Das bin ich
Ich heiße Lina Röger, bin 23 Jahre alt und komme aus Potsdam. Ich mache in meiner Freizeit gerne Musik (Klavierspielen und Chor) und Sport (Geräteturnen, Segeln, Tanzen) und ich bin eine riesige Leseratte und begeisterte Rätsellöserin.
Im März 2024 habe ich mein duales Bauingenieurstudium mit dem Bachelor of Engineering abgeschlossen. Da ich danach allerdings nicht so sicher war, ob und wenn ja welchen Master ich dranhängen möchte oder nicht vielleicht doch etwas ganz anderes machen sollte, wollte ich ein Jahr freinehmen, um in Ruhe darüber nachzudenken.
Ich habe in der Schule für sechs Jahre Spanisch gelernt, nach der 10. Klasse für drei Monate in Valparaiso (Chile) die deutsche Schule besucht und schließlich meine mündliche Abiturprüfung in Spanisch gemacht.
Da mir damals Chile so gut gefallen hat und ich nicht sofort nach dem Schulabschluss studieren wollte, bin ich für einen Kurzzeitfreiwilligendienst noch einmal auf die andere Seite der Welt, diese Mal nach Antigua (Guatemala). Dort habe ich in einer Gastfamilie gewohnt und nachmittags in einer Art Hort für Kinder von 4 bis 13 Jahren geholfen.
Somit war für mich im Sommer 2023, als ich mir Gedanken gemacht habe, was ich nach meinem Abschluss machen möchte, klar, dass ich noch einmal nach Süd- oder Mittelamerika reisen möchte. Zunächst war wieder ein Kurzzeitfreiwilligendienst geplant, aber nachdem ich mich länger damit beschäftigt hatte, habe ich mich doch für ein Weltwärts-Freiwillienjahr entschieden. Ich dachte mir, wenn ich es nicht jetzt mache, wo ich die Zeit habe, dann werde ich es nie machen und ganz sicher später bereuen.
Nach längerem Suchen habe ich mich dann bei sechs verschiedenen Organisationen beworben, die weltwärts-Freiwilligendienste in Ecuador anbieten (warum Ecuador? Das hat sich einfach so ergeben). Ich wollte gerne einen Freiwilligendienst mit Tieren machen, da ich schon mein Leben lang ein großer Tierfreund bin und ich mich auch zuhause bei der Wildtierhilfe engagiere. Deshalb habe ich mich auch nur für entsprechende Projekte beworben und wurde dann bei über der Hälfte der Bewerbungen aussortiert, weile die Projekte vergeben oder nicht zu besetzen waren.
Am Ende habe ich dann bei ODI eine Zusage für mein absolutes Wunschprojekt im Jardín Alado Ilaló bekommen.
Und so bin ich nun für 10 Monate in Ecuador.
Vorbereitungen, Ankunft und eine neue Familie
Mit der Planung für dieses Auslandsjahr habe ich schon im Frühjahr 2023 begonnen. Ich arbeite
also schon seit über einem Jahr auf die Reise hin. Ich dachte, das ist ja wirklich reichlich Zeit, um
alles ganz entspannt vorzubereiten.
Was dann am Ende alles noch zu erledigen ist und auch noch alles gleichzeitig, war mir gar nicht
so bewusst.
Zunächst die Gesundheitsuntersuchungen und Impfungen (ich war allein viermal in Berlin
beim Tropeninstitut für die erforderlichen Impfungen).
Dann das unfassbar komplizierte Visaverfahren: es sind zehn verschiedene Dokumente,
darunter eine Eidesstattliche Erklärung mit Apostille und offizieller Übersetzung ins
Spanische sowie ein Erweitertes Führungszeugnis, ebenfalls mit Apostille und spanischer
Übersetzung. Und wenn man endlich alles zusammen hat, muss man sich online durch ein
sehr kompliziertes spanisches Antrags-Formular durcharbeiten, in zwei Etappen Geld
überweisen um letztendlich nach fast zwei Wochen hoffentlich ein digitales Visum
zugeschickt zu bekommen (meins war glücklicherweise Ende Juli da).
dann muss/will man ja noch lauter persönliche Dinge erledigen:
• einen Wanderrucksack kaufen und dann viel zu viel grübeln, was alles mitmuss und wie
das alles in diesen einen Rucksack passen soll
• eine Reiseapotheke packen (da ist jetzt bestimmt ganz viel Zeug drin, was ich nie
brauchen werde)
• einen Reiseblog erstellen
• einen E-Reader besorgen und einrichten (ich kann ja nicht zwanzig Bücher mitnehmen ...
leider)
• und dann natürlich alle Freunde und Verwandte noch einmal besuchen, um Tschüss zu
sagen
Und schon sind es nicht mal mehr zwei Wochen, das Vorbereitungsseminar von ODI liegt hinter
dir und die Aufregung steigt rasant.
Zehn Monate sind so ein unfassbarer Zeitraum. Was vor drei Monaten war, dass weiß ich noch,
aber vor zehn ...?
Am Freitag, den 30.08.2024 war es dann so weit.
Um 4 Uhr früh hat mein Wecker geklingelt und es ging auf zum Berliner Flughafen, wo um 7.05
Uhr der Flug nach Madrid startete. Scheinbar hat der Pilot auf dem Flug nach Madrid besonders
viel Gas gegeben, denn wir sind eine halbe Stunde vor unserer eigentlichen Ankunftszeit
gelandet. War aber gar nicht schlecht, denn ich musste den Terminal wechseln und das hat eine
halbe Stunde gedauert. Da ist etwas mehr Umsteigezeit gar nicht schlecht.
Um 12 Uhr ging es dann weiter, 10,5h direkt nach Quito (Hauptstadt von Ecuador). Es war sehr
lang und am Anfang dachte ich, die Zeit würde überhaupt nicht vergehen. Aber ich habe mich
einfach, auf meinem Sitz zusammengerollt und dann im Endeffekt ca. 7h geschlafen.
Um 15.30 Uhr (22.30 Uhr in Deutschland) sind wir dann in Quito gelandet und nach einer ewigen
Warterei an der Passkontrolle (meine Kontrolleurin ist fast eingeschlafen) wurden wir Freiwillige
dann alle zusammen abgeholt.
Bis Sonntag haben wir gemeinsam in einem spirituellen Kloster in Tumbaco gewohnt und hatten
zwei Tage Vorbereitungsseminar. Dabei ging es ganz explizit um Ecuador, die Kultur, die
Lebensweise und wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten sollen. Auch haben wir uns
viel damit beschäftigt, wie es mit unseren Gastfamilien und Projekten abläuft und was wir noch
so für Fragen und Sorgen haben. Es war wirklich toll und spannend, aber auch sehr anstrengend.
Wir alle hatten es anders erwartet, aber bis auf eine durchgehende Müdigkeit und bei einigen ein
bisschen Kopfschmerzen, hat uns die Höhe nichts ausgemacht (ich bin hier auf 2800m Höhe).
Schließlich wurden wir dann alle von unseren Gastfamilien abgeholt. Ich wohne gemeinsam mit
einem weiteren Freiwilligen bei einem Ehepaar und ihrer erwachsenen Tochter in Tumbaco. Das
Haus liegt am Vulkan "Ilalo" und ist einfach unglaublich schön. Von hier kann man ganz
Tumbaco und die Berge rundherum sehen, es gibt einen großen Balkon und im gesamten Haus
sind die Holzbalken sichtbar und die Wände unverputzt. Ein Traum.
Ich bin sehr nett in der Familie aufgenommen worden und fühle mich wohl. Alle sind interessiert
daran, wie es mir geht und was ich mache.
Ich werde öfters gefragt, ob ich was fürs Mittag oder Abendessen kochen kann, da die Familie
sehr gläubig ist und deshalb viel in die Kirche geht. Man muss sich erst mal daran gewöhnen,
was man kochen kann und was nicht, denn es gibt nicht alles zu kaufen, wie wir es aus
Deutschland gewohnt sind. Und vor allem nicht zu den gleichen Preisen. Manche Lebensmittel,
die in Deutschland selbstverständlich in der Küche verwendet werden, sind hier unfassbar teuer.
Aber man gewöhnt sich daran und meine Kochkünste werden immer besser.
Das Projekt, in dem ich die 10 Monate meines Freiwilligendienst arbeite ist der Jardín Alado Ilaló, eine Wildvogelauffangstation.
Der Jardín hat ein großartiges Gelände, welches sich verschachtelt über mehrere Ebenen an den Berghang des Ilaló schmiegt und beherbergt eine Reihe unterschiedlicher Tiere. Dazu gehören eine Menge verschiedener Greifvögel sowie Papageien, aber auch Schildkröten und Bauernhoftiere, wie Kaninchen, Schweine und Hühner. Alle Tiere sind deshalb in dem Park, weil sie vor Tierhandel oder Haustierhaltung gerettet wurden und aus verschiedenen Gründen jedoch nicht wieder in die Freiheit entlassen werden können.
Die Arbeit ist in drei Aufgabenbereiche unterteilt:
Über die Woche ist man in verschiedenen Bereichen tätig. Bei mir heißt das aktuell:
Hier mal ein kleiner Einblick, wie eine Arbeitswoche bei mir aussieht:
MONTAG
Bei den Papageien gibt es aktuell knapp 30 Tiere. Jeden Morgen werden alle einzeln gewogen und dann in den freien Bereich gesetzt. Dort können sie auf etlichen Schaukeln und Stützen sitzen, auf dem Boden herumlaufen und diejenigen, die fliegen können, sich auch auf den Bäumen niederlassen. Der Bereich ist umzäunt, aber nur, um ihn im Park abzugrenzen und nicht, um die Vögel drinnen zu halten. Wenn die Vögel wegfliegen wöllten, dann könnten sie das ganz einfach tun.
Wenn alle Vögel draußen sind, werden die Käfige geschrubbt, das Wasser wird gewechselt und ein riesiger Berg Obst geschnitten und auf die Essensnäpfe in den Käfigen verteilt.
Die ganze Zeit kann man während der Arbeit das Geplapper und Geschnatter von nebenan hören (ein Großteil der Papageien kann sprechen, sehr lustig, wenn die alle gemeinsam loslegen).
Wenn alles fertig ist (am frühen Nachmittag) werden dann alle Vögel auf der Hand oder einem Stock wieder auf ihre jeweiligen Käfige verteilt. Dafür ist es wichtig, dass man weiß, wer wohin gehört (ich habe etwa eine Woche gebraucht, um mir alle Namen zu merken, aber manche Vögel kann ich immer noch nicht unterscheiden).
DIENSTAG
Begonnen wird in der "Granja". Bei den Kaninchen, Hühnern, Schweinen und Wellensittichen wird das Wasser sowie Fressen aufgefüllt, bzw. vorher die Näpfe saubergemacht (vor allem die Hühner scheinen es total lustig zu finden, in ihre Wassernäpfe zu kacken).
Danach geht es mit der Instandhaltung weiter. Das ist zum Beispiel:
MITTWOCH
Zum Bereich der Papageien gehören auch die Schildkröten.
Bei den Landschildkröten werden die Wasser- und Futternäpfe gereinigt und wieder befüllt.
Und dann die Augen der Schildkröten geputzt (ja, richtig gelesen, die Augen). Dazu wird eine Lösung auf ein Wattestäbchen gegeben und damit dann um die Augen herumgefahren. Ich weiß nicht genau, was das Zeug bewirkt, aber ich vermute mal, dass es als Schutz für die Augen dient und dafür sorgt, dass die Haut drumherum und das Auge an sich nicht trocken wird. Das Auftragen ist gar nicht so leicht, denn die Schildkröten finden es nicht lustig und ziehen immer ihren Kopf ein. Dann muss man warten, bis sie ihn wieder aus dem Panzer herausstrecken. Das erfordert viel Geduld.
Bei den Wasserschildkröten wird das Wasserbecken gereinigt (eigentlich wird dabei das Wasser getauscht, aber da es gerade ein bisschen Wassermangel gibt, wird nur der Dreck mit einem Sieb entfernt). Und dann werden alle Schildkröten mit einem Desinfektions-Wasser-Gemisch und einer Zahnbürste gründlich geschrubbt. So wird verhindert, dass die Panzer bewachsen. Das ist eine sehr lustige Aufgabe, denn die Schildkröten gucken dich immer ganz vorwurfsvoll an und schnappen mit dem Mund (oder Schnabel?) sobald man sie auf den Rücken dreht.
DONNERSTAG
Bei den Greifvögeln ist der Ablauf ähnlich wie bei den Papageien.
Auch hier müssen die Käfige geputzt und das Essen vorbereitet werden.
Allerdings sind die Greifvögel Fleischfresser. Das bedeutet sowohl die Fütterung der lebendigen Mäuse als auch das Zubereiten der toten Küken. Das ist nicht so schön, aber auch die Greifvögel wollen was fressen.
Die meisten Vögel bekommen ihr Fressen auch außerhalb des Käfigs entweder auf der Hand (man trägt immer einen dicken Falknerhandschuh, denn die Krallen sind echt übel) oder auf der Stange, wo sie den Tag über sitzen.
Man gewöhnt sich mit der Zeit wirklich daran, das Fleisch anzufassen und zu verfüttern (auch wenn man, wie ich, Vegetarierin ist).
FREITAG
Letzter Tag der Woche bedeutet Aufräumen fürs Wochenende, denn dann ist der Jardín Alado für Besucher geöffnet, und da muss alles schön aussehen. So werden die sechs Stunden vorwiegend damit verbracht, trockene Blätter zusammenzurechen, Metallreste (Stücke vom Draht oder Zaun sowie unbenutzte und verbogene Nägel) und Verpackungsmüll einzusammeln, alte Stützen sowie sonstige Holzreste wegzutragen …
Das ist meiner Meinung nach immer der anstrengendste Tag der Woche, aber danach hat man sich das Wochenende auf jeden Fall verdient.
Das Reisen gehört natürlich zu einem Auslandsjahr dazu. Man will ja auch das Land kennenlernen, in dem man lebt.
Ich hatte mir also in meinem Reiseführer alle Orte in Ecuador markiert, die ich gerne besuchen wollte. Zwei sehr große Ziele waren dabei Cuenca (eine Großstadt im Süden) und der Regenwald im Osten.
Das Reisen in Ecuador funktioniert sehr gut, denn es gibt zwar keine Züge, aber ein ausgezeichnetes Busnetz. Man kommt eigentlich von überall zu jedem anderen Ort mit sehr gut ausgestatteten öffentlichen Reisebussen. Allerdings lässt die aktuelle Sicherheitslage keine Nachtfahrten zu (zumindest sollte man diese auf jeden Fall vermeiden). Das bedeutet, dass man für Reisen in entferntere Regionen immer sehr viel Zeit für Hin- und Rückweg einplanen muss.
CUENCA
Mitte November habe ich mit drei Mitfreiwilligen den Besuch der Stadt Cuenca in Angriff genommen. Von Quito ist die Stadt etwa 500km entfernt, was erst einmal gar nicht so viel klingt, aber wegen der ganzen Berge dauert die Fahrt im Bus trotzdem 10 Stunden. Mich hat das aber nicht gestört, denn der Blick aus dem Busfenster war die lange Reise auf jeden Fall wert.. Man fährt durch wunderschöne Schluchten, mal weit oben im Gebirge, wo fast keine Vegetation mehr zu finden ist und dann wieder unten durchs Tal, wo alles grünt.
Morgens um 6 Uhr am Freitag in Quito gestartet, waren wir kurz vor 4 Uhr in Cuenca angekommen.
In den folgenden drei Tagen haben wir dann die Stadt und Umgebung erkundet. Cuenca ist eine wahnsinnig schöne Stadt. Es gibt viel zu sehen und so haben wir den gesamten Samstag in der Stadt verbracht, Museen besucht und die Märkte angeschaut. Es ist uns sogar gelungen Postkarten zu kaufen (hier in Ecuador fast ein Ding der Unmöglichkeit). Besonders spannend fand ich den Besuch des Panamahut-Museums. Diese weltberühmten Strohhüte kommen nämlich nicht aus Panama (wie man dem Name nach vermuten würde) sondern aus Cuenca und in dem kostenlosen Museum kann man bei der Herstellung zuschauen und sich alles erklären lassen. Echt total spannend. Sonntag und Montag waren wir dann bei den eine Stunde entfernten Inkaruinen „Ingapirka“ und zwei kleinen Dörfern in der Nähe, die für ihr Kunst- und Silberhandwerk bekannt sind.
Eigentlich hatten wir uns sehr darauf gefreut, den bekannten Nationalpark „El Cajas“ zu besuchen, allerdings waren dort im November heftige Waldbrände und deshalb ein Besuch leider nicht möglich.
Das verlängerte Wochenende war jedoch trotzdem sehr schön und Cuenca auf jeden Fall einen Besuch wert.
TENA
Anfang Januar haben eine Mitfreiwillige und ich uns dann in den Dschungel gewagt. Tena ist eine kleine Stadt am Anfang der Regenwaldregion (es geht noch wesentlich tiefer rein und eine Reise dorthin habe ich noch vor, aber für einen ersten Besuch war es super).
Wie man sich das vom Regenwald vorstellt, ist es sehr warm. Auch wenn gar nicht unbedingt durchgängig die Sonne scheint, ist es durch die hohe Luftfeuchtigkeit extrem heiß.
Wir haben vier Tage in einer Lodge mitten im Grünen gewohnt und in der Zeit versucht, alles an Erlebnissen mitzunehmen, was möglich ist. Wir haben eine vierstündige Wanderung durch den Regenwald gemacht (natürlich hat es dabei geregnet) und konnten viele Tiere entdecken. Mein Hightlight waren zwei knallbunte Giftfrösche und drei Tukane (ich hätte nie gedacht, mal einen Tukan in freier Wildbahn zu sehen). Auch bei unserer Nachtwanderung konnten wir unsere Tiersichtungen noch durch mehrere nachtaktive Frösche, jede Menge Spinnen, einen Great Potoo (mal googlen, die haben einen riesigen Mund und große schwarze Augen, total süß) und sogar ein Exemplar der giftigsten Schlange in Ecuador erweitern.
An unserem „Full-Day-Napo“ haben wir dann den ganzen Tag im, auf oder am Fluss Napo verbracht (das ist ein Zufluss des Amazonas, wie eigentlich alle Flüsse in der Regenwaldregion und deshalb heißt dieser Teil Ecuadors auch Amazonía). Wir haben uns in Reifen den Fluss runtertreiben lassen, die Wildtierauffangstation AmaZOOnico sowie eine indigene Gemeinde besucht und Kaimane und Piranhas gesehen (allerdings nicht in dem Fluss, denn dann wären wir da nicht schwimmen gegangen, sondern mehr im Wald in natürlichen Seen).
Insgesamt war auch das ein großartiger Urlaub und auf jeden Fall empfehlenswert.
Ich bin sehr gespannt, welche anderen spannenden Orte in Ecuador ich noch bereisen werde, während ich hier bin.
Ehrlich gesagt war ich nicht so begeistert, Weihnachten hier zu feiern. Natürlich ist es großartig mal zu erleben, wir diese Zeit so in einer anderen Kultur gefeiert wird, aber für mich war es das erste Mal nicht mit meiner Familie. Aber ich habe mir die Zeit einfach so weihnachtlich wie möglich gestaltet, sodass ich mich trotzdem wohlgefühlt habe. Eine Adventszeit, so wie wir sie in Deutschland kennen, gibt es hier nicht. Man kennt hier weder Adventskränze noch Adventskalender und auch einen Weihnachtsmarkt gibt es nicht. Da diese Dinge für mich aber zwingend zu Weihnachten dazugehört, habe ich meiner Familie einen Adventskranz besorgt und einen -kalender gebastelt. Außerdem habe ich nach langer Suche in Quito einen deutschen und einen französischen Weihnachtsmarkt entdeckt und da kam dann schon das Weihnachtsgefühl auf, obwohl die Temperaturen hier es nicht so vermitteln. Und ich habe natürlich jede Menge Weihnachtsplätzchen gebacken. Die sind bei meiner Gastfamilie sehr gut angekommen und ich habe mehrmals nachbacken müssen (Hier wird eigentlich nicht gebacken. Kuchen, Kekse und alles andere Gebäck kauft man beim Bäcker oder im Supermarkt).
Der 24. ist hier dann ein Tag der Familie. Traditionell trifft man sich am späten Abend für ein großes gemeinsames Abendessen (auch hier ist man normalerweise Gans, allerdings mit Reis) und dann wird bis in den nächsten Tag hinein gefeiert. Eigentlich eine sehr schöne Tradition. Da es in meiner Gastfamilie aber mehrere kleine Kinder gibt, war bei uns das Abendessen nicht ganz so spät und ging auch nur bis um 10 Uhr. Schön war es aber trotzdem. Ich hatte ein vegetarisches Gulasch gemacht (da ich als Vegetarierin die Gans nicht essen wollte und dachte, ich könnte so etwas typisches Deutsches zum Essen beitragen. Der Abend war sehr schön, wir haben viel gequatscht und gelacht und ich habe mich gut aufgehoben gefühlt.
Der 25. ist hier dann ein Feiertag, aber da in meiner Gastfamilie die Feierlichkeiten nur am 24. waren, bin ich danach wieder normal arbeiten gegangen (die Vögel haben ja trotzdem Hunger).
Auch Silvester wird hier sehr besonders gefeiert. Es gibt hier die Tradition, dass man menschliche Puppen aus Papier und Stroh um Mitternacht verbrennt. Diese „Munecas“ symbolisieren das alte Jahr und mit der Verbrennung wird Platz für das neue Jahr geschaffen. Auch soll es Glück bringen, wenn man über die Flammen springt und sich dabei etwas wünscht. Zu dieser Feuertradition gehört auch, dass sich viele junge Männer am 31. Dezember als Frauen verkleiden und auf den Straßen die Autos anhalten, tanzen und Geld einsammeln. Diese sogenannten „Viudas“ stellen die Witwen der später brennenden „Munecas“ da.
Ich habe den 31. mit meinen drei Gastgeschwistern und ihren Freunden verbracht. Es gab Pizza und dann sind wir durch die Straßen gezogen, um die „Viudas“ anzuschauen. Ich muss sagen, dass ich das Ganze nicht so cool fand. Viele Junge Männer, verkleidet auf der Straße, die von den Autos fast überfahren werden und die Leute aus den Autos zerren, um sie dann spielerisch sexuell anzumachen und rundherum eine riesige Menge Schaulustiger. Aber naja, wenn es den Ecuadorianern gefällt …
Um Mitternacht waren wir dann bei meinem einen Gastbruder zu Hause, denn der wohnt oben auf dem Ilaló und hat eine riesige Panoramascheibe im Wohnzimmer. Von dort haben wir dann die Feuer der „Munecas“ und natürlich auch das vereinzelte Feuerwerk angeschaut. Im Großen und Ganzen war es eine sehr schöne Silvesterfeier und ich bin gut ins neue Jahr gestartet.
Schon fast zwei Monate arbeite ich schon in meinem Projekt in Quito, Ecuador. Kaum zu glauben wie schnell die Zeit vergangen ist und dass ich mich inzwischen schon so gut hier eingelebt habe. Ich weiß noch genau wie nervös ich vor dem Beginn des Freiwilligendienstes war. Doch die meisten Unsicherheiten sind heute verflogen und ich bin froh mich so gut in meinem Projekt und in meiner Gastfamilie eingelebt zu haben.
Start des Freiwilligendienstes
Durch Corona und Visumsprobleme wurde die Einreise für die anderen Freiwilligen dieses Jahr leider immer wieder nach hinten verschoben. Vor allem die Beschaffung des Visums war der Grund dafür, dass der Freiwilligendienstes auch für mich erst am 22.10 begonnen hat. Leider hatten bis dahin nur ich und ein weiter Freiwilliger das Visum für Ecuador, also starteten wir das Abenteuer Ecuador erstmal nur zu zweit. Nach der Ankunft fuhren wir zu der Unterkunft wo das Vorbereitungs-Wochenende stattfand. Dort verbrachten wir ein schönes und informatives Wochenende mit unserer Koordinatorin in einer sehr lockeren Atmosphäre. Wir erfuhren viel Neues zum Beispiel die Kultur Ecuadors, Reiseziele, Sicherheitsmaßnahmen und Co. Auch hatten wir viel Spaß gemeinsam zu kochen und verschiedene traditionelle Gerichte und tropische Früchte kennenzulernen. Das Wochenende ging schnell vorbei und für mich ging es dann endlich zu meiner Gastfamilie in Quito.
Meine Gastfamilie
Bei meiner Ankunft wurde ich herzlich von meiner Gastmutter begrüßt und ich fühlte mich sofort zu Hause. Meine Gastfamilie besteht aus meiner Gastmutter und meinem Gastbruder. Außerdem wird noch ein Mitfreiwilliger einziehen, welcher mit den Restlichen Freiwilligen verspätet nach Ecuador kommt wegen langwieriger Visabeantragung. Meine Gastfamilie ist auch Teil von meinem Projekt. Meine Gastmutter ist gleichzeitig die Direktorin von meinem Projekt „Angeles de Cuatro Patas“ (Engel auf vier Beinen) und mein Gastbruder ist Therapeut und arbeitet mit den Kindern im Projekt. Ich lebe hier mit insgesamt 20 Pferden, zwei Eseln und 30 Hunden, welche mir morgens durch das Bellen als Wecker dienen.
Das Projekt „Ángeles de Cuatro Patas“
Mein Weltwärts Projekt bietet Kindern und Jugendlichen mit leichten oder chronischen Beeinträchtigungen seit 20 Jahren Aktivitäten auf ihrem Gelände an. Die Organisation gestaltet Therapien mit Pferden, die sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit physischen und/oder psychischen Beeinträchtigungen richten. Das Projekt hat zum Ziel möglichst vielen Menschen den Zugang zu den geeigneten Therapieformen zu ermöglichen. Zur Zielgruppe gehören z.B. Patient*innen mit Autismus, Down Syndrom, psychischen Erkrankungen verschiedener Arten, Aufmerksamkeitsdefizit oder körperlichen Einschränkungen und Behinderungen. Das Projekt arbeitet zudem mit vielen Straßenhunden, denen in dem Projekt ein neues Zuhause und mehr Lebensqualität gegeben wird.
Meine Aufgabe im Projekt ist vor allem zu einem die Therapien zu begleiten, indem ich die Kinder beim Gehen sichere, damit sie nicht runterfallen, oder hilfreiche Spiele mit ihnen spiele. Ich helfe aber auch auf dem Hof mit, z.B. die Pferde zu füttern, auszumisten oder zu striegeln. Es gibt aber immer unterschiedliche Dinge zu tun, zum Beispiel habe ich neulich dabei geholfen, die neu gebauten Ställe zu streichen. Im Projekt gibt es noch andere Mitarbeiter, welche sehr freundlich sind und mir gezeigt haben, wie ich richtig mit den Kindern arbeite und andere Aufgaben erledigen kann. Auch gibt es weitere Freiwillige die nur über eine kurze Zeit im Projekt arbeiten, mit ihnen verstehe ich mich auch sehr gut.
Die Möglichkeit nebenbei zu reisen
Worauf ich mich auch sehr bei meinem Freiwiligenjahr gefreut habe ist Ecuador besser kennenzulernen und Reisen zu können. So habe ich seit dem Beginn des Programms schon viel von Quito kennengelernt, war über ein langes Wochenende in Regenwald (nähe Tena), und über ein Wochenende mit einer anderen Freiwilligen aus meinem Projekt in Baños. In Quito ist die historische Altstadt wunderschön und es gibt u.a. viele Kirchen zu besichtigen. Etwas außerhalb liegt „Mitad del Mundo“ (Mittelt der Erde) wo der Äquator entlang läuft. Ein echtes Highlight war natürlich auch der Regenwald und Baños. Dort hatte man schöne Blicke von oben auf die Stadt und den Vulkan Tungurahua. Es gibt dort beeindruckende Wasserfälle und weitere touristische Aktivitäten wie riesige Schaukeln über dem Abgrund. Insgesamt hatte ich trotz einzelner Hürden und recht viel Regen, bis jetzt eine wunderschöne Zeit in Ecuador und freue mich das Land und die Menschen weiter kennenzulernen.
Die (Vor-)Weihnachtszeit habe ich besonders genossen. Seit Ende November ging es im Seniorenheim schon ordentlich los mit dem Schmücken der Gänge und Säale. Dabei waren Raoul und ich insgesamt mehr als eine Woche dafür eingespannt, Sterne, Tannengrün, Christbaumkugeln und vieles mehr in jeder erdenklichen Ecke des Heims anzubringen, sodass schließlich kaum ein Fleck zu finden war, der nicht nach der baldigen Ankunft Jesu schrie. Zeitgleich änderte auch Ambato sein Gesicht. Von Tag zu Tag war plötzlich mehr Weihnachtsdekoration zu sehen, bis schlussendlich sogar eine große LED-Leuchtanlage vor dem EAASA-Gebäude über den Dächern der Stadt installiert wurde, die die weihnachtliche Stimmung nicht mehr aus der Stadt entkommen ließ. Ich muss zwar auch zugeben, dass mir viel Schmuck nicht gefiel, da es sich erstens so gut wie immer um eher billig aussehende und grelle LED-Leuchtfiguren handelte oder die Verbindung zu Weihnachten kaum oder nur schwer zu erkennen war. (So standen im kompletten Parque Montalvo und Cevallos blaue, rote und gelbe LED-Leuchtvögel). Nichtsdestotrotz entdeckte ich genügend Orte, an denen mir die städtischen Verschönerungen zusagten und nicht unmaßgeblich zu meinem weihnachtlichen Wohlbefinden beitrugen.
Den Großteil meiner sich aufbauenden Weihnachtsstimmung zog ich aber definitiv aus den verschiedenen Aktivitäten im Altersheim. Ungefähr jeden zweiten Tag gab es im Dezember nämlich irgendeine Art von Fiesta, bei der entweder Tänzer, Studenten, Freiwillige, Schulklassen oder Künstler anderer Art von extern zu Besuch kamen, um ein Unterhaltungsprogramm zu veranstalten. Wer meinem Instagramblog folgt, hat davon sicherlich reichlich mitbekommen. Wie bei jeder anderen Art von reunión, durften dabei natürlich die obligatorischen Tanzeinlagen nicht fehlen. Besonders haben mir zwei Programme gefallen. Zum einen der Besuch der Schulklasse (mit Kindern im Alter von schätzungsweise sechs Jahren) und die traditionellen Tanzaufführungen von Studenten der Universidad Técnica de Ambato. Beim Anblick der Freude, die jegliche Präsentationen auch bei den Senioren ausgelöst haben, konnte man so den Moment voll und ganz genießen. Dies vor allem in Kombination mit den Weihnachtsmützen, die für die Senioren zum Dresscode zählten und die die meisten nach dem Ende der Programme selten wieder abgeben wollten.
Wie sich aus dem Beschriebenen sicherlich schon erahnen lässt, war der Dezember der bisher abwechslunsgsreichste Monat seit ich hier bin. Ab Mitte Dezember fingen wir zusätzlich noch an, für das Krippenspiel und den Tanz zu proben, der am 24. aufgeführt wurde. Das anfängliche Skript des Krippenspiels war dabei viel zu lang und kompliziert, weshalb wir vieles kürzten und am Ende ein schön kompaktes Schauspiel aufführen konnten. Ich bekam sogar die Rolle mit dem meisten Text, was aber auch nicht wirklich viel war. Als Erzengel Gabriel glänzte ich also schon bei den Proben, da mir Schauspiel durchaus Spaß macht. In einem schneeweißen Gewand mit goldenen Flügeln und grünem Kranz auf dem Haupt verkörperte ich am Heiligen Abend schließlich den Höchsten der Engel. Es war wirklich sehr schön zu sehen, wie viel Begeisterung wir dadurch sowohl bei Rentnern, Angestellten, Familienangehörigen sowie den Madres auslösen konnten. Das am Ende gesungene Noche de Paz (Stille Nacht, Heilige Nacht) rundete unseren Auftritt ab und der tosende Applaus ließ nicht lange auf sich warten. Eben so viel Spaß hatte ich beim Tanz, den wir mit einigen Senioren zusammen aufführten. Meine Tanzpartnerin Doña Elisa hatte zwar bis zum Ende die Schritte noch nicht so ganz raus, aber darum ging es natürlich überhaupt nicht. Allein unser Anblick mit Hut und Hemd und die Frauen in Kleid muss atemberaubend gewesen sein!
Da wir am 24. eigentlich nicht hätten arbeiten müssen, aber natürlich wegen des Programmes kamen, blieben wir auch nur bis zwölf Uhr und wurden – bevor man uns gehen ließ – noch mit Geschenken beglückt. Als wir dann gehen wollten, wurden wir nochmal zurückgerufen, da Madre Anamaria uns doch die größere Version des Geschenkes für uns vorgesehen hatte, uns aber ausversehen die Kleinere gab. Auch Maya, Tobi und Leon erhielten eine Tüte voll Süßigkeiten, weil sie zum Zuschauen gekommen waren.
Ich bin wirklich ein unglaublich großer Weihnachtsfan. Deshalb habe ich seit Beginn der Weihnachtszeit umso mehr angefangen, oft aber auch gerne an mein Zuhause zu denken und dadurch den Mangel an Weihnachtsstimmung enorm gespürt. Für meine Familie muss das ebenso ungewohnt gewesen sein, denn wo wir 2018 noch als ganze Familie das Weihnachtsfest feierten, fehlte plötzlich zwei Drittel der Jugend, die in die weite Welt hinausgeflogen waren. Bis zuletzt war ich zwar nicht besonders in Weihnachtsstimmung, schaffte es aber durch den für mich obligatorischen Kauf einer Weihnachtskerze für mein Zimmer und das Durchloopen des Weihnachtsoratoriums ein für mich gewohntes Ambiente zu erschaffen.
Am Heiligen Abend verbrachten wir dann den Vormittag alle zusammen auf der Couch mit reichlich Circus Halligalli Weihnachtsedition-Videos und später fing jeder allmählich an sich schick zu machen, die letzten Geschenke einzupacken, umzuordnen und im Wohnzimmer zu deponieren. Nebenbei füllte sich die ganze Wohnung sukzessive mit dem Geruch von Margoths Weihnachtsessen, das allein beim Riechen das Verlangen in einem weckte, direkt mit dem Cena Navideña loszulegen. Es gab Hühnchen, Pommes und eine Art Risottoreis mit Nüssen, Rosinen und verschiedenem Gemüse. Dazu einen Kirschlikör, den Margoth noch von einer Vorfreiwilligen aufbewahrt hatte, der aber leider viel stärker war, als wir zuerst annahmen, weshalb sich im Nachhinein ja irgendjemand um die Leerung der fast noch vollen Gläser kümmern müsste. An dieser Stelle verlangt es die Sittenkonformität nicht zu verraten, wer dieser jemand war. Vor Beginn des Essens erfolgte jedoch noch mein persönliches Highlight des letztjährigen Weihnachtsfestes: der Toast Margoths. Ich kann euch echt nicht sagen warum, aber Ansprachen jeglicher Art haben immer einen sehr emotionalen Effekt auf mich. Der Inhalt von Margoths Toasts ist grob auf Folgendes herunterzubrechen: unserer aller Zugehörigkeit zu ihrer Familie (da Maya, Tobi und Leon die Gastkinder ihrer Tochter sind und somit auch dazugehören), ihre Wertschätzung dessen, dass sie die Möglichkeit hat, so liebenswerte, junge Menschen wie uns empfangen zu können und ihre Offenheit, zu ihr kommen zu können, da sie wisse, wie schwer es sein kann, ein so familiäres Fest so weit von der Heimat entfernt zu feiern. Ehrlichgesagt kann ich mich gar nicht an jedes Detail erinnern, da ich am Ende reichlich damit beschäftigt war, meine Tränen zurückzuhalten.
Während des Essens wurde viel gelacht, zu Genüge nachgenommen und zumindest ich habe den Moment sehr genossen. Die durchlaufenden Reggaeton-Musikvideos mit halbnackten Frauen und super machistischen Texten auf Margoths neuem Fernseher taten dem Ganzen dabei wider Erwarten gar keinen Abbruch, sondern sorgten für gute Stimmung. In Folge dessen saßen wir noch bis um Mitternacht zusammen, mit Musik, Getränken und erwartender Gespanntheit. In Ecuador findet die Bescherung traditionellerweise um 25. Dezember statt, weshalb wir uns um null Uhr schließlich alle erneut die Weihnachtsumarmung gaben und an das Auspacken der Geschenke gingen. Wir alle haben gegenseitig an uns gedacht und Geschenke aus dem Herzen besorgt, was mich sehr glücklich gestimmt hat. Margoth beschenkte uns alle mit super schönen und flauschigen Schals, die bis heute – vor allem bei Tobi – zum Standardoutfit gehören.
So war also mein Weihnachten 2019. Das erste Mal in meinem Leben habe ich Weihnachten nicht Zuhause mit meiner Familie verbracht und ich dachte das wäre ein größeres Problem für mich. In all den Jahren habe ich an Weihnachten immer auch etwas dazu gelernt. Mit vermutlich zwei Jahren lernte mein vorwiegend dopamingesteuertes Gehirn wahrscheinlich, dass man an Weihnachten tolle Geschenke bekommt. Später machte sich die Erkenntnis breit, dass der Anlass zum Feiern doch die Ankunft Jesu sei. Mit reifendem Alter brannten sich typische Weihnachtslieder in den Kopf ein, der Kirchenbesuch, die Weihnachtsgeschichte, der wohlriechende und wunderschön leuchtende Weihnachtsbaum, das erste Krippenspiel, Omas Plätzchen, der Adventskranz und die einen verrücktmachende Spannung und Vorfreude auf die Heilige Nacht, deren Heranrücken der Schoko-Weihnachtskalender prophezeite. All das sei in Ehren gehalten, doch irgendwann wurde man sich doch des eigentlichen Weihnachtszaubers bewusst. Das Gefühl der Geborgenheit im liebevollen Umfeld der eigenen Familie. Doch die Lektion, die ich dieses Mal gelernt habe, hat mich doch den wahren Zauber Weihnachtens entdecken lassen, den ich schon längst als gefunden angesehen hatte. Der Zauber Weihnachtens wird nämlich jedem zuteil, der an egal welchem Ort dieser Erde in dieser Nacht in Gesellschaft feiert. So lange ging ich davon aus, dass das Vorortsein der eigenen Familie die Voraussetzung für ein (schönes) Weihnachtsfest sei, aber ich hätte mich nicht mehr irren können. Denn wer an diesem Tag auch nur mit einer einzigen anderen Person zusammen kommt, die er Bruder oder Schwester oder Freund oder Kollege oder Bekanntschaft oder Fremden nennt und deren er Gesellschaft genießt, der muss sich wahrlich glücklich schätzen.
Ich selbst habe das Fest der Liebe in bester Gesellschaft verbracht. Eigentlich finde ich es ja total kitschig und emotional überladen von „zweiter Familie“ zu sprechen, aber ich habe mich tatsächlich wie in einer Familie gefühlt. Das schätze ich sehr. Ja, es war zum Teil schon sehr anders als in Deutschland. Nein, das war vor allem im Rückblick gar nicht schlimm, sondern erfrischend und erkenntnisreich. Trotz der positiven Gefühle, die ich nun damit verbinde, spürte ich das Heimweh hingegen stark. Doch sowohl die Tatsache, dass der Dezember und insbesondere Weihnachten der Monat der markantesten Melancholie und Traurigkeit wegen Heimwehgefühlen war, als auch die Tatsache, dass ich mein Weihnachtsfest enorm genossen habe, zeigen mir gleichermaßen, wer ich bin. Und diese Frage hat mich vor allem im Nachgang und über Silvester besonders beschäftigt. Denn ich bin mir in meiner Zeit hier schon einiger Dinge meines Charakters bewusster geworden und kann durchaus eine Charakterentwicklung feststellen, die mich sehr fasziniert. Doch darüber möchte ich in meinem nächsten Blogeintrag schreiben.
Zum Schluss möchte ich noch eine letzte Sache loswerden, die an das Geschriebene anknüpft. Vor einem halben Jahr hatte ich noch eine so klare und einzigartige Definition von Heimat und Familie. Und diese werde ich auch immer im Hinterkopf behalten, denn sie ist richtig, aber eben nicht die Einzige. Ich möchte damit auch nicht sagen, dass Heimat und Familie überall ist oder überall sein kann, denn das wäre zumindest für mich auch nicht richtig. Leider muss ich dabei auch wieder die Keule der Relativierung schwingen und sagen, dass das natürlich typabhängig ist, aber ich kann wirklich einem jeden nur ans Herz legen, seine eigenen Definitionsgrenzen von Heimat und Familie mal zu hinterfragen und durch ein praktisches Wagnis auszureizen. Das gilt weitergehend doch für so viele Dinge im Leben und es kann so bereichernd sein. Enden möchte ich heute mit einem Zitat, das meinem eigenen Munde entsprungen ist (super arrogant, ich weiß), als ich einer Mitfreiwilligen Mut zusprach (Wiedergabe sinngemäß): „Das Dümmste was du im Leben machen kannst, ist dein Leben lang die Dinge zu verfolgen, die du eh schon kannst. Etwas Neues ist immer angsteinflößend und zu Beginn frustrierend, aber verfolgst du das Neue, wirst du etwas Neues. Es gibt kein schöneres Gefühl.“
Von Montag bis Freitag zwischen acht und drei Uhr arbeite ich nun für knapp zehn Monate in dieser Einrichtung, die sich doch weniger von meinen Erfahrungen in deutschen Seniorenheimen unterscheidet als ich gedacht hatte. Typischerweise helfe ich zwischen acht und neun Uhr beim Frühstückausteilen, dem Anreichen und dem Abwasch. Die Senioren haben dabei immer die Möglichkeit zwischen Milch und Colada Morada (milchähnliches Süßgetränk mit verschieden Früchten) zu wählen. Dazu gibt es Bananen, Weißbrot und/oder ein Ei. Von neun bis elf mache ich in der Regel bei der Gymnastik mit, bei der stets mit Bällen, Holzstäben und Hula Hoop-Reifen hantiert wird. Am Ende wird ein Spiel gespielt, bei dem sich die Teilnehmer gegenübersitzen und es gilt den Ball durch den Reifen des Gegenübers zu werfen, was bei einem Treffer für große Begeisterung sorgt. Am meisten gefällt mir aber der Gesang und das Tanzen, da hierbei selbst senilsten Senioren aus sich herauskommen.
Um elf Uhr gibt es daraufhin auch schon Mittagessen und um zwölf Uhr dürfen Raoul und ich selbst essen. Das Essen ist immer sehr lecker und auch vielfältig (abgesehen vom Reis, der von Ecuador schwerer zu trennen ist Bier vom Oktoberfest). Schließlich folgen verschiedene Aktivitäten am Nachmittag von ein bis drei Uhr. Die Senioren halten sich die meiste Zeit in den beiden salónes auf, in denen zum Beispiel die Gymnastik, Spiele, Geburtstagsfeiern sowie freitags der Gottesdienst stattfinden. Nach dem Essen unterhalte ich mich meistens mit den Damen und Herren im Salon, von denen viele aufgrund ihrer Demenz jeden Tag neu entdecken, dass ich aus Deutschland komme, David heiße und sie mich zehn Monate an der Backe haben werden. Ansonsten animiere ich des Öfteren Bewohner zum Malen, Basteln oder Spazierengehen. Bei gutem Wetter (wie in den letzten Tagen mit sehr viel Sonne) genieße ich es zudem sehr, in zwei sehr schön gepflegten Innenhöfen zu sitzen, mit den Papageien Juanita und Pablito zu reden und mit Raoul Zitronen aus dem eigenen Garten des Heims zu pflücken, die so viel besser schmecken als in Deutschland.
Eine weitere Tatsache, die mich überrascht hat, war die Lockerheit und die humorvolle Art der Schwestern. Sor Esther, die für die meisten Dinge zuständig ist, ist eine noch relativ junge Dame, die ihr Leben Gott und der Hilfe am Nächsten gewidmet hat. Für mich ist es gleichzeitig faszinierend sowie verwunderlich, wie man seinen Alltag und seine Handlungen so strikt an einen Glauben oder eine Philosophie binden kann. Wie schon erwähnt wohnen alle Schwestern im Heim selbst und nehmen, soweit körperlich und seelisch noch möglich, aktiv an der Betreuung der Bewohner und Leitung des Heims teil. Anfänglich war ich sehr unsicher, ob und wie ich über konfliktgeladene Themen wie meinen Glauben, Homosexualität und Einstellungen zu Alkohol etc. reden könne. Das ist aber viel lockerer als gedacht. Zu Geburtstagfeiern von Angestellten oder Madres wird am Alkohol und an Torte nicht gespart, zudem Gesang und Tanz, die nicht fehlen dürfen. Raoul und ich wurden und werden sehr herzlich aufgenommen und in jegliche Art von Aktivitäten integriert, über Sprachbarrieren und Missverständnisse wird herzlich gelacht und wir wurden auch schon des Öfteren zu Aktivitäten außerhalb der Arbeit eingeladen, wie beispielsweise etwas zusammen zu essen oder zu trinken, abends auszugehen oder auf einen Studentenball zu gehen, zu dem uns vor zwei Wochen die Physiotherapiestudentinnen, die aktuell für fünf Monate im Altersheim Praxiserfahrungen sammeln, einluden.
Obwohl ich es wohl vermeiden sollte, bestimmten Bewohnern mehr Aufmerksamkeit als anderen zukommen zu lassen, ist es so, dass ich mit einigen mehr Zeit verbringe als mit anderen, was meiner Meinung nach zu einem bestimmten Grad aber auch natürlich ist. Insgesamt war ich erstaunt, wie viele Bewohner trotz des hohen Alters geistig und körperlich noch so fit sind. Besonders genieße ich dabei die Betreuung eines älteren Herren, über den ich nun etwas berichten will. Don Carlos Arcurio ist 100 Jahre alt, stark dement und fast komplett blind. Anfänglich ist er mir kaum aufgefallen, da er aufgrund seiner Blindheit von den meisten Aktivitäten ausgeschlossen bleibt und dementsprechend meistens stillschweigend auf seinem Stuhl im Salon sitzt. Der Kontakt mit Don Carlitos ist auf eine sehr befremdliche Weise herzerwärmend sowie -zerreißend. Auf der einen Seite beteuert er zum Beispiel immer seine Unnützlichkeit für sich selbst und seine Mitmenschen, da er ständig Dinge vergesse, nicht gut sehe und vielen eine Last sei. Auf der anderen Seite jedoch drückt er doch umso öfter seine Dankbarkeit gegenüber Gott und den Pflegern und Pflegerinnen aus, die ihm helfen. Wenn er sich von seinem Stuhl erhebt, will er meistens in sein Zimmer oder in sein Haus in der Calle Número 6, wo er wohl gelebt hat. Wenn man ihm nun dabei hilft, an sein Ziel zu gelangen, überhäuft er einen geradezu mit Worten des Dankes und einem wundervollen Lächeln, das in Verbindung mit seiner gebrechlichen Stimme und Physis unglaublich belohnend ist. Genauso ist Don Carlos für mich aber auch der Beweis dafür, dass das Leben das ist, was man daraus macht und woran man festhält. So wie fast alle anderen Bewohner ist nämlich auch er sehr religiös und zieht viel Stärke aus seinem Vertrauen in Gott. Er ist sich nämlich durchaus seines Leidens in gewissen Aspekten bewusst, schafft es jedoch immer die Dinge wertzuschätzen, die ihm noch bleiben. Bisher verging kein Tag, an dem er sich nicht für mein Dasein, das der Pflegekräfte und seine Gesundheit bedankt hat. „Estoy disfrutando la vida hasta que permita Dios“ („Ich genieße das Leben, solange Gott es erlaubt.“) ist eine der Äußerungen, die mir sehr eindrücklich im Gedächtnis geblieben ist. Besonders in Verbindung mit der großen Vaterlandsliebe finde ich das sehr interessant. Jeder Rentner erzählt mit größter Begeisterung von seinem Heimatort, den diversen Nationalgerichten, der atemberaubenden Natur und der Offenherzigkeit des ecuadorianischen Volkes. Bei den meisten dementen Bewohnern versuche ich gar nicht erst, ihnen meinen Namen beizubringen, doch im Gespräch mit Don Carlos kam ich eines Tages darauf zu sprechen, dass ich Deutscher mit spanischer Familie sei, der zehn Monate in Ecuador bleiben wird. Darauf meinte er ironischerweise, dass ich somit ja drei Nationalitäten habe. Warum ich das erzähle? Seit diesem Tag weiß er immer sofort wer ich bin, sobald ich mit dem „¡Soy el chico con las tres nacionalidades!“ („Ich bin der Junge mit den drei Nationalitäten!) um die Ecke komme. Mittlerweile hat er dadurch sogar meinen Namen gelernt und erinnert sich auch fast jedes Mal daran. Das fühlt sich wirklich gut an und gibt einem das Gefühl, diesem Mann in seinem Lebensabend noch eine Freude bieten zu können. Trotzdem bleibt es eine bittersüße Freude in mir, denn so gerne wie ich am liebsten mehr Zeit mit den Bewohnern verbringen würde, ist mir auch klar, dass mein „Wirken“ während meiner Arbeitszeit immer nur temporär sein wird, vor allem bei den Demenzkranken.
Weitere interessante Erfahrungen konnte ich durch Don Milton Viteri sammeln. Don Milton kann relativ gut deutsch sprechen, da er Deutschlehrer an einem Colegio (vergleichbar mit dem Gymnasium) in Quito war. Direkt am ersten Tag, als ich den Senioren im Essenssaal vorgestellt wurde, kam er von seinem Einzeltisch in der Ecke nach vorne gelaufen um mich mit „Herzlich Willkommen, ich heiße mich Milton!“ zu begrüßen. Seit Beginn pflege ich somit sehr frequentierten Kontakt mit Señor Milton. Insgesamt ist er einer der körperlich und seelisch fittesten Bewohner und sehr lebensfreudig und intelligent. Er weiß zum Beispiel sehr viel über deutsche Geschichte so wie Geschichte im Allgemeinen, gesunde Ernährung, sein Heimatland und die katholische Religion. Obwohl ich ihn wirklich in mein Herz geschlossen habe und auch alle Angestellten ihn und mich als Traumpaar abstempeln, driften die Unterhaltungen mit ihm manchmal in etwas merkwürdige Richtungen ab. Er ist zum Beispiel fest davon überzeugt, dass die Deutschen, Spanier und Latinos die „besten Rassen“ der Welt seien und eine Allianz formen müssten. Um dieses Ziel voranzutreiben, erzählt er mir des Öfteren von seinem Traum einer deutsch-ecuadorianischen Universität, die er und ich zusammen eröffnen sollen. Zudem solle ich allen Bewohnern das Vater Unser auf Deutsch beibringen, wie ich es bei ihm auf seinen Wunsch hin schon getan habe. Seine neuste Idee ist nun ein bilinguales Sachbuch über ausgewogene Ernährung, denn darüber weiß er wirklich erstaunlich viel. Er hat nämlich einen riesigen Ordner über alle möglichen Vitamine und Kohlenhydrate, die optimalen Essenszeiten und verschiedene Modelle der Ernährungspyramide. Zu seinem Leidwesen kann er diese Modelle durch die seiner Meinung nach mageren und schlecht schmeckenden Mahlzeiten kaum realisieren. Da er Diabetes hat, darf er zusätzlich nur sehr rationiert Süßes sowie Früchte mit viel Fruchtzucker konsumieren, was ihm ganz und gar nicht gefällt. So will er alle paar Tage mit mir in den Supermarkt, um Bananen und Äpfel zu kaufen und behauptet er habe die Erlaubnis, das Heim alleine zu verlassen (die de facto nur zwei der 72 Bewohner haben). Während unseres Ausflugs nach Salcedo letzte Woche nutze er dann die Chance, in einen Supermarkt zu flüchten und wollte nicht mehr gehen. Als wir ihn dann zurückbegleiteten, nahm ihm die Oberschwester direkt alle Einkäufe weg, weshalb er den Rest des Tages ziemlich böse war. Am schwierigsten sind jedoch die Gespräche, in denen er rücksichtslos über die Libanesen herzieht. Seiner Meinung nach sei dieses Volk das größte Übel, das Ecuador je passiert sei. Sein Lieblingsbeispiel ist dabei der ehemalige Präsident Jaime Roldós Aguilera, der eine Ecuadorianerin mit libanesischen Wurzeln heiratete. 1981 starben beide in einem Flugzeugunglück und allgemein wird wohl angenommen, dass ein technischer oder menschlicher Fehler des Piloten der Grund war.
Don Milton hingegen ist fest davon überzeugt, dass die libanesische Großfamilie der Ehefrau Roldós‘ für den Unfall verantwortlich gewesen sei. Die kategorische Ablehnung des libanesischen Volkes ist in ihm auf jeden Fall so stark verankert, dass man mit ihm wirklich kaum darüber reden kann, zumal mein Spanisch natürlich keine perfekten Argumentationsketten zulässt. Deshalb gehe ich diesen Gesprächen eigentlich nunmehr aus dem Weg, den jeglicher Appell an ihn scheint vergebens. Um ehrlich zu sein, habe ich auch keine Ahnung, wie ich damit adäquat umgehen soll. Abgesehen vom vehementen Widerspruch oder Hinterfragung seiner Aussagen bleibt mir nicht viel übrig. Ich bemühe mich aber umso mehr, in Gesprächen mit interessierten Bewohnern über Deutschlands Geschichte der letzten 100 Jahre, kulturelle Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Überraschungen aufzuklären. Unter anderem: „Nein, die Mauer steht nicht mehr, die erste und zweite Strophe der deutschen Hymne sind heutzutage aufgrund des Inhalts verboten und in Deutschland findet eine konstruktiv-distanzierende Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit statt.“ Manche Senioren wissen dabei wirklich erstaunlich viel über Deutschland, andere hören gespannt zu, wenn ich den einen oder anderen Irrglauben aufkläre. Ebenso hellhörig bin ich aber auch, wenn mir über lohnenswerte Reiseziele, geschichtliche Anekdoten, aktuelle politische Einschätzungen oder Zukunftsprognosen erzählt wird. Der Austausch läuft also aus meiner Sicht echt gut, denn ich glaube beide Seiten lernen so viel mehr über die jeweils andere, als man aus einem Lehrbuch je könnte.
Alter: 18 (stand 2024)
Woher komme ich?: Rendsburg, Schleswig-Holstein, Deutschland
Lieblingstier: Ratet mal :)
Wo verbringe ich meinen Freiwilligendienst?: Puebla, Mexico
Darauf freue ich mich am meisten: Den Dia de Muertos!
Hobbys: Rudern, Laufen, Gerätetauchen, Paartanz, Lesen
Mein Projekt: Comamos y Crezcamos (Kindertafel & Jugendtreff)
Fun Fact über mich: Nach ganzen 5 Jahren Lateinunterricht habe ich das kleine Latinum
Was möchte ich hier unbedingt machen?: Einen Tanzunterricht für lateinamerikanische Tänze besuchen & einen Marathon laufen
Alter: 18 (stand 2024)
Woher komme ich?: Landshut, Bayern, Deutschland
Lieblingstier: Affe
Wo verbringe ich meinen Freiwilligendienst?: Puebla, Mexico
Darauf freue ich mich am meisten: neue Menschen/Kultur kennenlernen und spanisch lernen
Hobbys: Tennis, Fußball, Backen, Lesen
Mein Projekt: Donadore Altruistas (Kinderkrankenhaus)
Fun Fact über mich: Ich habe in zwei Jahren Spanisch Unterricht in der Schule weniger gelernt, als in einer Woche in Mexico :)
Was möchte ich hier unbedingt machen?: Feiertage miterleben, Spanisch lernen, reisen und viel von Mexico sehen
Alter: 18 (stand 2024)
Woher komme ich?: Köln, NRW, Deutschland
Lieblingstier: Mein Hund:)
Wo verbringe ich meinen Freiwilligendienst?: Puebla, Mexico
Darauf freue ich mich am meisten: Spanisch lernen und mexikanische Kultur kennenlernen
Hobbys: Bouldern, Lesen, Singer, Klavier spielen, Tanzen
Mein Projekt: Jardín de Niños Caritas (Kindertagesstätte)
Fun Fact über mich: Ich habe absolut gar keinen Orientierungssinn (braucht man in Puebla aber leider)
Was möchte ich hier unbedingt machen?: Tanzen, Dia de los Muertos erleben, und natürlich viel Spaß mit den Kindern haben.
Hi erstmal an alle Leser & Leserinnen,
da das mein erster Blog ist, bin ich mir nicht ganz sicher wie man sowas anfängt.
Am Montag ging mein Flug von Hamburg über München nach Mexiko-Stadt, nach ca. 13 Stunden im Flugzeug habe ich dann mit den anderen Freiwilligen von meiner Organisation Open Door International e.V. zum ersten Mal die Stadt aus der Luft gesehen. Die Stadt ist größer als jede die ich bisher gesehen habe und der Flughafen so groß wie eine kleine Vorstadt. Die Busfahrt vom Flughafen nach Puebla, wo ich jetzt wohne, hat 2 Stunden gedauert, eine davon sind wir auf der Schnellstraße nur durch Mexiko-Stadt gefahren.
Am Dienstag um 1 Uhr Ortszeit sind wir dann in am Busbahnhof in Puebla angekommen, wo ich meine Gastschwestern Diana und Blanca, sowie Blancas Ehemann Juan kennengelernt habe. Auf der Autofahrt zum Haus meiner Gastfamilie hat sich dann schnell Schweigen eingestellt, da Diana zwar ein klein bisschen Deutsch und Juan etwas Englisch spricht, aber wir nicht so richtig wussten, worüber wir uns unterhalten sollten.
Die Rettung in der Situation war Juan, der Musik angemacht hat - genauer gesagt "Call Me" von Blondie. So habe ich herausgefunden, dass wir denselben Musikgeschmack haben und das Eis war gebrochen.
Ein wenig später sind wir beim Haus angekommen und Diana hat mir mein Zimmer gezeigt. Es ist ein sehr großes Zimmer, dass ich mir mit meinem 15-jährigen Gastbruder Emmanuel teile. Wir haben beide jeweils ein großes Doppelbett, außerdem gibt es in dem Zimmer einen Kleiderschrank, zwei Schreibtische und mehrere Sofas - also alles was man sich wünschen könnte. Weiterhin war für meine Ankunft auf dem Bett ein "Willkommen"-Schriftzug aus Luftballons vorbereitet, das hat mich riesig gefreut.
Am nächsten Morgen um 6 Uhr (ich bin wegen dem Zeitunterschied zu Deutschland gerade noch rechtzeitig aufgewacht) habe ich den Rest meiner Gastfamilie beim Frühstück getroffen. Meine Gasteltern Ernestina und Luis sprechen nur Spanisch, daher kann ich mich mit ihnen noch nicht richtig unterhalten, aber beide lächeln viel und sind mir gegenüber sehr herzlich. Bruno ist das Baby von Juan und Blanca und Javier ist Emmanuels älterer Bruder - eine große Familie.
Kurz danach brach die Mehrzahl der Familie zur Arbeit auf, während Diana mich zu meinem zweiten Vorbereitungsseminar, in Puebla, brachte. Auf der Busfahrt habe ich den ersten Kulturschock bekommen. An einer mir zufällig erscheinenden Kreuzung winkte Diana einen sehr alten VW-Bus heran, der mit quietschenden Reifen anhielt und die Schiebetür öffnete. Sobald wir eingestiegen waren fuhr der Fahrer in rasantem Tempo los, während er uns noch Wechselgeld aushändigte. Der Verkehr war sehr dicht und mit nichts vergleichbar, was ich bisher gesehen habe.
Auf dem 3-tägigen Seminar im Zentrum von Puebla wurden uns wichtige kulturelle Bräuche und Normen erklärt, sowie wichtige Informationen zu unser Sicherheit und dem Beantragen eines dauerhaften Visums gegeben. Abends zeigte uns Imelda, die Chefin meiner mexikanischen Partnerorganisation, die Innenstadt von Puebla. Wegen des nahenden Nationalfeiertags der Mexikanischen Unabhängigkeit war die Stadt mit lichtern in den Farben der mexikanischen Flagge geschmückt (siehe Bild oben), das war wunderschön. Uns alle haben die Farben ein wenig an deutsche Weihnachtsmärkte erinnert.
Gestern habe ich morgens Emmanuel mit zur Schule gebracht, danach bin ich in einem Park laufen gegangen. Mitten im Lauf ist meine Handy-Batterie alle gewesen, aber ich habe den Weg zurück gut ohne Karte gefunden. Der Park lag auf einem Hügel und man konnte von dort gut den Puebla nahen Vulkan Popocatepetl sehen - der ist übrigens aktiv und spuckt wohl ca. zweimal im Monat Asche. Eine Bestzeit war aber leider nicht möglich, wegen der Höhe von Puebla hat die Luft weniger Sauerstoff und das merkt man sehr schnell. Später am Tag habe ich Diana beim Einkaufen auf einer Art kleinem Basar begleitet und ihr anschließend beim Kochen geholfen. Das Essen hier mag ich übrigens sehr gerne, auch wenn manches ziemlich scharf ist.
Heute Morgen habe ich an einem mexikanischen Kreisliga-Fußballspiel von Javier teilgenommen - Ja, wirklich mitgespielt - das hat riesigen Spaß gemacht. Auch der Weg dahin war ein Abenteuer, ich bin zum ersten Mal auf einem Motorrad mitgefahren. Nachmittags habe ich dann meinen Kulturschock "Bus" bewältigt, indem ich alleine zum Zentrum und zurück gefahren bin. (Tatsächlich hatte ich eine Menge Hilfe von Juan, der mir Vokabeln und Ortsnamen für die Fahrt aufgeschrieben hat).
Morgen gehe ich glaube ich mit meiner Gast-Oma und Emmanuel in die Kirche. Generell war die erste Woche hier klasse, auch wenn ich das Gefühl nicht loswerde, hier nur im Urlaub zu sein. Bis jetzt fühlt sich alles ziemlich surreal an, aber bestimmt wird sich das noch ändern, sobald ich anfange zu arbeiten. Nächste Woche habe ich aber erstmal Spanisch-Unterricht.
Hasta luego! – auf Wiedersehen
~Hendrik
Über einen Monat ist jetzt schon mein Flug und somit meine Reise in ein neues Land her, in welchem ich für 9 Monate leben werde. Ecuador, eher aus einer Not herausgewählt, da eine Ausreise in mein eigentliches Zielland Südafrika, aufgrund der damaligen und auch jetzt vorherrschenden Corona-Situation, nicht möglich war. Quasi aus dem Bauch heraus habe ich mich dann für Ecuador und mein jetziges Projekt entschieden.
Mit kaum Spanischkenntnissen und als einziger Freiwilliger, der zum geplanten Zeitpunkt sein Visum erhalten hat, saß ich nun ohne weitere deutsche Freiwillige im Flugzeug. Selbst während des Fluges konnte ich noch nicht so wirklich realisieren, dass dieses Abenteuer jetzt beginnen würde und sich ein komplett neuer Lebensabschnitt eröffnet. Nach meiner rund 14-Stündigen Reise war ich nun endlich in Quito angekommen. Langsam realisierte ich jetzt auch, dass es wirklich los geht. Deutlich wurde das vor allem bei meiner ersten Taxifahrt vom Flughafen ins Hotel, wo die ersten drei Tage ein Einführungs-Seminar stattgefunden hat, der Verkehr ist nämlich sehr gewöhnungsbedürftig und deutlich ungeordneter als in Deutschland.
Die Seminartage
In den Seminartagen habe ich dann mit Lioba, einer weiteren Freiwilligen, welche schon seit Sommer in Ecuador ist, und Belén, meiner Ansprechpartnerin bei FIIDES (der Partnerorganisation vor Ort), herausgearbeitet, was die Organisation, die Familie, das Projekt und auch wir selber von uns erwarten. Zusätzlich sind wir auch auf kulturelle Unterschiede/Besonderheiten eingegangen, auf den Stellenwert des Glaubens, Freundschaften, Höflichkeitsformen, die Sicherheit, die Rolle der Frau, Do’s and Dont’s sowie mögliche Reiseziele.
Am Sonntagabend ging es dann für mich und Lioba zu unsere Gastfamilien. Erst verabschiedeten wir Lioba bei ihrer Gastfamilie in Quito und für mich ging es dann mit Belén ins knapp drei Stunden entfernte Ambato. Als ich dann endlich bei meiner Familie ankam, wurde ich sehr herzlich von meiner Gastmutter, Gastbruder und -schwester und Freunden der Familie in Empfang genommen.
Mein Projekt
In meinem Projekt, einem Waisenhaus für knapp 30 Kinder im Alter von 0-12 Jahren, wurde ich ebenso herzlich aufgenommen, wie in meiner Gastfamilie. Mir wurden im Beisein meiner Gastmutter und von Belén alle vier Gruppen vorgestellt und ich entschied mich schlussendlich für die Altersgruppe 2-4 Jahre. Durch meine begrenzten Spanischkenntnisse, da niemand im Projekt Englisch sprechen kann, war die Kommunikation recht schwierig. Oft musste ich meine Hände und Füße, Google oder Pons benutzen, um mich mit den anderen Mitarbeiter:innen zu verständigen, jedoch merkte ich, wie sich Tag für Tag mein Spanisch verbesserte. Während meines Arbeitstages half ich den Kindern beim Essen, Zähneputzen, auf Toilette gehen oder Aufgaben machen, dabei kam das Spielen jedoch nie zu kurz. Es ist immer wieder ein tolles Erlebnis in den Essensraum am Morgen zu kommen und von über beide Ohren strahlenden Kindern begrüßt zu werden oder mit ihnen draußen auf dem Spielplatz zu spielen. Es gab jedoch auch Sachen, die mich ein wenig schockierten, so müssen die Kinder eigentlich immer aufessen, auch wenn sie eigentlich nicht mehr wollen und es gibt nur in wenigen Fällen Ausnahmen. Des Weiteren haben viele Kinder aus meiner Gruppe Löcher in den Zähnen und auf eine richtige Zahnpflege wird durch die Betreuer wenig Wert gelegt. Ein weiterer Aspekt, welcher jedoch durch meine Auswahl selbstverschuldet war, ist, dass ich recht wenig Spanisch während meiner Arbeitszeit gesprochen habe. Dies lag vor allem daran, dass die Kinder selber noch nicht richtig sprechen konnten, aber auch ich noch nicht ausreichend verstand. Daher bin ich umso glücklicher, dass ich anfangs mit dem Leiter des Projekts abgesprochen hatte, dass ich die ersten vier Monate in einem 1-Monats-Turnus die Gruppen tausche, damit ich jede einmal kennenlerne und werde im nächsten Monat mit einer älteren Gruppe zusammenarbeiten.
Meine Gastfamilie
Die Gastfamilie besteht aus meiner Gastmutter Nancy Miranda Morales, meinen beiden Gastbrüdern Israel und Christian Morales, meiner Gastschwester Pamela und ihrer Tochter Noelia. Wir leben in einem Haus im Süden von Ambato und haben nebenan noch drei weitere Anlegerwohnungen, in welchen zwei unserer Nachbarn wohnen und mein Gastbruder Christian. Meine Gastmutter arbeitet als Leiterin der Putzkräfte in einem örtlichen Krankenhaus und besitzt zusätzlich noch ein kleines Geschäft in der Nähe unseres Hauses in welchem sie Klamotten und Taschen vertreibt. Meine beiden Gastbrüder sind Ingieneure, Israel arbeitet in einer Rosenfabrik in der Nähe von Quito und ist daher nur an den Wochenenden im Haus, Christian arbeitet in einer Glasfabrik nahe Ambato. Pamela, meine Gastschwester, studiert aktuell Psychotherapie und ist im dritten Semester. Ich habe mein eigenes kleines Zimmer in der Mitte des Hauses bekommen, was für mich vor allem Anfangs ein wenig eigenartig war, denn ich habe daher auch kein Fenster nach draußen. Doch ich habe mich recht schnell daran gewöhnt sowie daran, dass ich quasi alles höre, was in diesem Haus passiert, denn es passiert unmittelbar vor meinen Fenstern/meiner Tür.
Meine Freizeit
Außerhalb der Arbeit habe ich viel mit meiner Familie unternommen. Wir haben jedes Wochenende einen kleinen Tagestrip in eine andere Stadt/ ein anderes Dorf gemacht. Während der ganzen Trips konnte ich viele Gerichte, Früchte und Spezialitäten probieren und meine Familie zeigte mir ein paar Sehenswürdigkeiten sowie einen schönen Wasserfall in der Nähe von Baños. An einem Wochenende konnte ich abermals nach Quito und besuchte dort Lioba. Sie zeigte mir am Samstag die Altstadt und die Sehenswürdigkeit “Mitad del Mundo” und Sonntag fuhren wir nach Papallacta, wo wir einen Tag in den natürlich erwärmten Schwimmbädern einen Tag verbrachten. Wenn wir jedoch mal keinen unserer Kurztrips hatten oder ich selber unterwegs war, hatten wir an den Wochenenden so gut wie jeden Tag Besuch im Haus, sei es von der Familie einer Tante oder eines Onkels, Freunde der Familie oder den Nachbarn. Es war also fast immer was los und ich konnte viele neue Menschen und Familienmitglieder kennenlernen und mich mit ihnen austauschen. Da meine Gastschwester das gleiche Alter wie ich hat, konnte ich auch viel mit ihr zusammen machen, wir waren zusammen feiern, mit Freunden essen und haben Sachen erledigt. Auch meine beiden Gastbrüder habem mich immer zu integriert und nahmen mich bei Erledigungen mit und zeigten mir ein wenig die Stadt, so konnte ich mit meiner ganzen Familie gute Gespräche führen und mich gut einfügen. Christian geht, so wie ich auch, trainieren und bot mir an mit ihm zusammen in das Fitnessstudio zu gehen in welches ich nun aktiv nach der Arbeit gehe. Die Wochenenden und auch einige Feiertage, die ich hier schon hatte, waren aber teilweise auch mit Abstand die schwersten Tage, auch wenn wir immer mal wieder was unternahmen, denn ich wusste nicht, was ich tun sollte, wenn meine Familie nicht Zeit für mich hatte. Ich verbrachte so einige Zeit mit unbefriedigendem Nichtstun, unendlichem Netflix gucken oder Instagram scrollen, daher freute ich mich umso mehr auf die Ankunft der anderen deutschen Freiwilligen, um mit ihnen zu reisen, Sachen zu unternehmen und feiern zu gehen.
Abschließend gibt es eine Sache, welche mich seit meiner Ankunft immer wieder überrascht hat und zwar mit welcher Herzlichkeit und Offenheit mich die Menschen hier empfangen haben und ich freue mich auf die weitere Zeit hier!
Der Monat Dezember startete für mich mit einer Reise nach Quito zum Einführungsseminar der nun endlich auch angekommenen anderen Freiwilligen. Ich habe mich riesig über deren Ankunft und das Wiedersehen gefreut. Einerseits habe ich mich darüber gefreut, dass wir es alle nach dem schwierigen Visumsprozess und der anhaltenden Corona-Situation doch noch geschafft haben auszureisen, aber ich hatte auch schon eine gewisse Vorfreude auf die Zeit, die danach kommen würde. Mit deren Ankunft war ich mir nämlich sicher, dass die Zeit der leeren Wochenenden und Nachmittage vorbei sein würde und wir gemeinsam Sachen unternehmen. Da ich das Einführungsseminar jedoch schon einmal in kleinerer Form gemacht hatte, wiederholten sich die meisten Inhalte.
Es war dennoch spannend zu sehen, wie viel der vorgestellten Sachen ich schon erlebt hatte oder welche Verhaltensmuster und kulturelle Differenzen ich bereits selber kannte. Außerdem konnte ich durch den sehr informativen Vortrag des ehemaligen Professors von unserer Betreuerin Belén noch einmal einen tieferen Einblick in die Kultur, Geschichte, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft Ecuadors erlangen. Wir lernten beispielsweise etwas über die verschiedenen Volksgruppen, welche in Ecuador leben und deren Anteil an der Bevölkerung sich leider stetig verringert, aber auch über einige Gründe für den politischen Richtungswechsel Ecuadors von einer sozialdemokratischen Regierung zu einer jetzt rechts-konservativen geführten Regierung. Zum Abschluss des Seminars machten wir noch einen gemeinsamen Salsa-Tanzkurs. Ich wusste, dass ich kein begnadeter Tänzer bin, aber es hat mir trotzdem viel Spaß gemacht und ich habe mir vorgenommen bald mit einem Tanzkurs zu beginnen.
Mir ist zudem während des Einführungsseminars aufgefallen, dass ich mich schon an manche Eigenschaften und Benimm-Etikette Ecuadors gewöhnt habe und auch selber übernommen habe. Während des Essens ist es für mich zum Beispiel zur Normalität geworden so ziemlich alles mit einem Löffel und gegebenenfalls der Hand zu essen, wie es in meiner Familie/Projekt üblich ist, wohingegen die Anderen größtenteils mit Messer und Gabel gegessen haben.
Aber nicht nur außerhalb des Projektes gab es eine Veränderung, da ich schon über einen Monat in meiner Gruppe gearbeitet habe, habe ich nach dem Einführungsseminar die Gruppe gewechselt. Ich arbeitete nun in der “Linea 3” mit Kindern im Alter von fünf bis acht Jahren zusammen. Die Gruppe ist im Gegensatz zu meiner vorherigen Gruppe deutlich entspannter. Dies liegt zum einen an deren fortgeschrittenen Alter. Die Kinder können ihre Handlungen und auch die Konsequenzen sowie mögliche Strafen reflektieren und es ist einfacher, mit den Kindern zu arbeiten oder ohne weitere Unterstützung auf diese aufzupassen. Die Gruppe ist außerdem deutlich kleiner als die Vorherige, was es noch einmal einfacher macht. Ich fungierte vor allem vormittags als eine Art Grundschul-Hilfe und half den Kindern beim Bearbeiten ihrer Aufgaben in den Fächern Mathematik, Grammatik oder Englisch.
Nachmittags hatte ich, sofern genug Kinder ihre Aufgaben gemacht hatten, dann Zeit, mit einigen draußen auf dem eigenen Spielplatz zu spielen. Auch in dieser Gruppe fiel wieder auf, wie schlecht die Zahnhygiene einiger Kinder ist und wie wenig Wert daraufgelegt wird. Zusätzlich schockte mich, wie gering die Hemmschwelle der Kinder war bei Konflikten Gewalt gegeneinander einzusetzen und verglich es anfangs teils mit meiner Grundschulzeit. Dies ist jedoch in keinem Fall vergleichbar, die Kinder, vor allem innerhalb der einzelnen Gruppen, sind eher als eine große Gruppe von Brüdern und Schwestern zu sehen, da sie dauerhaft zusammenleben und auch in einem Zimmer schlafen. Zwar legitimiert dies nicht die Nutzung von Gewalt untereinander, aber es lassen sich doch starke Parallelen zu meiner eigenen Beziehung zu meinem kleinen Bruder ziehen, die früher auch nicht immer ohne Streit und ohne körperlicher Gewalt auskam. Daher relativierte sich dies ein wenig für mich. Es war zudem sehr überraschend, wie bewusst sich manche Kinder des Alkoholmissbrauchs ihrer Eltern sind. Nachdem ich und eine weitere Freiwillige auf das Thema Alkoholkonsum gekommen sind, wurden wir erst von einigen als Alkoholiker bezeichnet und nach unserer Erklärung, was ein Alkoholiker sei, erzählten mehrere Kinder von ihrer Familiensituation. Sie schilderten dabei recht unbeeindruckt, dass ihre Eltern (insbesondere deren Vater) den ganzen Tag bzw. die ganze Nacht trinken. Zwar wusste ich, dass die Kinder nicht ohne Grund in das Waisenhaus kommen, aber dies machte ihre Situation nochmals realer und greifbarer.
Dezember ist Weihnachtszeit und so wurde auch die Stimmung im Waisenheim immer weihnachtlicher. Das Waisenheim in welchem wir arbeiten ist ein katholisches und die letzten zwei Wochen vor Weihnachten gab es nach dem Frühstück eine Art Gottesdienst, welcher oft von externen Musikern, Pastoren oder Animateuren begleitet wurde. In diesem wurde vor allem die Geschichte der Geburt Jesus thematisiert, aber es wurden auch kirchliche Weihnachtslieder gesungen und Spiele gespielt. Am Nachmittag fand dann oft ein unabhängiges Programm statt, bei welchem zum Beispiel eine Hüpfburg aufgebaut wurde, ein Ballettstück aufgeführt wurde oder ein Clown vorbeikam, um die Kinder zu unterhalten und ihnen eine schöne Weihnachtszeit zu bieten. Es war schön zu sehen, wie sehr sich die Kinder immer wieder auf den Tag freuten und enthusiastisch bei den Aktionen mitmachten. Zwischenzeitlich kamen auch immer wieder Privatpersonen oder örtliche Unternehmen vorbei, welche den Kindern ein kleines Geschenk mit Süßigkeiten und/oder ihren Produkten machten, was die Kinder riesig freute.
Gegensätzlich zu der ganzen weihnachtlichen Stimmung, von der ich umgeben war, kam ich nie wirklich in Weihnachtsstimmung, egal wie viele Weihnachtssongs ich um mich herum hörte, Weihnachtsdeko ich sah und Weihnachtsgeschichten Erzählungen ich hörte. Dies lag vor allem daran, dass ich mich durch das warme Klima (teilweise mehr als 20 Grad am Mittag) nicht wirklich winterlich fühlte, was für mich mit Weihnachten einhergeht. Außerdem fehlte mir ein wenig die Nähe der Familie durch ein gemeinsames Essen an Advent oder das gemeinsame Gucken eines Weihnachtsfilmes, was ich ein wenig vermisste. Auch das Geschenk kaufen lief anders ab, denn meine Familie entschied sich für Wichteln, dies kannte ich sonst nur aus der Schule.
An Weihnachten ging ich dann mit Saghar (einer deutschen Kurzzeit-Freiwilligen, welche seit Mitte Dezember mit in meiner Gastfamilie lebt und) und Moritz (ein anderer deutscher Langzeit-Freiwilliger von ODI) nochmals zum Projekt, um den Kindern und den Mitarbeitern ein frohes Fest zu wünschen. Anschließend haben wir drei bei Saghar und mir “Zuhause” gemeinsam mit meiner Gast-Schwester Pamela, ihrer Tochter Noelia und Benjamin (dem kleinen Gast-Neffen von Moritz) Plätzchen gebacken. Zum Abend hin haben wir uns dann für die Bescherung fertiggemacht und haben den Wichtel-Geschenkaustausch gemacht, bevor es zu der Gastfamilie von Moritz ging (unsere Gast-Mütter sind Schwestern), um gemeinsam zu Essen und zu Feiern. Mit reichlich Verspätung, aber unendlich gemachten Familienfotos, kamen wir dann bei der Familie von Moritz an. Wir aßen ein für Ecuador typisches Weihnachtsessen, Truthahn mit Reis und einem kleinen Salat. Im Anschluss gingen dann auch die Feierlichkeiten los. Es wurde ein wenig Wein, Whiskey und Sangria getrunken und bis um drei Uhr gemeinsam getanzt. In allem bin ich zwar nicht in die “typische” Weihnachtsstimmung gekommen, trotzdem war es ein sehr schönes und besonderes Weihnachtsfest und eine Weihnachtszeit während der ich viel Spaß hatte.
Wie anfangs erwähnt, habe ich mich vor allem auf das Reisen und das Entdecken des Landes mit den anderen Freiwilligen gefreut. Da diese nun endlich angekommen sind, konnte ich dies verwirklichen. Gemeinsam mit einer weiteren ecuadorianischen Freiwilligen aus unserem Projekt sind Moritz und ich am zweiten Dezemberwochenende in das naheliegende Baños gereist. Dort hat die ecuadorianische Freiwillige uns am Samstag die Stadt gezeigt und wir haben gemeinsam Cevi Chocho ein lateinamerikanisches Gericht mit Bohnen, Mais und einer Art Tomatensauce probiert. Sonntags ging es dann mit einer Chiva (einem kleinen Partybus) auf eine Wasserfalltour. Immer wieder fuhren wir an kleinen Wasserfällen vorbei und konnten die Aussicht genießen. Jedoch hielt die Chiva auch immer wieder für mehrere Minuten an kleinen Seilbahnen, an denen man über eine Schlucht fahren kann, was aber keiner von uns machen wollte und viel Zeit kostete. Am Schluss kamen wir dann am “Pailon del Diablo” an, welches das Highlight der Fahrt war und ein großer Wasserfall ist, zu dem zwei Wanderwege führen, welche eine wunderschöne Sicht auf den Wasserfall bieten.
An dem Wochenende danach war ich dann gleich wieder in Baños, diesmal jedoch mit fast allen anderen Freiwilligen unserer Gruppe und wir haben nochmals den “Pailon del Diablo” besucht, jedoch den anderen Wanderweg gewählt, welcher deutlich länger und durch den teilweise sehr engen Weg schwieriger war. Obwohl es an dem Tag stark geregnet hat und wir alle komplett durchnässt waren, war der Anblick unglaublich und man konnte sehen, was für eine Kraft Wasser entwickeln kann. Außerdem waren durch das schlechte Wetter sehr wenig Menschen vor Ort und wir hatten viel Zeit in Ruhe Bilder zu machen und den Weg zu bestreiten. Was diesen Trip zu einem meiner persönlichen Highlights meiner bisherigen Zeit machte. Zum Abschluss des Tages haben viele der Freiwilligen (inklusive mir) eine Art Bungee-Sprung für gerade einmal 20 Dollar gemacht. Bei dem Preis hat man ein wenig Sicherheitsbedenken, aber es war die Erfahrung wert. Der Moment vor dem Absprung, in welchem man sich dazu entschließt es durchzuziehen, ist Adrenalin pur!
Zum Abschluss des Jahres sind alle Freiwilligen gemeinsam an die Küste nach Manta gefahren, haben viele Strände besucht und uns reichlich Sonnenbrand geholt. Hier ist mir das erste Mal so richtig bewusst geworden, wie sehr wir doch auffallen. Baños ist eine Touristenstadt und daher wurden wir, auch wenn wir in einer großen Gruppe von Europäern unterwegs waren, nicht sonderlich beachtet. Anders in Manta, man merkte wie die Leute uns regelrecht anstarrten. Zwar waren wir auch eine große Gruppe anders aussehender und sprechender Menschen (insgesamt 14 Personen), trotzdem war es doch ein wenig befremdlich.
Dies gipfelte meiner Meinung nach an Silvester, wir feierten dies auf der Straße mit den Nachbarn unseres Hostels. Schon an den Stränden wurden mehrere Mädchen von Fremden nach gemeinsamen Bildern gefragt. Doch an Silvester wurde dies übertroffen, wir wurden alle, wie Zootiere, gefühlt dauerhaft gefilmt und fotografiert, was ich als sehr unangenehm empfand. Fotos und Videos gehören zu einer Feier und im speziellen Silvester dazu, aber nicht in diesem Ausmaß. Um Mitternacht wollten wir dann, etwas blauäugig, ein wenig die Straßen entlang ziehen. Zum Glück wurden wir gewarnt, ab einem Punkt nicht weiterzugehen. Wer weiß, was sonst passiert wäre. In allem bin und war ich sehr dankbar, dass die Menschen uns an ihrem Silvesterfest teilhaben lassen und möglicherweise vor etwas Schlimmen bewahrt haben, auch wenn die Fotos all dem einen faden Beigeschmack geliefert haben.




















