Wenn man in den Urlaub fährt, erlebt man viele neue Dinge, sieht Außergewöhnliches und lernt auch neue Kulturen kennen. Urlaube sind – zumindest, wenn man sie nicht nur im Hotel verbringt – eine Art des kulturellen Austauschs. Sie können es zumindest sein.

Mir persönlich haben Urlaube, zum Beispiel mit meiner Familie, immer großen Spaß gemacht. Ich mag es, neue Dinge zu entdecken und zu erleben sowie neue Menschen und deren Lebenswirklichkeit kennenzulernen. Schließlich habe ich mich für einen langfristigen kulturellen Austausch entschieden und jetzt bin ich hier, in Ecuador – mittendrin und nicht nur dabei. 

Was ich damit meine? 

Wenn man reist, sieht man oft nur die touristischen Gebiete. Man lernt Leute flüchtig kennen und hat hinterher das Gefühl, das Land und die Leute zu verstehen, kennt aber eigentlich nur das, was man sich anschauen wollte. Man war für einen kurzen Moment dabei und ist schlussendlich weitergereist. Das Bild, welches bleibt, ist bearbeitet – zurecht geschnitten – unvollständig. 

Ich wohne jetzt hier in Tumbaco, habe ein Zimmer und durch meine Gastfamilie ein Zuhause, zu dem ich gern komme. Ich spreche die Sprache von Tag zu Tag ein bisschen besser und bin täglich im Kontakt mit Ecuadorianer*innen. Ich arbeite mit ihnen, wir fahren zusammen Bus, kaufen gemeinsam ein, gehen in dieselben Cafés und kaufen unser Obst und Gemüse auf dem gleichen Markt. Ich schau mir nicht nur die touristischen Spots an, sondern auch das Leben – schließlich bin ich für einen gewissen Zeitraum ein Teil davon und lebe eine andere, für mich neue Lebensrealität mit. 

Trotzdem muss ich auch kritisch mit mir, meinem Dasein in Ecuador und auch der Überschrift dieses Blogs sein. Ich lebe hier und bin mittendrin, das stimmt. Der große Unterschied ist aber: ich habe mir das so ausgesucht und meine deutsche Staatsangehörigkeit bringt Privilegien mit sich, die ich nie ablegen können werde. Ich lebe so, weil ich das will. Es war meine freie Entscheidung, diese Erfahrung machen zu wollen. Ich reise, kaufe und erlebe Dinge, weil ich die Möglichkeiten dazu habe. 

Ich lebe hier mit den Ecuadorianer*innen zusammen, doch wir haben trotzdem Unterschiede. Auch meine zehn Monate reichen definitiv nicht aus, um das zu ändern – man kann es gar nicht ändern. 

Ich bin also Teilzeit mittendrin und teilweise reell dabei. 

                  

Vor allem bin ich aber unglaublich dankbar und glücklich darüber, das Privileg zu haben, solch eine Erfahrung machen zu können. Ich weiß, dass diese Möglichkeit nur ein geringer Teil der Menschen auf dieser Welt hat und dieser Gedanke macht mich dankbar und traurig zugleich. Ich möchte versuchen, mein Bestes für einen kulturellen Austausch zu geben.

Soeben habe ich schon ein bisschen angeschnitten, was mich derzeit beschäftigt: meine Rolle in diesem Land und was ich eigentlich vom Leben will. 

Linde und ich hatten nun schon einige Abende, an denen wir über die Zukunft gesprochen und auch an unserem Aufenthalt gezweifelt haben. Ich weiß persönlich noch nicht, was ich nach meinem Jahr hier machen möchte. Ich bin unentschlossen, viele Dinge interessieren mich, aber ich kann nicht einschätzen, was mich davon in Zukunft wirklich erfüllen wird. Ist das überhaupt möglich mit neunzehn Jahren? Kann man je wissen, was das Richtige für ein ganzes Leben ist? 

Über die Zukunft zu sprechen hilft uns beiden in Momenten der Traurigkeit sehr. Wir stellen uns dann vor, wie es sein wird, wenn wir wieder zurück nach Deutschland kommen, und uns ist auch klar, dass wir einen Kulturschock bekommen werden. Trotzdem macht es unseren Aufenthalt hier greifbarer. Auch noch nach einem Monat kann ich nicht verstehen, dass ich nun wirklich hier bin und den Schritt gewagt habe, meine Comfort-Zone und Heimat zu verlassen, für eine nicht voraussehbare Erfahrung. Wenn ich an meinen begrenzten Aufenthalt denke, werden mir die Auswirkungen meiner Entscheidung bewusster.

Traurigkeit – ein Thema welches selten, aber dennoch regelmäßig eine Rolle für mich spielt. Es gibt Tage, da kann ich das alles hier nicht begreifen, bin überglücklich sowie stolz auf mich selbst und gehe beinahe unbeschwert durchs Leben. An anderen Tagen sehe ich, wie das Leben für meine Freund*innen und Familie in Deutschland normal weiter geht und es trifft mich sehr. Ich weine nicht, aber ich wünsche mich, ohne das wirklich zu wollen, für einige Momente nach Hause. Ich stelle mir mein gewohntes Umfeld vor, was ich machen würde, wenn ich jetzt zu Hause wäre, denke an Umarmungen und Unternehmungen mit meinem Freund und werde wehmütig. Solche Tage sind vor allem montags, wenn ich vom Alltag aus den Wochenenden gerissen werde und für einen Moment das Gefühl habe, keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben. Ich schwebe dann nicht in einem romantischen Sinne über den Dingen, sondern bin einfach verloren, das Gegenteil von unbeschwert und frei. 

Mein Projekt – Jardín Alado Ilalo 

Ab Dienstag geht es mir dann meistens besser, da mich mein Projekt und die Arbeit mit den Tieren in einem wirklich liebevollen Umfeld wieder auffängt. Mein Projekt ist etwas, wofür ich sehr dankbar bin. Innerhalb des letzten Monats durfte ich in den verschiedenen Bereichen des Rehabilitierungszentrum arbeiten und habe meine Lieblingsbeschäftigungen ausfindig machen können. 

Die Arbeit mit den Papageien ist für mich die Erfüllendste von allen. Sie sind extrem intelligent und liebevoll sowie lernbegeistert und für mich ein Symbol von Freiheit. Natürlich darf man hierbei nicht vergessen, dass sie alle eine Geschichte hinter sich haben, die von Unfreiheit und Unwohlsein sowie falschem Umgang des Menschen mit der Natur zeugt. Ich schätze hier die Arbeit der Mitarbeitenden sehr, die es mit viel Liebe schaffen, den Tieren ein lebenswertes Leben zu ermöglichen und sie teilweise wieder zurück in die Natur zu entlassen.

Ich möchte an dieser Stelle eine Geschichte erzählen, von einem Papagei, der zu uns kam, als ich gerade in diesem Bereich gearbeitet habe. Er ist auf beiden Augen blind, fast taub und hat statt schöner grüner Federn graue kahle Stellen am Körper. Tabareo, ein Amazona Farinosa, kam aus einem Haushalt, in dem er in einem kleinen Käfig gehalten wurde, nie geflogen ist und statt mit verschiedenem Obst mit Schokolade und immer den gleichen Früchten sowie Essensresten gefüttert wurde. Zu viel Zucker ist für Papageien sehr schädlich – er lässt sie erblinden und ihre Federn verlieren. Tabareo hatte am Anfang starke Angst, da er einen nie kommen hören oder sehen konnte und erst mitbekam, dass jemand bei ihm war, wenn man ihn berührte. Er fraß nicht, bewegte sich nicht und saß zitternd in einer Ecke. Mittlerweile frisst er aus der Hand und Leben kommt in ihn zurück. Seine Federn werden neu wachsen, die Augen bleiben blind – sein Schicksal hat mich stark getroffen und mich wütend werden lassen auf die Menschen und unseren Umgang mit der Natur und ihren Lebewesen. Wir zerstören eine Artenvielfalt, die nicht rekonstruierbar ist.

                

Des Weiteren habe ich bei den Greifvögeln arbeiten dürfen und hatte dort die Gelegenheit, einen Vogel zurück in die Wildnis zu entlassen. Vierzig Greifvögel im Jardín Alado sind nicht mehr in der Lage, ausgewildert zu werden – vierhundertsechzehn wurden es hingegen schon. Das macht mich stolz. Die Greifvögel sind für mich sehr beeindruckende und doch auch einschüchternde Tiere – bei ihnen muss ich mich noch herantasten und austesten, was meine persönlichen Grenzen sind.

                

Flugtraining sowie an Menschen gewöhnen, gehörte hier neben dem Voliere reinigen und Wasser wechseln zu meinen täglichen Aufgaben. Ein junger Greifvogel wurde in meine Obhut gegeben und ich durfte einen Namen aussuchen. Jetzt heißt die noch sehr schüchterne und nicht flugfähige Falkendame Nala.

Meine letzte Septemberwoche arbeitete ich auf der Farm. Neben Papageien und Greifvögeln nimmt der Jardín Alado Ilalo auch Schildkröten, Hühner sowie Kaninchen in Obhut und pflegt sie. Hier habe ich mich sofort in die Babykaninchen verliebt, die erst wenige Wochen alt sind, und kämpfe mit den Hühnern jeden Morgen darum, dass ich in ihr Gehege zum Füttern komme, ohne dass sie nach draußen laufen. Die Arbeit auf der Farm beruhigt mich und lässt mich an mein zu Hause in Deutschland denken, da ich selbst zwei Kaninchen besitze. 

                

Mein Projekt ist für mich ein Ort, an dem ich mich sehr wohl und geborgen fühle. Die Tiere und Menschen fangen mich auf und sind aufrichtig dankbar für meine Hilfe und Unterstützung – das hilft mir in Momenten des Zweifelns sehr.

Meine Wochenenden 

Neben der Arbeit verbringe ich meine Wochenenden damit, das Land und die Leute besser kennen sowie verstehen zu lernen, indem ich viel zusammen mit Linde, Emma und Kathi umher reise. Bisher haben wir die Gegend um Quito erkundet und sind derzeit dabei, Reisen in weiter entfernte Ortschaften zu planen. 

Unser erster kleiner Ausflug führte uns ins Centro Histórico de Quito, in welchem wir durch kleine Gassen liefen, uns den Baustil anschauten und die Basílica del Voto Nacional besucht. Nebenbei aßen wir Empanadas, ein typisches Gericht hier, gefüllt mit Käse und überstreut mit Zucker – das kann ich auf jeden Fall sehr empfehlen. 

Auch sehr interessant fand ich das Casa Museo Guayasamín, ein Museum über den wichtigsten ecuadorianischen Maler und Bildhauer des 20. Jahrhunderts, Oswaldo Guayasamín. Er steht in seinen Gemälden Menschen in Unterdrückung und Verachtung bei und bringt ihr Leid zum Ausdruck. Eine seiner Bilderreihen zeigt die unterschiedlichsten Gesichter Südamerikas – Mestize, Indigene, Weiße – eine Zusammenfassung der Geschichte dieses Kontinents mit Bezug auf die Kolonialisierung dargestellt durch Gesichtsausdrücke.

                

Auch besucht haben wir die Termas de Papallacta, heiße Quellen, die durch Vulkane erhitzt werden und in denen man baden gehen kann. Ein sehr entspannender und wunderschön gelegener Ort mitten in den Bergen, der aber sehr touristisch überlaufen ist. Die Natur auf 3300m Höhe hat mich sehr beeindruckt. Nicht umsonst wird Papallacta auch als „Tor zum Amazonas“ beschrieben. 

Mit dem TelefériQo sind wir am letzten Septemberwochenende auf den Pichincha gefahren, den Hausvulkan von Quito. Der TelefériQo ist eine Seilbahn, die einen auf 4100m fährt. Von dort aus hat man einen unglaublich schönen Blick über Quito und kann weiter nach oben auf die Vulkanspitze wandern. 

Wir sind auf dem Pichincha über Quito geschaukelt, haben einen Ausritt gemacht und sind ein Stück weiter nach oben gewandert. Dann zog leider ein Gewitter auf, welches uns zum Abstieg zwang. Wir lernten sehr freundliche Ecuadorianer*innen kennen, die uns eine wunderschöne Route durch die unberührte Natur zeigten. Während wir da runter wanderten, es über uns laut blitzte und donnerte und ich einmal im Matsch ausrutschte und mich auf meinen Po setzte, fühlte ich mich seit Langem wieder richtig frei. In der Natur zu sein und einfach zu merken, wie klein ich doch eigentlich auf dieser Welt bin und, dass ich gegen beispielsweise das Wetter nichts machen kann, ließ mich neben meinen Zweifeln und der Teilzeit-Traurigkeit wieder wissen, warum ich das hier mache und wofür ich kämpfen möchte: unsere Erde und das Bestehen dieser wunderbaren Artenvielfalt. 

                

Wenn wir keine Ausflüge machen, entdecke ich das Kochen und Backen an den Nachmittagen immer mehr für mich und bin sehr gespannt, wohin mich meine freie Zeit kulinarisch gesehen noch bringen wird. Lindes und meine Tomatensaucen, Cookies oder auch Bananenbrote sind schon nahezu perfekt.

Der September war mein erster Monat hier in Ecuador und er war geprägt von Höhen und Tiefen und erfüllt von Dankbarkeit. Ich habe festgestellt, dass Sprache eine Brücke zwischen Kulturen ist und ich an meiner Brücke gerade die Pfähle baue. Ich habe gelernt, mir Zeit zu geben, meinen Kopf zu entspannen und mich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Ich habe gemerkt, dass ich noch Zeit brauche, um diesen Schritt zu verstehen und dass ich nicht allein bin. Ich habe meine Freunde und Familie in der alten Heimat und selbiges auch hier in meiner neuen Lebenswelt. Neben all meinen Ausflügen und Erfahrungen auf Arbeit finde ich langsam zu mir und das ist eine Reise, auf die ich euch gern weiterhin mitnehmen möchte. 

Es war immer ein kleiner Traum von mir, die Welt ein Stückchen zu verbessern, und je älter ich wurde, desto mehr habe ich verstanden, dass das so einfach nicht möglich ist. Meine Zeit hier wird auch nicht direkt zu einer verbesserten Welt beitragen, sondern größtenteils mich verändern und wenn ich Glück habe, auch in eine bessere Richtung. Wenn wir uns aber alle ab und an auf uns selbst konzentrieren und Zeit für uns nehmen und uns selbst lernen zu reflektieren, haben wir dann nicht doch die Möglichkeit, die Welt ein kleines Stückchen zu verbessern?

Liebe Grüße aus Ecuador 

Johanna 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.