Alltag – ein Wort, dessen Bedeutung mir erst in Ecuador richtig bewusst geworden ist. 

In Deutschland bin ich noch zur Schule gegangen und hatte, in Kombination mit meinen Hobbies, dadurch auch einen Alltag. Nur besaß ich den gefühlt schon seit der Grundschule und habe einfach vor mich hin gelebt, ohne über meinen Lebensstil nachzudenken. Es war eben wie es war. 

Jetzt wiederum bin ich seit über vier Monaten in Ecuador. Als ich ankam, war alles neu, alles ungewohnt, alles ungeordnet. Jetzt habe ich einen festen Alltag gefunden und dadurch, dass der so neu ist und ich ihn erst erstellen musste, mehr über die Bedeutung eines Alltags nachgedacht. Alltag bedeutet für mich: alle Tage wieder. Er bringt Kontinuität und Struktur in meine Wochen und gibt mir Aufgaben. Er ist wandelbar und doch fest und er kann Motivation, Betrübtheit sowie Wut in einem auslösen.

Meine Tage starten 6:40 Uhr. Ich stehe auf, ziehe meine Arbeitssachen an und mache mich im Bad fertig für den Tag. In den meisten Fällen bin ich morgens gut gelaunt und motiviert, da ich gern in mein Projekt gehe und weiß, dass die Chancen gut stehen, dass ich dort einen schönen Tag haben werde. Nach dem Fertigmachen gehe ich zum Frühstück. Am Anfang fiel es mir schwer, dass wir meistens herzhaft frühstücken, mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt. Von angebratenen Kochbananen über Kartoffeln oder Reis mit Erbsen bis hin zu Toast mit Obst ist alles dabei. Mittlerweile kenne ich die Variationen, was es zum Frühstück geben kann, und weiß, von welchem Essen ich den Tag bis zum Mittag gut durchhalte und von welchem nicht. Nach dem Spülen unserer Teller gehe ich noch einmal in mein Zimmer und habe noch ungefähr eine Stunde Zeit, bis ich zur Arbeit gehe. Diese freie Zeit nutze ich meistens zum Telefonieren oder auch, um Tagebuch zu schreiben und ein wenig zu entspannen. Die Telefonate mit meiner Familie sowie Freund:innen bereichern mich sehr und helfen mir, kein extremes Heimweh zu entwickeln. Zu meiner Arbeit nehme ich drei verschiedene Busse und laufe dann noch ca. 15 Minuten einen Berg hoch. Wenn ich Glück habe, kommt zu diesem Zeitpunkt ein Arbeitskollege von mir mit dem Auto und ich bekomme eine Mitfahrgelegenheit. Gegen 9:30 Uhr beginne ich in immer unterschiedlichen Bereichen zu arbeiten. 

Nach der Arbeit fahre ich wieder nach Hause und dann beginnt der Teil des Tages, mit dem ich bisher noch sehr unzufrieden bin. Ich habe fast nichts zu tun und bin noch nicht genügend integriert, als das ich ein Hobby hätte, welchem ich nachgehen könnte. Eigentlich habe ich mir vorgenommen, in dieser Zeit Spanisch zu üben, jedoch fehlt mir dazu meistens die Kraft. Also liege ich in meinem Bett und schweife mit meinen Gedanken in die unterschiedlichsten Bereiche ab. Manchmal backen Linde und ich etwas, um uns die Zeit zu vertreiben, doch in den meisten Fällen bin ich nachmittags ziemlich verloren und deprimiert. Ich habe das Gefühl, in Deutschland viel mehr Kraft für viele Dinge gleichzeitig gehabt zu haben. Hier strengen mich die Stunden auf der Arbeit so sehr an, dass nichts anderes am Tag mehr möglich ist. Das stört mich sehr, doch kommt die Kraft auch einfach nicht wieder. Vielleicht verarbeite ich immer noch zu viele Eindrücke, obwohl ich das Gefühl habe, mittlerweile schon alles in meiner Umgebung zu kennen. 

Seit Dezember versuche ich gegen diese Kraftlosigkeit vorzugehen und mich für neue Hobbys zu motivieren. So habe ich jetzt begonnen, ins Gym zu gehen, um mehr Sport zu treiben und etwas für meinen Körper zu tun. Das ist zwar regelmäßig eine Überwindung, jedoch geht es mir danach viel besser und ich habe neue Energie. (Mal schauen, wie lange ich das jetzt durchhalte.) Außerdem werde ich zusammen mit Emma, Kati und Linde im Januar anfangen, noch einmal Spanischunterricht zu nehmen, um meinen Lernprozess wieder voranzutreiben. Derzeit habe ich nämlich leider das Gefühl, dass dieser Prozess stagniert. Zusätzlich habe ich wieder angefangen, mehr Bücher zu lesen und bin derzeit dabei, mich nach möglichen Studienrichtungen umzusehen, da das Thema: „Was mache ich nach meinem Auslandsjahr?“, immer mehr in den Vordergrund rückt. 

           

Weihnachten in Ecuador

Mein letzter Block ist mittlerweile drei Monate her und ich muss sagen, dass seitdem sehr viel Neues passiert ist. In meiner Gastfamilie bin ich komplett angekommen. Ich fühle mich wohl und gehe nach der Arbeit gern nach Hause. Am Anfang hatte ich noch manchmal die Sorge, dass sich das vielleicht nie als Zuhause anfühlen würde, doch mittlerweile konnte ich diese Angst widerlegen. Ich kenne mich aus, habe mein Zimmer gemütlich eingerichtet, kenne den Tagesablauf in der Familie und kann mich immer besser unterhalten. 

Zu Weihnachten war ich das erste Mal alleine mit meiner Gastfamilie, da meine Mitbewohnerin Linde Besuch von ihren Eltern bekommen hatte und mit ihnen auf Reisen war. Die Vorweihnachtszeit war eher nicht sonderlich weihnachtlich. Seit November stand schon unser Baum, viel mehr Schmuck hatten wir aber auch nicht. Durch das immer gleichbleibend warme Wetter, den damit einhergehenden fehlenden Herbst und Schnee kam ich nicht in diese kuschlige vorweihnachtliche Stimmung. Selbst das Plätzchen backen mit meinen Freundinnen, Weihnachtsfilme kucken und weihnachtliche Musik hören, änderten an diesem Gefühl nichts. Im Nachhinein muss ich sagen, dass dies vielleicht auch gar nicht so schlecht war, da ich so weniger Heimweh hatte. Es war so anders als zu Hause in Deutschland, dass ich mein gewohntes Weihnachten nicht wirklich vermisst habe. Am 23. Dezember bin ich zusammen mit einem Freund von meiner Arbeit nach Mindo gefahren, einen Ort am Rande des Regenwaldes. Ich war dort zwar zuvor schon ein mal gewesen, jedoch hatte es mir so gut gefallen, dass ich gern nochmal mitgefahren bin. Wir besuchten die Wasserfälle, kamen in einen sehr starken Regen, der meine Schuhe komplett durchnässte, weshalb ich die restliche Zeit in meinen Adiletten verbringen musste, besuchten eine Schmetterlingsfarm und aßen sehr leckeres Essen. Am 24. Dezember telefonierte ich mit meiner Familie, die mich übers Telefon bei ihrer Bescherung dabei sein ließ. Das war eine wirklich schöne Sache und fühlte sich fast schon so an, als wäre ich dabei. Sogar für mich lag ein kleines Geschenk unter ihrem Weihnachtsbaum, eine Schallplatte von einer meiner Lieblingsband. Über diese kleine Überraschung freute ich mich wirklich sehr. 

Als ich wieder zu Hause angekommen war, fragte mich meine Gastmama Fanny, ob ich dabei sein wolle, wenn sie und mein Gastpapa Loren einer Verwandten, die sehr krank ist, ein kleines Geschenk in Form von Lebensmitteln vorbeibringen würden. Ich stimmte zu und so fuhren wir zu einem kleinen, heruntergekommenen Haus. Ein Pfleger nahm uns in Empfang und führte uns zu dem alten kranken Ehepaar. Die Beiden waren für mich ein sehr schwieriger Anblick, den ich auch nicht mehr vergessen werde. Lorens ältere Schwester konnte nicht mehr sprechen, zitterte stark und versuchte gerade Brei zu essen. Ihr Ehemann erkannte seine Familie nicht, begann schließlich sogar zu weinen, weil es ihm nicht gut ging und konnte nur sehr unverständlich sprechen. Die Beiden können alleine gar nichts mehr, erklärte uns der Pfleger. Er kam täglich vorbei, um ihnen Essen zu kochen und sie ab und an zu waschen; in der Zwischenzeit waren sie auf sich allein gestellt. In Deutschland wären die Beiden vermutlich in einem Altersheim, hier scheint es so etwas nicht zu geben. Der Anblick beschäftigt mich noch immer. Zurück zu Hause aß ich zusammen mit meinen Gasteltern, meiner Gastschwester Ruth und der Familie meines Gastbruders zu Abend. Es gab Reste vom Mittagessen: Reis, Huhn, Gemüse und für mich einen vegetarischen Taler. 

So richtig Weihnachten feierten wir erst am 25. Dezember. Fanny hatte mich zuvor gefragt, ob ich mit in die Kirche kommen würde und ich stimmte zu. Als wir kurz nach 9 Uhr ankamen, waren schon einige Leute da und sangen spanischen Lobpreis. Die Leute sangen, klatschten und tanzten zu der Musik, die live von einem Chor vorgetragen wurde. Ich fühlte mich sofort richtig wohl. Der Gottesdienst ging ungefähr zwei Stunden lang und über die Zeit füllte sich die Halle komplett. Wir sahen ein kurzes modernes Krippenspiel, eine Tanzgruppe, einen Kinderchor und eine Predigt, von der ich tatsächlich einen Großteil verstand. Zum Abschluss bekam jede Familie eine Tüte mit Süßigkeiten geschenkt. Wie ich lernte, sind diese Tütchen hier eine Tradition. Man kann sie fertig gepackt im Supermarkt kaufen und verschenkt diese an alle Leute, die man kennt und gern beschenken würde. Meine Gastschwester meinte, dass die Kinder immer viel zu viele Tüten davon bekommen würden und die Weihnachtszeit geprägt von diesen Süßigkeiten ist. Ich finde das eine echt schöne Tradition. Nach der Kirche gab es ein gemeinsames Truthahn-Essen mit der Familie. Meine Gasteltern waren sehr stolz, sich einen Truthahn leisten zu können, da die hier schon recht teuer sind. Weil ich wusste, wie besonders dieses Essen für meine Gastfamilie war, kostete ich, obwohl ich eigentlich Vegetarierin bin, auch etwas vom Truthahn, worüber sich Fanny sehr freute. Ich war glücklich, ihr diesen Gefallen machen zu können und somit auch etwas Dankbarkeit zu zeigen. Geschenke sind in meiner Gastfamilie kein großes Ding. Lucas, der Enkel von Fanny und Loren, bekam ein kleines Spielzeug, die anderen schenkten sich untereinander Socken. Für Linde und mich hatte Lucas ein Armband aus Perlen gebastelt, worüber ich mich sehr freute. Wir beide hatten im Vorhinein zusammen Butterplätzchen und Cookies gebacken und so schenkte ich allen Familienmitgliedern eine Tüte mit typisch deutschen Plätzchen. Fanny freute sich sehr und fand sie super lecker, weshalb sie mich bat, ihr Plätzchen backen beizubringen. Dies wurde dann zu unserer Nachmittagsgestaltung. Ich machte Plätzchenteig, stach zusammen mit Lucas kleine Herzen sowie Sterne aus und verzierte später noch zusammen mit Fanny und Lucas‘ Mama die fertigen Plätzchen mit einem Zitronenzuckerguss. Das gemeinsame Backen machte mich sehr glücklich und gab mir das Gefühl, dass wir zum ersten Mal richtig kulturellen Austausch betrieben. 

           

Silvester an der Küste 

Nach Weihnachten fuhr ich zusammen mit meinen Freundinnen an die Küste. Zuerst besuchten wir Puerto López und die Isla de la Plata, eine Insel, die auch als Minigalápagos bekannt ist. Wir verbrachten sehr schöne Stunden am Strand, gingen Schnorcheln und sahen einen Seelöwen, Meeresschildkröten, Delfine sowie Blaufußtölpel. Obwohl ich schon öfter Trips in Ecuador gemacht habe, fühlte sich diese Reise zum ersten Mal richtig nach Urlaub an. 

Nach ein paar Tagen wechselten wir unseren Standort und verbrachten Silvester am Strand in Montanita zusammen mit den anderen Freiwilligen unserer Organisation. Silvester am Meer zu verbringen, eine kurze Hose sowie ein Top zu tragen und 0 Uhr ins Meer rennen zu können, während über einem ein Feuerwerk den Himmel erhellt, war für mich eine komplett neue Erfahrung, an die ich mich sicher noch lange erinnern werde. 

            

Eine Tradition in Ecuador ist es, am Silvesterabend Puppen aus Pappmaschee, mit ganz verschiedenen Bemalungen und Größen, zu verbrennen. Man lässt durch diese Tradition alles Schlechte im alten Jahr. Des Weiteren haben die Farben, die man Silvester trägt, eine Bedeutung dafür, was man sich im nächsten Jahr wünscht. So steht beispielsweise rot für die Liebe und gelb für Geld. 

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit dazu habe, Feiertage wie diese in einer anderen, für mich zuvor fremden Kultur feiern zu dürfen und somit auch neue Traditionen kennenzulernen. Die Tage mit meiner Gastfamilie sowie am Meer haben mir sehr gut gefallen und ich bin schon gespannt, was die nächsten Monate so mit sich bringen werden. 

Bald ist ja auch schon Halbzeit…

Liebe Grüße aus Ecuador 

Johanna 


1 Kommentar

Sabine Köhn · 22. Januar 2023 um 20:48

Liebe Johanna,
hier kommen liebe Grüße aus Tauscha von allen aus unserem Hause (Oma, Opa, Försters, Köhns und natürlich Lola und Leo…
Deine Berichte faszinieren mich immer wieder. Kann mir gut vorstellen, dass dich so manche Begebenheit auch nicht gleich loslassen wird ob gut oder traurig.Bei deinen Berichten wird einem immer wieder bewusst, wie gut es uns hier geht und dass eben nicht alles so „selbstverständlich“ ist. Ihr seid also baden gegangen zum Jahreswechsel und wir haben mal wieder etwas Schnee, was ich auch wunderbar finde. Unser Leo fühlt sich wohl im Schnee, da tobt er sich immer richtig aus.
Wir wünschen dir noch viele schöne Erlebnisse und freuen uns immer wieder auf Neuigkeiten von dir.
Liebe Grüße Sabine und der Rest aus dem Hause

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