weitere dreiviertel Stunde an der Kasse anstehen. Dann der nächste Laden und so weiter… irgendwann gegen 2:30 Uhr schlafen gehen nur, um um acht wieder aufzustehen und wieder einkaufen zu gehen. Klingt verrückt, einige benehmen sich auch so (man sollte einige Läden meiden), aber alles in allem eine super Erfahrung!

Dann stand Weihnachten vor der Tür. Um ehrlich zu sein, unterschied sich mein Weihnachten hier kaum von dem in Deutschland, die Familie kommt zusammen und verbringt eine schöne Zeit. Und sieht natürlich Football (Stichwort: „Packer Pride“), genau wie an Silvester.

Somit begann das neue Jahr und mir wurde bewusst, dass ich „bald“ schon wieder nach Hause muss. Jawohl „MUSS“ denn „mein neues Leben“ hier gefällt mir so gut, dass ich glatt hier bleiben könnte…

Am Ende des Schulhalbjahres hatten wir eine Projektwoche und ich schrieb mich in das Thema „Remembering the Holocaust“ ein – einerseits gewagt („die Deutschen…“) aber andererseits eine grandiose Erweiterung meines Horizonts. Nicht weil ich besonders viel Neues über den Holocaust lernte (was nach dem 10. Schuljahr an meiner deutschen Schule quasi unmöglich ist), sondern weil ich Menschen traf. Menschen, denen ich erklären konnte, wie „die Deutschen“ über das Geschehene denken. Menschen, die den Holocaust überlebten und uns ihre Geschichte erzählten. Menschen, die Konzentrationslager befreit haben, als sie in der US Army dienten.
Diese persönliche Verbindung zu eben diesen Menschen lehrte mich mehr als alle Bücher dieser Welt je könnten und ich empfinde es als persönliche Bereicherung, die Möglichkeit gehabt zu haben, sie kennen zu lernen.    

Und dann kam er: SuperBowl Sunday. Wie ich ihn herbeigewünscht habe! Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich Football verstand, doch die Zeit, in der Football für mich nur ein Haufen von Männern auf einem Ball liegend war, liegt weit hinter mir. Ich habe den Sport lieben gelernt und bin bereit für das Massenspecktakel. Ganz im Sinne des Erfinders begaben wir uns zu einer SuperBowl Party mit einem ganzen Haufen Freunden und haben uns das Spiel angesehen. Enttäuscht, dass die New England Patriots (Stichwort „Patriotismus“: die „NE Pats“ sind das einzige Team mit einem deutschen Spieler in der ganzen NFL, somit war mein Favoriten Team klar) verloren haben, aber glücklich wegen der genialen Stimmung ging es wieder heimwärts. Dennoch gab es ein Problem während des Spiels: denn wenn man den SuperBowl wegen des Spiels guckt und die Werbespots (die oft extra für den SuperBowl gedreht wurden) sowie die Halbzeit Show sehen will, wird man keine Zeit finden, um sich mal schnell auf’s stille Örtchen zu verziehen…

Und was geschieht jetzt? Ich weiß es nicht, und ich werde es auch nicht wissen, bis das Leben mal wieder „passiert“ und die kleinste Kleinigkeit alles verändern kann.
Wobei meine Intentionen dennoch klar sind: mehr Fußball, noch tiefere Freundschaften festigen und noch so viel mehr Spaß haben – egal ob zu Hause, mit Freunden oder in der Schule.

Und dennoch kann ich nicht ausdrücken, wie dankbar ich bin, dass mir meine Eltern diese Möglichkeit bieten konnten, ich die besten Gasteltern habe, die ich mir vorstellen könnte und an der (für mich) weltbesten High School eingeschrieben, bin aber vor allem, dass ich noch weitere fünf Monate vor mir habe.
  
Viele Grüße aus meiner zweiten Heimat in Wisconsin,

Annika