Als ich vor zwei Jahren anfing, zu überlegen, ob ein Auslandsjahr die richtige Wahl für mich wäre, kam auch die Frage nach der Länge auf. Zehn Monate sind eine lange Zeit, dachte ich und zog in Erwägung, nur ein halbes Jahr weit weg von Zuhause zu verbringen. Nun bin ich extrem froh, mich für die lange Variante entschieden zu haben, denn gefühlt wäre die Phase von „einfach nur genießen“ sonst nicht eingetreten. In dieser Etappe meiner Zeit in Valencia befinde ich mich nun und es bleiben weniger als zwei Monate bis zu meiner Rückreise. Dementsprechend schaue ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge in die Zukunft. Doch es bleibt der Trost, ein Gastland innerhalb Europas gewählt zu haben, wohin man verhältnismäßig einfach fahren kann.

1. Was hast Du während Deiner Zeit im Ausland über Dich selber gelernt?

Wie in der Einleitung vielleicht schon angeklungen ist, habe ich einmal mehr gemerkt, dass ich ein sehr emotionaler Mensch bin und der größte Wohlfühl-Faktor für mich die Menschen um mich herum sind. Ich durfte hier spüren, wie schön Traurigkeit sein kann, wenn all die Lieben für eine Zeit nicht bei dir sind. Gleichzeitig habe ich mir dieses Jahr aber auch immer wieder bewusst gemacht, dass ich nicht meine Hormone bin, dass ich öfter von außen auf mich schauen sollte, um Ordnung und Ruhe zu kreieren. Im Allgemeinen die Notwendigkeit, auf mich aufzupassen, ist mir nochmal bewusster geworden, denn ich bin Protagonistin meines Lebens. Somit darf ich meine Geschichte schreiben, die aus Erfahrungen, die man weder als gut, noch als schlecht einstufen kann, besteht. In diesem Sinne habe ich mir auch klar gemacht, dass ich nie „fertig“ sein werde und es daher auch keinen Sinn hat, übermäßig selbstkritisch zu sein.

Dadurch, dass ich Spanisch spreche und mich niemand kannte, konnte ich eine „neue Persönlichkeit“ aufbauen und quasi ganz von vorne anfangen. Die Sprache hat einen immensen Einfluss darauf, wie wir Menschen wahrnehmen, was mir immer wieder bewusst wird, wenn ich mit meiner deutschen Freundin Leonie, die ebenfalls 10 Monate in Valencia verbringt, auf Spanisch rede.

Die Bedingungen, in denen Leute mich kennenlernen sind hier ganz andere. Zum Beispiel was die Schule angeht, wo ich in Deutschland von manchen meiner Mitschülern als Streberin wahrgenommen wurde, da ich in den ersten Jahren des Gymnasiums extremen Ehrgeiz zeigte und generell gute Noten schrieb. Außerdem war ich in Berlin oft diejenige, die alles Mögliche organisierte und als die „Vernünftige“ der Gruppe angesehen wurde. Hier in Spanien konnte ich andere Prioritäten setzen, die Schule etwas beiseite legen und konzentrierte mich darauf, Leute kennenzulernen.  Auch der Fakt, Austauschschülerin zu sein, schenkte mir mehr Aufmerksamkeit. Gefühlt mehr gemocht zu werden oder interessant zu sein, was natürlich 100% subjektiv ist, hat mir mehr Selbstbewusstsein geschenkt. Gleichzeitig hat es mich aber auch daran erinnert, dass die Meinungen von anderen mich nicht beeinflussen sollten.

Außerdem hat die entspannte Lage in der Schule mich gelehrt, Dinge, wenn sie keine wirkliche Bedeutung haben, nicht so ernst zu nehmen. Im ersten Trimester schrieb ich den Noten, die man im spanischen Schulsystem größtenteils für Auswendiglernen bekommt, noch eine gewisse Wichtigkeit zu, was ich dann im Laufe des Schuljahres ablegen konnte. Was nicht heißt, dass ich nun einfach chille, sondern, dass meine Prioritäten andere sind, da ich mich momentan auf meine Sprachzertifikatprüfung vorbereite, viel auf Spanisch lese und nur für die Fächer lerne, wo es mir sinnvoll erscheint.

Durch das Ausgehen und den vielen Kontakt mit älteren Menschen in der Tanzschule und natürlich meine Erfahrung, in der Lage zu sein ohne meine Eltern im Ausland zu leben, nehme ich mich als deutlich erwachsener wahr und traue mir mehr zu. Zwar weiß ich immer noch nicht, was ich studieren soll, doch auf jeden hat sich die Perspektive konsolidiert, dass es etwas mit Fremdsprachen, Organisation oder Kommunikation zu tun haben wird.

Es hat mich erstaunt, zu sehen, an wie vieles ich mich gewöhnen kann, wo ich am Anfang z. B. den Geruch der Wohnung, den Hund Luke und mein Zimmer nicht wirklich mochte und nun das alles gar nicht mehr so wahrnehme.

2. Haben sich Deine Ansichten über Dein Gastland verändert?

Ein Großteil meiner Erwartungen hat sich erfüllt. Spanien ist für mich immer noch das Land der Sonne und der Orangen und Valencia die schöne Stadt am Meer. Mein Bild hat sich jedoch auch deutlich erweitert und ich werde die Menschen hier als herzlich mit einer Vorliebe für Übertreibungen in Erinnerung behalten. Bevor ich hier lebte, war mir nicht bewusst, wie oft die Spanier „¿Qué tal? (Wie geht´s?) fragen.

Aus dem Leben hier sind der dauerhaft laufende Fernseher und die vielen Straßencafés nicht wegzudenken. In Berlin werde ich sicherlich auch die vielen Hackenporsche, die sehr viele Spanier zum Einkaufen benutzen, im Straßenbild vermissen (Im Supermarkt gibt es hier sogar Schließfächer dafür.).

Oftmals sind mir einfach die Unterschiede zu Deutschland, wo das Essen ein kleineren Anteil an Lebenshaltungskosten ausmacht, aufgefallen. Hier lebend wird dir auch klar, dass das Wort Sozialstaat in Spaniens Fall nicht anwendbar ist, denn Kindergeld gibt es zum Beispiel nicht und die Rentner sind oft mit ihren Protesten präsent, um nur zwei Beispiele zu nennen. Über die Wirtschaftskrise und Korruption wird fast täglich gesprochen.

Spanische Nachrichten werden mir mit ihrer betonten Berichterstattung zu aktuellen Kriminalfällen in Erinnerung bleiben, da man in Deutschland wohl kaum zwei Wochen über das Verschwinden eines kleinen Jungen reden und das ganze Land täglich Pressekonferenzen mit den Eltern schauen würde, was hier eines der Beispiele war. Der Fall ging soweit, dass, als der Leichnam gefunden wurde, Menschen im ganzen Land Traueraktionen starteten, Blumen niederlegten und die Mörderin, jegliche Details sowie die Beerdigung im Fernsehen gezeigt wurde.

Ebenfalls bleibend ist die Impression der großen Feminismus-Bewegung, die am Tag der Frau mit riesigen Demonstrationen präsent war.  Außerdem war mir vor meiner Zeit in Valencia nicht klar, wie viele Latinos in Spanien leben und ich dachte, die katholische Kirche wäre bedeutungsvoller.

3. Was hättest Du im Vorhinein anders erwartet?

Generell kam ich nicht mit genauen Bildern meines Aufenthalts in Valencia an. Was ich aber nicht erwartete ist, dass ich vegetarisch essen könnte und dass ich keine Aufgaben im Haushalt bekommen würde. Meine Gastmutter wehrt sich nach wie vor gegen jegliche Hilfe meinerseits. Da ich alles auf mich zukommen ließ, war mir auch nicht klar, dass ich am Ende des Auslandsjahres soviel Zeit in der Tanzschule verbringen würde und im Allgemeinen rechnete ich nicht damit, viel Kontakt mit Menschen außerhalb meiner Altersgruppe zu haben.

4. Welche Punkte/Verhaltensweisen/Ansichten möchtest Du mit nach Deutschland nehmen?

Die Erkenntnis, dass am Ende Genießen der einzige Sinn ist, den das Leben hat. Dementsprechend will ich mehr nicht an morgen denken, dankbar sein für alles, das mir passiert und das in Form von Tagebuch-Schreiben manifestieren. Außerdem möchte ich weiterhin jeden Tag Salat und mediterranes Essen genießen, Menschen anlächeln und die Initiative für Gespräche ergreifen.

Generell will ich meinen Optimismus behalten und mir Zeit für mich nehmen. Auch das geschriebene Wort soll weiterhin durch vermehrtes Lesen und Briefe schreiben gewürdigt werden. Um mich weiter so frei zu fühlen, möchte ich, dass der Minimalismus und Kosmopolitismus weiterhin eine große Rolle in meinem Leben spielen.

5. Was wirst Du am meisten vermissen?

Es wird diese Mischung aus spanischer Sonne, mediterranem Essen, Stressfreiheit und an erster Stelle den Menschen sein. Neben meiner Gastmutter, die morgens zum Abwaschen erstmal die gesamte Wohnung (denn spanische Wände sind dünn) mit Reaggeton beschallt, und Luckito werde ich vor allem Leonie, die ich derzeit fast täglich sehe und mit der ich so viele Erlebnisse teile, vermissen. Auch meine Freundinnen aus der Schule und Menschen aus aller Welt, die ich hier kennengelernt habe, werden mir fehlen.

Schüleraustausch, Erfahrungsbericht, Stipendium, Spanien, ODIMeine Gastmutter Mari

Schüleraustausch, ODI, Open Door International e.V., Auslandserfahrung, Erfahrungsbericht, Stipendium, Stipendiatin, Schule im Ausland, Spanien, letzte WochenLuckito, der mir auch ans Herz gewachsen ist

Schüleraustausch, ODI, Open Door International e.V., Auslandserfahrung, Erfahrungsbericht, Stipendium, Stipendiatin, Schule im Ausland, Spanien, letzte WochenLeonie, María und Ixchel

Schüleraustausch, ODI, Open Door International e.V., Auslandserfahrung, Erfahrungsbericht, Stipendium, Stipendiatin, Schule im Ausland, Spanien, letzte WochenAna und ich

Es ist dieses Gesamtpaket aus Meer, den Straßen mit alten Häusern und Orangenbäumen, was ich in Berlin vermissen werde. Auch die authentische Paella jede Woche wird mir in Deutschland fehlen, weil ich sie da nicht richtig nachkochen kann.

Schüleraustausch, ODI, Open Door International e.V., Auslandserfahrung, Erfahrungsbericht, Stipendium, Stipendiatin, Schule im Ausland, Spanien, letzte Wochen¡Adiós Paella semanal!

Schüleraustausch, ODI, Open Door International e.V., Auslandserfahrung, Erfahrungsbericht, Stipendium, Stipendiatin, Schule im Ausland, Spanien, letzte WochenPalmeras y sol

Schüleraustausch, ODI, Open Door International e.V., Auslandserfahrung, Erfahrungsbericht, Stipendium, Stipendiatin, Schule im Ausland, Spanien, letzte WochenValencia von oben

 

Vor allem die Menge an Ereignissen und jeden Tag daran erinnert zu werden, Kosmopolitin zu sein, soviel Fremdsprachen zu reden, so viel Neues zu entdecken, so viele Menschen aus anderen Ländern kennenzulernen und so viele neue Bekanntschaften zu machen werde ich vermissen. Es ist wunderbar dauernd zu spüren, wie frei ich bin und nicht über Schule nachdenken zu müssen, was mir sehr viel Freizeit verschafft. Auch so oft Salsa zu tanzen und Auszugehen wird mir fehlen.

Schüleraustausch, ODI, Open Door International e.V., Auslandserfahrung, Erfahrungsbericht, Stipendium, Stipendiatin, Schule im Ausland, Spanien, letzte WochenDie Altstadt am Abend

6. Was hast Du Dir für die letzten Wochen im Gastland vorgenommen?

Genießen.

Schüleraustausch, ODI, Open Door International e.V., Auslandserfahrung, Erfahrungsbericht, Stipendium, Stipendiatin, Schule im Ausland, Spanien, letzte Wochen

 


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