Es bleiben mir 20 Tage. 20 Tage, bis ich mich von all den wunderbaren Menschen verabschieden muss, die ich lieb gewonnen habe. 20 Tage bis ich all die Menschen wiedersehe, die ich in den letzten Monaten vermisst habe.

Jetzt, wo mir so wenig Zeit bleibt, genieße ich alles nochmal mehr. In diesem Zusammenhang ist mir ein weiteres Mal klar geworden, dass wir das nicht nur tun sollten, wenn die Tage gezählt sind. Ich werde mit einer ganz anderen Perspektive zurückkehren und ich bin gespannt darauf, welche Dinge mir im Speziellen auffallen werden. Wahrscheinlich wird das ein wenig so, wie wenn man von einer Reise wiederkommt, sich der kleinen Unterschiede bewusst wird und einmal mehr schätzt, was man an Zuhause so liebt.

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Neue Perspektiven                              Genießen

 

Hallo deutscher Alltag

Wenn ich zurückkehre werde ich sicherlich ein wenig meiner spanischen Identität in meinen Alltag integrieren: das Essen, ab und zu mal eine Siesta, die Gewohnheit Komplimente auszusprechen und nicht nur im Stillen schöne Charakteristiken von Menschen zu bemerken. Vielleicht wird auch mein Umgang in Hinsicht auf Körperkontakt auffallen, da ich mich hier, glaube ich, an andere Normen gewöhnt habe.

In anderen Punkten werde ich froh sein, mich wieder im Sinne der deutschen Kultur verhalten zu können und zum Beispiel auf Socken durch die Wohnung laufen zu können. Hier in Spanien lässt man die Schuhe nämlich im Haus an. Ich freue mich auf ein ausgiebiges Frühstück am Wochenende, dunkles Brot und Kartoffeln, Tagesschau, Kippfenster, das verstärkte Umweltbewusstsein, gute Radwege, Leitungswasser trinken, Dialekte, Weihnachtsmärkte und das deutsche Schulsystem, das ich im Gegensatz zum spanischen lieb gewonnen habe.

Mein Alltag wird doch recht anders aussehen, denn die Essenszeiten werden sich wieder zwei Stunden nach vorne verschieben, ich werde mich wieder auf die Schule konzentrieren und nicht mehr acht Stunden die Woche tanzen. An meiner Seite werden wieder meine wundervollen Eltern sein, worauf ich mich sehr freue, wobei im Laufe des Jahres das Heimweh immer weniger geworden ist und ich in den letzten vier Monaten fast keines mehr hatte. Das hing sicherlich auch viel damit zusammen, wie sehr ich mich sozial verankert gefühlt habe.

Neues soziales Umfeld

Gerade in der Schule war das sehr lange nicht der Fall. Zwar hatte ich Freunde, doch im Vergleich zu Deutschland traf ich nicht auf viele Menschen mit ähnlichen Interessen und alles blieb recht oberflächlich. Aus Deutschland war ich da etwas ganz anderes gewöhnt, denn fast alle meine Freunde gehen auf die gleiche Schule. Meiner Meinung nach hat das auch viel damit zu tun, wie der Unterricht gestaltet wird, da es, zumindest in meiner Klasse, keine Diskussionen, sehr wenig Gruppenarbeiten, Exkursionen oder Fahrten gibt. Die soziale Interaktion ist also den Pausen vorbehalten, in denen ich selten auf interessante Inhalte in Gesprächen stieß.

Das bedeutete für mich etliche Versuche, Kontakte auch in anderen Jahrgangsstufen zu knüpfen. Zusätzlich war es nicht einfach, weil das spanische Schulsystem auf großem Zeitaufwand basiert, sodass es für meine Mitschüler schwierig war, Zeit für Treffen zu finden.

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Ein Nachmittag mit Freundinnen

Ungemein geholfen hat mir auch, die Freundinnen von einer anderen Austauschschülerin kennen zu lernen, sodass die Menge an spanischen Freunden immer mehr wuchs und internationale Freunde, weil sie in ihre Heimatländer zurückkehrten, immer weniger wurden. In der Tanzschule durfte ich auch viele Bekanntschaften machen, wobei mir nochmal aufgefallen ist, dass das Alter nur bedingt eine Rolle spielt.


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In der Tanzschule

Im Laufe der letzten Monate habe ich mich auch in der Schule noch deutlich wohler gefühlt, da wir für unser Musical geprobt haben, was auch den schönen Nebeneffekt hatte, dass sich verschiedene Jahrgänge mischten und ein gemeinsames Ziel hatten. Außerdem waren meine Pausen dadurch sinnvoll gefüllt. Gerade in diesem Zusammenhang ist auch mein Selbstbewusstsein, was das Singen angeht, gewachsen.

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Meine Musical-Familie

Unabhängigkeit und Freiheit

Es ist ein tolles Gefühl alleine beziehungsweise mit vielen neuen Menschen auskommen zu können, wobei ich natürlich emotional von meinen Freunden und meiner Familie immer abhängig sein werde und das ist auch gut so. Bei einem Gespräch mit einer ehemaligen Austauschschülerin erfuhr ich, dass ihr Auslandsjahr wie ein „Freundefilter“ gewirkt hätte und sie nun wüsste, wer wirklich ihre Freunde wären. Für mich ist das glaube ich nicht der Fall gewesen, denn ich konnte mit allen Kontakt halten, von denen ich es erwartet hatte.

Zurück in die deutsche Schule

Ein Preis, den ich für ein komplettes Schuljahr in Spanien zahle, ist, dass ich nächstes Jahr nicht mehr in der gleichen Jahrgangsstufe wie meine Freunde bin. Doch gute Freundschaften werden auch das überleben und außerdem werde ich sicherlich viele neue Leute kennen lernen. Diesbezüglich möchte ich mir immer vor Augen halten, dass es überall coole Leute gibt und eine positive Ausstrahlung ungemein hilft, wenn es darum geht, Kontakte zu knüpfen.

Das nächste Schuljahr sehe ich als Herausforderung an. Schon jetzt ist klar, dass es nicht entspannt sein wird, doch gleichzeitig gibt es eigentlich auch keinen Grund sich zu stressen. Wenn ich mein Bestes gebe, dann kann ich auf mich stolz sein. Es sollte immer eine Balance zwischen Sozialleben/Hobbies und Pflichten geben. Außerdem bin ich gespannt, wie ich damit umgehe, wenn es heißt, sich wieder an ein Unterrichtsniveau zu gewöhnen, wo es auch darum geht eigene Meinungen zu bilden, Ideen weiterzudenken und Wissen zu verknüpfen (davon ist Fehlanzeige im spanischen System).

Selbstkritik und Ehrgeiz sind zwar in einem gewissen Maß sinnvoll, doch gleichzeitig habe ich dieses Jahr auch gelernt, dass es ab zu sehr gut tut, den eigenen Fortschritt zu würdigen. Lange Zeit war mir zum Beispiel nicht bewusst, wie groß mein Fortschritt im Bezug auf meine Sprachkenntnisse ist. Wenn ich überlege, wie umständlich ich mich ausdrücken musste, bis ich auf den Punkt kam, Konversationen nur durch den Kontext verstehen konnte und ewig über grammatikalische Richtigkeit nachdachte, dann wird mir klar, dass ich doch einiges erreicht habe. Mittlerweile spreche ich Spanisch besser als Englisch. In diesem Zusammenhang habe ich auch die deutsche Sprache aus einer ganz anderen Perspektive kennengelernt und mir ist klar geworden, welche Vielfalt an Ausdrucksweisen, komplizierte Grammatik und Satzstrukturen sie charakterisiert.

Über das Leben lernen

Viele von den Dingen, die ich hier gelernt habe, wusste ich schon vorher, doch oftmals fiel mir einfach auf, dass sie stimmen, wenn ich in emotionalen Extremsituationen war. Alles braucht seine Zeit, man darf auch mal traurig sein, ich bin der wichtigste Mensch, den ich je treffen werde, Schlafen ist sehr wichtig, Ordnung und Übersichtlichkeit im inneren und äußeren Sinne sind essentiell und die Menschen in meinem Leben haben Priorität. Zusammengefasst habe ich also über die Faktoren meines persönlichen Glücks gelernt, wobei hier natürlich nur Platz für einige Beispiele ist.

Veränderung

In keiner Weise kann ich objektiv beurteilen, wie sehr ich mich verändert habe, wobei mir, was das angeht, das Beispiel einer Freundin, die ein Jahr in Texas verbracht hat, hilft. Denn wider meiner Angst kam sie nicht komplett „amerikanisiert“ wieder.

Im Moment befinde ich mich in einem Alter, in dem Rebellion und Abgrenzung hoch im Kurs stehen. Bei den Spaniern ist das aus meiner Sicht nicht ganz so ausgeprägt und so kam bei mir einmal mehr die Frage auf: „Was willst du eigentlich: einfach nur anders sein als der Rest oder du selbst?“. Dabei muss man natürlich erst einmal wissen, wer man selbst überhaupt ist. Das Jahr in Spanien hat nicht das Ergebnis, diese Frage zu beantworten (und ich erwarte auch nicht, das je tun zu können). Dennoch ist es der Fall, das ich dem Ganzen ein wenig mehr auf die Spur gehen konnte. Gerade, weil ich in einem komplett neuen Umfeld gelebt habe und so ganz anderen Einflüssen unterstand.

Ich will kein starres Gerüst von Ideen entwickeln, denn ein Thema in seiner gesamten Dimension zu überblicken ist meiner Meinung nach nicht möglich, da alles in dieser Welt verbunden ist. Das Einzige, was man machen kann, ist Argumente sammeln, um sich daraus eine Meinung zu bilden. Vielleicht ändert sich das Gewicht eines Arguments im Laufe deines Lebens, du bekommst neue Perspektiven. Aus diesem Grund und vor allem aus der Erfahrung von polemischen Diskussionen heraus, bin ich absolut bereit dazu, meine Meinung zu ändern, sofern die Begründung schlüssig ist.

In Hinsicht auf meine Überzeugungen, wie „politische Korrektheit“ und ökologisch/ethisch- moralisch-sinnvolle Handlungen, bin ich auch nach meinem Jahr in Spanien gleich geblieben. Gerade hier, wo Mülltrennung nicht ernst genommen wird, Veganismus und Vegetarismus weniger verbreitet sind, es kein Pfandsystem für Flaschen gibt und Plastiktüten dir in den Läden hinterher geworfen werden, war es sehr interessant zu sehen, wie wenig sich die Menschen, dessen bewusst sind. Es gibt Personen, die das fehlende Umweltbewusstsein auf die Wirtschaftskrise schieben. Doch ganz egal, woran es liegt, hat es keinen Sinn, alle für schuldig zu erklären. Wichtig ist meiner Meinung nach, Denkanstöße zu geben. In meiner Gastfamilie war es zum Beispiel nicht üblich, zweimal das gleiche Gericht zu essen, wenn etwas übrig blieb. Wie in vielen anderen Bereichen des Lebens sind es die kleinen Schritte, die zählen.

¡Adiós Valencia! y ¡Hola Berlín!

Als ich vor einigen Wochen den Mitschnitt eines Konzerts von der Band eines Freundes, bei dem auch viele meiner Leute aus der Schule waren, geschickt bekam, kam die Lust hoch, in mein Berliner Leben zurückzukehren. Doch ich bin auch traurig, mein aufregendes, valencianisches Leben hinter mir zu lassen. Der Abschied wird nicht einfach. Im Moment bleibt die Frage, wie es weiter geht. Mit Sicherheit wird es ein weiterer kleiner Neuanfang sein. So wie im September 2017 in Valencia, nur dieses mal mit ein bisschen mehr Gewissheit.


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