Erfahrungsbericht USA: Annika 2011-2012, Teil 3

Wieder in Deutschland

Nun ist es also vorbei, mein Abenteuer. Ich habe seit etwa einem Monat wieder deutschen Boden unter den Füßen, will aber eigentlich schon wieder weg. Hier also eine Zusammenfassung des Anfangs vom Ende.

Während das zweite Semester nur so vorbei zu fliegen schien, war ich unter der Woche nie vor sechs Uhr abends zu Hause. Das lag daran, dass ich als „Starter“ für unsere Schulmannschaft (Fußball natürlich ;)) jeden Tag entweder Training oder ein Spiel hatte. Da wir uns nach wie vor in Wisconsin befinden, wird im Freien trainiert und gespielt solange kein Blizzard oder Gewitter aufzieht. Regelmäßig wird bei 32°F (etwa ein bis zwei Grad Celsius) noch ein weiterer Pulli über die „Under Armour“ (Sportshirts aus sehr dünnem Material, die dennoch sehr, sehr warm halten) gezogen und losgerannt. Man fühlt sich ein wenig wie „Rocky“ wenn man drei Stunden lang Kälte, Wind oder gar Regen getrotzt hat und trotzdem noch allein zum Auto laufen kann. Auf der anderen Seite habe ich während der gesamten Saison täglich um die 3000 Kalorien gegessen. Zu jeder Tages und Nachtzeit fand man mich mit irgendetwas zu Essen, sodass ich irgendwann einen eingespielten Rhythmus entwickelte. Während der Saison blieb auch nicht viel Zeit für andere Dinge, weshalb es etwas ruhiger und unspektakulärer verlaufen ist, doch jede investierte Sekunde hat sich gelohnt. Ich war nicht Teil eines Teams, sondern einer Familie, ich habe so ziemlich jedes McDonald’s an der I94 (Interstate) zwischen Milwaukee und Chicago gesehen und einen Teamgeist erlebt, den ich in Deutschland so nie gesehen habe und wahrscheinlich auch nie wieder sehen werde. Am Ende konnte ich die Saison als Erfolg abschließen, als defensiver Mittelfeld Spieler ein Tor geschossen sowie diverse Vorlagen gegeben zu haben und dabei zu jeder Zeit das Vertrauen eines geschlossenen Teams hinter sich zu haben.

Auch in der Schule hatte ich mehr Spaß denn je, man kannte nun wirklich jeden, kam mit Lehrern und gestellten Aufgaben problemlos klar und genoss seine Zeit. Da die Schule über den Sommer in ein neues Gebäude umzog wurde etwa drei Wochen vor Ferienbeginn kaum noch unterrichtet. Stattdessen packten wir Kisten und leerten Regale, alberten rum und waren im Inneren doch traurig über den Umzug; da das Gebäude die Schule so fantastisch repräsentierte, klein, etwas chaotisch und herzlich. Am Ende des Schuljahres stand jedoch noch eine Projektwoche an. Gewählt habe ich diesmal das „Baseball Intensive“, insgeheim auch nur weil wir zu einem Spiel der Brewers fahren würden. Und wie das im Harborside Style gemacht wird, lässt man sich nicht lumpen und packt vierzig Schüler in einen Bus und fährt bereits am Vormittag zum Miller Park um dort noch gemütlich zu tailgaten. Tailgating ist besonders im Baseball üblich und besteht daraus, dass man vor dem Spiel zusammen kommt und quasi aus dem Kofferraum grillt, danach selbst etwas Baseball spielt und dann eingestimmt zum Ballpark geht. Es macht unheimlich Spaß und wenn man das Ganze dann auch noch als Teil einer Großgruppe bestreitet gleich noch viel mehr. Das Spiel selbst war auch ein Erfolg, da die Brewers im 10. Inning über die Chicago Cubs gewannen.

Und da war er auch schon. Mein letzter Schultag. Das Jahr, das einst so lang schien, ist plötzlich nicht lang genug. Tränenreich verabschiedest du dich von Freunden und sogar Lehrern, die dir während des Jahres allesamt ans Herz gewachsen sind. Am Abend wurde noch eine Abschieds- Poolparty für alle ATS veranstaltet und der halbe Jahrgang versammelte sich in Garten und Haus, einige blieben sogar über Nacht. Somit wurde dieser letzte Abend mit all’ meinen Freunden aus aller Welt unvergesslich und mir wurde bewusst, dass es jetzt „vorbei“ sein soll. Ein letztes Mal wirst du von deiner Cousine nach Hause gefahren. Du packst deine letzten Sachen und verabschiedest dich von den Nachbarn. Schneller als dir lieb ist findest du dich wieder im Chicago O’Hare International Airport. Auf Grund eines Staus auf der Autobahn hast du kaum Zeit dich von deiner Gastfamilie zu verabschieden. Hals über Kopf drückst du ihnen ein Abschiedsgeschenk in die Hand, umarmst sie ein letztes mal und schreitest davon.
Am nächsten Morgen findest du dich auf deutschem Boden wieder und wunderst dich, wo der Sommer geblieben ist. Während es in Chicago bei heiterem Sonnenschein Temperaturen um die 30°C gab, begrüßt dich Deutschland mit der Hälfte dessen und Regen. Als wärst du nie weg gewesen.

Ich würde es jederzeit wieder wagen. Wenn ich morgen einen Anruf bekäme, säße ich am nächsten Tag bereits im Flieger. Es war ein voller Erfolg.

Viele Grüße,
Annika