Seit nun mehr als fünf Monaten wache ich jeden Morgen in einem neuen zu Hause auf: mit anderen Menschen, anderen Gerüchen, anderen Gewohnheiten, in einem anderen Land. Daher ist es an der Zeit, euch auch von diesem Thema zu erzählen…

 

  1. Wie sieht Deine Gastfamilie aus bzw. aus wie vielen Personen setzt sie sich zusammen?

In meinem Fall besteht die Gastfamilie aus meiner Gastmutter Mari, dem Hund Luck Skywalker und seit neuestem auch meinem österreichischen Gastbruder Michael, der jetzt nach einem Gastfamilienwechsel hier wohnt. Das heißt ich lebe nun in einer sehr anderen Familienkonstellation, als ich das von zu hause gewohnt bin.

Für mich ist das durchaus sehr interessant, denn wenn ich mich zum Beispiel daran erinnere, als Kind immer Angst vor Hunden gehabt zu haben und diese bis vor Kurzem noch in Form von Respekt hatte, dann sehe ich mich nun in einem ganz entspannten Umgang mit ,,Luckito“. Er kennt mich mittlerweile und steht jeden Tag in der Tür, wenn ich nach hause komme.

Mit meinem Gastbruder verstehe ich mich auch recht gut. Meine Angst, durch ihn mehr deutsch zu sprechen hat sich als unbegründet herausgestellt, denn wir reden auf Spanisch miteinander. Manchmal passiert es, dass unsere Gastmutter uns etwas erzählt und wir neue Vokabeln durch den Kontext lernen. Da wird mir dann oftmals klar, dass es doch teilweise enorme Differenzen zwischen dem Deutsch, dass ich spreche, und seiner österreichisch geprägten Variante gibt. (Für alle, die es noch nicht wussten: Schubkarre wird in Österreich Scheibtruhe (ausgesprochen: Scheibtruchn) genannt.)

Michael hat einen ruhigen Charakter und man kann sich gut mit ihm unterhalten. Er besteht auf eine deutliche Abgrenzung seines Heimatlandes (Österreich) von Deutschland und verallgemeinerte relativ viel was zum Beispiel das Wesen ,,der Deutschen“ anbelangt. Mittlerweile weiß ich gut mit diesbezüglichen Äußerungen umzugehen, ihm ist bewusst, wie meine Meinung dazu aussieht und Gespräche machen mehr Spaß. Interessenbezogen sind wir sehr unterschiedlich, doch das macht es nur umso interessanter.

Mit meiner Gastmutter verstehe ich mich nach wie vor sehr gut. Sie macht die beste Paella, die ich bisher probieren durfte, respektiert alles und jeden und liebt die Jugend. Außerdem habe ich durch sie viele Freiheiten und sie hat immer ein offenes Ohr für mich. Vielleicht ist Politik nicht ihre Stärke und sie hasst es zu diskutieren, doch sie hat ein großes Herz für alle. Man merkt, dass ihr ,,Comida con amor“ (Essen mit Liebe) gekocht wird.

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Meine Gastmutter

  1. Was sind typische Aktivitäten, die Du mit Deiner Gastfamilie unternimmst?

Das Essen ist immer Treffpunkt. Da ich nicht in der Schule esse und immer mit Hunger nach hause komme, fällt das Mittagessen üppig aus (Salat, Tellergericht, Obst) und wir bleiben meist noch eine Weile sitzen. Dann wird eine Menge geredet: sei es über die Schule, kulturelle Unterschiede, die Fallas (Volksfest in Valencia), Essen und mehr…

Manchmal gehen wir Gassi und Mari erzählt Geschichten von ehemaligen Gastschülern (da gibt es viele) oder Freunden und oftmals schweifen wir in Lebensphilosophie ab. Da ich nun intensiver Salsa tanze und meine Gastmutter selbst Sevillanas-Unterricht (regionaler Tanz aus Sevilla) gegeben hat, kommt es teilweise vor, dass ich mich mit ihr tanzend im Wohnzimmer wiederfinde. Früher ist sie mit ihrem verstorbenen Ehemann viel tanzen gewesen, sodass die Konditionen perfekt sind. Ansonsten schauen wir manchmal zusammen Filme und ein Besuch im Aquarium ist auch schon geplant.

Mit Michael habe ich bisher noch nicht sonderlich viel gemacht, doch ich denke wir werden nun regelmäßig gemeinsam zu den Treffen mit den anderen Austauschschülern gehen.

  1. Welche Unterschiede im Familienleben hast Du kennen gelernt?

In Deutschland fand mein Familienleben in der Regel am Wochenende statt, da meine Eltern beide unter der Woche arbeiten. Hier dagegen ist meine Gastmutter zu hause und am Wochenende bin ich viel unterwegs, sodass ich eher unter der Woche mit ihr Zeit verbringe.

Außerdem musste ich mich am Anfang erstmal an das dauernde Küsschen-rechts-links gewöhnen, was natürlich zur spanischen Kultur dazu gehört. Meine Gastmutter ist zudem eine sehr herzliche Person, was die Häufigkeit des Rituals erhöht.

In Berlin habe ich auch deutlich mehr im Haushalt gemacht und gekocht, als ich das hier in Valencia tue. Denn so oft ich auch frage, ob ich ihr etwas abnehmen soll, wird es verneint. Zwar mache ich zu besonderen Anlässen mal einen Kuchen und koche von Zeit zu Zeit, doch irgendwie möchte ich auch nicht weiter in ,,Maris Terrain“ vordringen (sie war Köchin von Beruf). Zudem ist auch das Kochutensil ein anderes, als ich gewohnt bin und ich will keine höheren Stromrechnungen provozieren, da die Preise für Strom und Wasser in Spanien deutlich angestiegen sind.

Auch was die Bandbreite von Aktivitäten angeht ist mein Familienleben hier reduzierter. Zusammen kochen ist in der kleinen Küche zum Beispiel schwierig. Da Mari in ihren gesundheitlichen und finanziellen Möglichkeiten etwas beschränkt ist und vieles in der Stadt schon gesehen hat, mache ich Ausflüge mehr mit Freunden. Dennoch ändert das absolut nichts an der Tatsache, dass ich mich sehr wohl mit ihr fühle und unglaublich dankbar bin.

Von Zeit zu Zeit bekommen wir zudem Gastschüler, die nur für eine oder mehrere Wochen bleiben. Für mich ist das sehr cool, dann so viele Kulturen und Sprachen unter einem Dach zu vereinen.

  1. War es schwierig Freunde in der neuen Heimat zu finden? Hast Du Tipps für zukünftige Weltenbummler?

Spanier sind sehr offen und in der Schule sind viele interessiert an Menschen aus anderen Ländern. Doch man muss auch auf  Leute zugehen. In den ersten Wochen bestanden meine Hofpausen zum Beispiel daraus, mich bei verschiedenen Gruppen dazuzustellen, zuzuhören und manchmal auch ein wenig mitzureden, um alle ein wenig kennenzulernen und rauszufinden, mit wem ich meine Pausen längerfristig verbringen möchte.

Auch jetzt habe ich immer wieder Ausschau nach neuen Gesprächspartnern gehalten, weil ich bei den meisten Themen der Gruppe, mit der ich Zeit verbrachte, nicht mitreden konnte, da mich vieles nicht interessierte oder ich die Hintergründe nicht kannte. Deswegen bin ich auf Leute aus der Jahrgangsstufe über mir zugegangen und bin manchmal bei ihnen. Vielleicht ist es im ersten Moment nicht einfach, weil man niemanden kennt, doch es gibt nichts zu verlieren. Mit einem Lächeln und einer Frage fängt alles an. Selbst wenn du abgewiesen wirst, was bei mir bisher nie der Fall war, passiert nichts.

Ansonsten sollte man meiner Meinung nach zu allem Ja sagen. Für mich wäre ein Abendessen bei McDonalds oder Burger King keine Aktivität, die direkt dazu führt, dass Glückshormone ausgeschüttet werden und auch den Film, den ich neulich gesehen habe, hätte ich mir vermutlich nie angeguckt. Doch es ist eine Gelegenheit, die Jugendkultur und Leute kennenzulernen. Selbst wenn der Abend am Ende nicht unter den schönsten abgespeichert wird, man muss allem eine Chance geben.

Generell gehört Geduld dazu. Man kann nicht erwarten sofort auf Menschen zu treffen, mit denen man ein Verhältnis, wie zu langjährigen Freunden hat. Auch Smalltalk gehört dazu. Vielleicht musst du innerhalb der 10 Monaten deinen Namen 500 Mal wiederholen und 200 Mal erklären, was ein Auslandsjahr ist, doch es lohnt sich.

Außerhalb der Schule Menschen kennenzulernen ist auch empfehlenswert. Zum Beispiel über Treffen mit Freunden von Freunden oder ein Hobby. In meinem Fall verstehe ich mich gut mit den Freunden einer anderen Austauschschülerin, die auf eine andere Schule geht und gehe zur Sprachschule und zum Tanzen, wobei ich dort eher auf Leute, die 25 Jahre oder älter sind treffe und diese somit aufgrund der Altersdifferenz eher nicht zu Freunden werden.

Trotzdem bin ich sozial gut verankert. Außer ein paar Leuten aus der Schule habe ich viel Kontakt mit anderen Austauschschülern. Zwischen uns war von Anfang an eine direkte Verbindung vorhanden, da wir in der gleichen Situation sind und man sich sehr gut untereinander austauschen kann.


Mit Austauschschülern unterwegs

Generell würde ich empfehlen, sich eher auf das Sozialleben anstatt auf die Schule zu konzentrieren. Als jemand, der in Deutschland sehr verantwortungsbewusst mit der Schule  umgegangen ist, fiel mir das am Anfang nicht ganz leicht. Im Unterricht bin ich zwar aufmerksam und mache die meisten Hausaufgaben, doch ich habe für mich gemerkt, dass man durch zwischenmenschliche Kontakte eine Menge lernen kann. Deswegen ziehe ich Treffen dem Lernen für Arbeiten vor. Ich möchte mein Jahr in Valencia genießen, was nicht heißt, dass ich in dieser Zeit faul bin. Gespräche sind zum Beispiel eine super Möglichkeit, den Sprachlernprozess voranzutreiben.

  1. Was hast Du von Deiner Gastfamilie oder auch Deinen Freunden im Gastland gelernt?

Es ist für mich schwierig zu sagen, von wem ich was konkret gelernt habe. Doch natürlich beeinflussen mich meine Familie und Freunde enorm. Größtenteils ist es vielleicht auch einfach der Umstand, allein in einem anderen Land zu leben und sich nicht auf die Schule zu konzentrieren. Meine Wochen sind freier und spontaner geplant, womit es für mich essentiell geworden ist, Prioritäten zu setzen, weil mir mehr Optionen zur Verfügung stehen.

Für mich persönlich habe ich gemerkt, welchen Spaß es macht sich mit Menschen zu treffen. Meine Gastmutter sagte mir am Anfang immer wieder: ,,¡Sal con amigos!“ (Gehe mit Freunden aus!), denn sie wollte, dass ich mich schnell integriere und zudem ist soziales Miteinander einer der Pfeiler der spanischen Kultur. Man denke nur an die gut besuchten Straßencafés im Sommer.


Leonie und die Liebe zu Churros

Gleichzeitig musste ich mir aber auch immer wieder vor Augen führen, dass alles seine Zeit braucht. Es ist in Ordnung am Anfang wenig zu verstehen, nicht alle neuen Vokabeln sofort anzuwenden und nicht gleich super tolle Freunde zu finden. Du kannst dich auch einfach nur ein wenig unterhalten, sei es über das Wetter oder was du gefrühstückt hast. Alles hat einen Anfang.

Mittlerweile fällt es mir auch deutlich leichter mit Menschen zu reden ohne darüber nachzudenken, was andere über mich denken. Es geht außerdem nicht immer darum, dass Dinge einen Sinn haben. Manchmal sollte man einfach Spaß haben und der Intention des Moments folgen ohne daran zu denken, was noch alles auf der To-Do-List steht. Kommunikation zum Beispiel ist wunderbar und ich habe in Spanien noch viel mehr gemerkt, warum ich Sprachen so liebe: weil man sich mit so vielen Menschen verbinden kann.

Auch meinen heiß geliebten Perfektionismus lasse ich ein wenig hinter mir. Letzte Woche war ich zum Beispiel mit einer sehr guten Freundin bei einem Salsa-Workshop, was uns in den ersten zwei Stunden doch ein wenig frustrierte, da wir nicht folgen konnten. Doch mit der Zeit versuchten wir einfach irgendwie mitzumachen, zu improvisieren und letzten Endes machte es richtig Spaß. Dieser Tag zeigte mir wieder, wie wichtig es ist, das Beste aus der Situation zu machen und über sich selbst lachen zu können.

  1. Welchen Gruß möchtet Ihr gerne an Eure Familie und Eure Freunde zuhause richten?

Eine Freundin, die mir von ihrem Auslandsjahr berichtete, sagte mir bevor es losging, diese Erfahrung wäre ungefähr so, als würde man sein Leben im Heimatland auf Pause stellen und wenn man wiederkommt den Wiedergabeknopf drücken. Bis zu diesem Zeitpunkt fehlen mir noch einige Monate, doch schon jetzt freue ich mich darauf. Das Wissen, dass so viele tolle Menschen auf mich warten (und ich natürlich auch auf sie) macht mich sehr glücklich. Erst hier habe ich wirklich zu schätzen gelernt, welche Qualität und Quantität an menschlichen Kontakten mir geschenkt wird. Besonders an meinem Geburtstag wurde mir das nochmal bewusst, als die Nachrichten, Briefe, Pakete und Anrufe nicht aufzuhören schienen.

Selbst wenn die Kommunikation mit manchen im Moment recht ausgedünnt ist, heißt das nicht, dass ich euch nicht vermisse. Es ist einfach auch schwierig ein solches ,,Doppelleben“ zu führen. Danke, dass ihr alle da seid.

Mit Vorfreude auf Ende Juni

Marlene


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