Vorbereitung auf meinen Freiwilligendienst

Vor drei Jahren habe ich mich gefragt, wie es sich wohl anfühlt, wenn man sich von seiner Familie verabschiedet, wenn man am Flughafen steht und in das Flugzeug einsteigt, wie man Klamotten für ein Jahr in einen Koffer kriegen soll und was so die ersten Eindrücke im neuen Land sein werden. 

Vielleicht hätte ich mir damals eher Gedanken darüber machen sollen, wo ich eine passende Organisation finden kann oder in welches Land ich gehen möchte. Aber mal ehrlich: wenn man den Traum entwickelt, nach der Schule ins Ausland zu gehen, dann sind das definitiv nicht die Fragen, die man sich zuerst stellt. Mit der Entwicklung des Traums kam die Vorfreude und traurige Abschiedsgedanken wurden spontan verdrängt.

In der elften Klasse habe ich mich über weltwärts schließlich für einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst beworben und wurde von meiner Organisation Open Door International e.V. (ODI) angenommen. Es folgte ein Vorbereitungsseminar online sowie in Präsenz und nach und nach fühlte ich mich ziemlich gut vorbereitet auf die zehn Monate Ecuador, die im September beginnen würden. Zehn Monate auf einem fremden Kontinent, in einem fremden Land, in einer fremden Stadt und bei einer fremden Familie. 

Und plötzlich waren sie da, die letzten Tage vor der Ausreise. Ein Jahr Vorbereitung mit Impfungen und Arztbesuchen, Anschaffungen eines Koffers und Rucksacks sowie mentaler Vorbereitung auf etwas, auf das man sich aus der Ferne überhaupt nicht vorbereiten kann, war plötzlich vorbei.

Ich stand vor einer meiner Anfangsfragen: Wie bekomme ich Sachen für zehn Monate in einen 100-L-Koffer? Ich kann sagen: es geht, aber man muss starke Abzüge machen.
Was könnte ausbleichen oder verwaschen? Ohne welche Sachen fühle ich mich nicht wohl, aber welche möchte ich auch nicht kaputt machen oder verlieren? Was brauche ich für Reisen im Land und wie wird eigentlich das Wetter? Welche Dokumente benötige ich und wie oft muss ich sie kopieren? Was kann ich an Dekoration für mein Gastzimmer mitnehmen, ohne dass ich weiß, wie es aussieht und zu welcher Familie ich komme?
Nach einigem Hin und Her konnte ich meinen Koffer am Tag der Abreise endlich schließen. Ich verabschiedete mich mit einer Freundes- und Familienfeier von allen, die mir wichtig sind. Es war schön, alle nochmal zu sehen und über die Zukunft zu reden, ohne zu ahnen, was zehn Monate eigentlich für eine lange Zeit sind.

Dieses Geschenk habe ich als Andenken von meinen Freunden und meiner Familie bekommen.

Ausreise

Schließlich beantwortete ich mir eine weitere Frage: Wie wird es sich anfühlen, mich von meinen engsten Freunden und meiner Familie zu verabschieden? Es fühlt sich komisch an.
Es flossen einige Tränen und es gab viele Umarmungen. Ich konnte nicht einschätzen, was meine Entscheidung bedeutet, sah aber in den Augen meiner Eltern, dass es jetzt ernst wird. Ich sagte meinen Hunden auf Wiedersehen und schließlich fuhr mich mein Freund am 31. August 2022 gegen 22 Uhr zum Flughafen. 

Es war eine seltsame Fahrt – normal und doch skurril. Wir unterhielten uns wie sonst auch, sangen zur Musik mit und lachten. Als ich das erste Mal die Abfahrt zum BER, dem Flughafen in Berlin sah, bekam ich einen Kloß im Hals.
Selbst wenn man es sonst nicht so oft bespricht oder zugeben möchte, in einer Beziehung bildet sich automatisch eine emotionale Abhängigkeit. Ich war nun an dem Punkt, dass ich mich körperlich trennen musste und die Emotionen nur noch über Videotelefonate und WhatsApp ausgetauscht werden würden. Wir setzten uns noch eine Weile in den Flughafen, stellten uns schließlich beim CheckIn an, gaben meinen superschweren Koffer ab und holten meine Bordkarte.

Der Moment war gekommen. Es war 4 Uhr am Morgen und ich weinte.

Natürlich könnte ich es jetzt schönreden und sagen, der Abschied wäre nicht schwergefallen, aber was würde das bringen? Es ist hart. Sehr hart. Und trotzdem habe ich es getan, da in mir eine Vorfreude auf so viel Neues schlummerte, die mich antrieb, diesen Schritt durch die Sicherheitsschranke wirklich zu gehen. Und ich war mit meinen Gedanken und Gefühlen ja auch nicht allein.
Neele und ich flogen von Berlin zusammen nach Amsterdam und trafen dort auf die anderen Freiwilligen. Wir waren nun zu Zwölft und alle ein wenig müde sowie aufgeregt. Elf Stunden Flug lagen vor uns, die mit ein bisschen unbequemen Schlaf und einigen Filmen recht schnell vergingen.

           

Als wir ausstiegen, war mein Koffer einer der Ersten, der mit uns ankam, was mich sehr erleichterte. Wir warteten noch eine ganze Weile, jedoch bekam eine von uns, Kai, ihren Koffer leider nicht. Er hatte Frankfurt nicht einmal verlassen, würde aber nachgeschickt werden.
Gemeinsam gingen wir durch „das Tor in eine neue Welt“, was eigentlich nur eine Tür war, in den Vorraum des Flughafens, wo viele Menschen mit Schildern auf die Fluggäste warteten. Auf einem der Schilder stand „FIIDES“, der Name unserer Partnerorganisation in Ecuador. Wir verließen die Empfangshalle des Flughafens und traten nach draußen, wo uns ein Bus abholen würde.
Was meine ersten Gedanken waren, als ich auf ecuadorianischen Boden stand?
Ich fragte mich, ob ich das jetzt wirklich machen würde. Und nach einem kurzen Moment der Sentimentalität sah ich Berge, Sukkulenten und Palmen. Ich war nun endlich, nach über 24 Stunden des Wachseins und 13 Stunden Flug, da.
Ecuador: meine neue, längerfristige und doch befristete Heimat.

Meine Zeit in Ecuador beginnt 

Unsere Zeit hier in Ecuador begann mit einem Orientation Camp mit FIIDES. Wir wurden in eine Art Jugendherberge gebracht und lernten einige Sachen über Ecuador, die Geschichte des Landes, worauf man achten sollte und was schöne Reisetipps sind. Das Essen war super lecker und ich wohnte zusammen mit Emma, Linde und Kristina in einem Zimmer, bei welchem über der Badezimmertür keine Wand gezogen war.

   

Das Essen schmeckte hervorragend. Es gab Obst und Nudeln, Reis, verschiedene Bohnen sowie Toast und frische Säfte. Das Obst hier in Ecuador ist kein Vergleich zum importierten in Deutschland. Wir lernten, dass man hier das Klopapier nicht ins Klo werfen darf, sondern es in einem Mülleimer im Bad entsorgen muss – die Momente, wenn eine von uns aus dem Bad reif: „Oh nein! Ich habs schon wieder falsch gemacht!“, waren echt die Besten.
Am Freitag, dem zweiten Tag in Ecuador, lernten einige von uns ihre Projektleiter:innen kennen. So traf ich das erste Mal auf Paul, den Chef des „Jardín Alado“, in welchem ich die nächsten zehn Monate arbeiten würde.
Der Jardín Alado ist ein Rehabilitierungszentrum für Vögel aus dem Regenwald. Papageien, Adler und viele mehr werden dorthin gebracht, wenn sie zum Beispiel im Straßenverkehr verletzt wurden. Die meisten werden an diesem Ort alt, da sie nicht mehr in der Lage sind, ausgewildert zu werden. Außerdem gibt es eine Farm und einen Garten, aus welchem am Wochenende das Essen für die Besuchenden zubereitet wird.

  

Am Samstag, den 3. September, lernte ich meine Gastfamilie kennen. Linde und ich verabschiedeten uns von den anderen und stiegen zusammen mit unserer Gastmama und unserem Gastpapa in einen Jeep, der uns in unser neues Zuhause bringen würde. Wir wohnen in Tumbaco, einem Vorort von Quito. Die Fahrweise hier in Ecuador war uns beiden völlig neu. Kaum jemand blinkte, alle wechselten wie sie wollten die Spuren und die Straßen sind von sehr gut bis schlecht ausgebaut. Wir dachten erst, dass es bei diesem, für uns „Chaos“, viele Unfälle geben müsste, aber das ist überhaupt nicht der Fall. Die Fahrweise mag verwirrend wirken, ist aber eigentlich rücksichtsvoll und der Straßenverkehr funktioniert über die Spiegel statt die Blinker.

Unser Haus liegt in der „Comuna Central“, einer Kommune recht weit oben auf dem Berg Ilaló. Hier kennen sich alle untereinander, was unseren Wohnort sehr sicher macht. 

Unsere Gastmama hat uns aufgenommen, als wären wir ihre eigenen Kinder. Sie zeigte uns das Haus und erklärte die unterschiedlichsten Funktionsweisen von Küche bis Bad – natürlich alles auf Spanisch.

Ich hatte zwar Spanisch in der Schule, jedoch fällt mir hier die Kommunikation sehr schwer. Ich verstehe vieles, habe aber starke Probleme, meine Gedanken in Worte umzuwandeln. Aus diesem Grund habe ich angefangen, mir Vokabellisten zu schreiben, die mir im täglichen Leben nützen können. Eine Liste für Verben, eine mit Essen sowie eine mit Alltagsgegenständen, zum Beispiel Geschirr. Zusätzlich haben wir alle Spanisch-Unterricht online, der hilft, sich mehr und mehr zurechtzufinden.
Ich bin nun seit einer Woche hier und kann sagen, dass das Spanisch von Tag zu Tag ein kleines Stückchen besser wird, weil man anfängt, einfach drauf loszureden. Trotzdem muss ich gerade lernen, sehr viel Geduld mit mir selbst zu haben, da ich mehr von mir erwarte, als ich in den ersten Tagen leisten kann.

       

Das Bussystem habe ich so langsam verstanden und finde mich immer mehr zurecht. Angst um meine Sachen oder mich hatte ich bisher noch gar nicht. Ich finde die Menschen in Tumbaco sehr aufgeschlossen und hilfsbereit.
Bezüglich des Vermissens kann ich sagen, dass ich derzeit noch gut zurechtkomme, da ich jeden Tag sehr viele neue Eindrücke habe und kaum Zeit finde, über mein mögliches Leben in Deutschland nachzudenken. Ein leichtes Tief hatte ich bisher an meinem sechsten Tag hier, da ich an diesem Tag Geburtstag hatte. Geburtstag zu haben, wenn man erst so kurz in einem fremden Land ist, ist nicht einfach, da man dann die Familie sehr vermisst. Es war mein erster Geburtstag, den ich nicht zu Hause verbracht habe. Meine Freunde und Familie sowie Gastfamilie haben sich jedoch alle sehr viel Mühe gegeben, dass mir dieser Tag in schöner Erinnerung bleibt.
So bekam ich von Linde richtig coole Socken mit Motiv geschenkt, meine Eltern und mein Freund überraschten mich mit einem gemeinsamen Anruf, während sie zu Hause meinen Geburtstag feierten, und meine beste Freundin schnitt mir ein Video von uns zusammen und sendete es mir über WhatsApp. Meine Gastfamilie hat für mich geschmückt und wir haben mit der Großfamilie zusammen Abendessen und Kuchen gegessen. Der Tag wurde so immer wieder von schönen Sachen geprägt.

Bezüglich des Kulturschocks hatte ich bisher noch keine großen Probleme. Ich fühle mich sehr wohl und sicher und lebe mich immer mehr ein. Meine Gastfamilie, das Projekt und die Umgebung geben mir das Gefühl, willkommen zu sein und auch mit Nachrufen wie „Americana“ (Amerikanerin) oder „Gringa“ (Ausländerin), wurde ich noch nicht konfrontiert. Das Einzige, was mich schockiert, sind die vielen Straßenhunde. Ich wusste, dass es diese gibt, konnte es mir jedoch in der Realität nicht vorstellen.

Jetzt also habe ich mir alle Fragen beantwortet und natürlich gibt es neue.
Wie werde ich über einen längeren Zeitraum als eine Woche ohne meine Familie und Freunde zurechtkommen? Werde ich mich immer so sicher fühlen wie jetzt gerade? Wie gefällt mir mein Projekt auf lange Sicht? Was für Orte werde ich hier sehen?
Diese Fragen wird mir wohl nur die Zeit beantworten können…

Falls ihr interessiert seid an noch mehr Bildern sowie Eindrücken, könnt ihr gern meinem Instagram-Account „jojoenecuador“ folgen. Dort kommen hoffentlich weiterhin regelmäßige Updates über meinen Freiwilligendienst.

Liebe Grüße aus Ecuador
Johanna


2 Kommentare

Winand · 15. September 2022 um 17:19

Hallöchen Frau Lange,
Ich möchte Ihnen mitteilen das sich das sehr schön anhört

Sabine Köhn · 17. September 2022 um 11:04

Liebe Johanna, bin beeindruckt und erfreut über deinen ausführlichen Bericht. Manches kommt mir sogar bekannt vor, als wir 2002 durch die Dom. Rep. reisten und Menschen, Alltag in diesem Land kennenlernen durften (Toiletten, Straßenverkehr usw).
Auch musste ich jetzt Tränchen verdrängen als du von deinem Abschied geschrieben hast. Wünschen dir weiterhin viele tolle Erlebnisse und Spaß an deiner Arbeit! Liebe Grüße aus Tauscha von Sabine und allen anderen aus dem Hause

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.