Interview mit Rafaela - Austauschschülerin USA 2019/2020 und IBC-Stipendiatin

1. Du warst seit August 2019 mit ODI als Austauschschülerin in den USA. Wie gefiel es Dir dort?

Ich bin gerade erst 16 Jahre alt, daher kann ich ohne Zweifel behaupten, dass die Zeit in Amerika, die beste meines Lebens war, vollgepackt mit Erfahrungen, die mir keiner jemals nehmen werden kann. Ich habe sehr viel von der amerikanischen Kultur gesehen und gelernt, mein Englisch verbessert, neue Freundschaften geschlossen und ein neues zuhause mit einer zweiten Familie gefunden. Ich habe außerdem Gesten und Dinge in Deutschland mehr wertschätzen gelernt und zudem auch sehr viel über mich selbst gelernt. Ich habe gelernt wer ich bin und - was noch viel wichtiger ist - wer ich sein möchte in der Zukunft.

2. Wie hast Du Dich in den USA bezüglich Corona informiert gefühlt? Wie war dort die Wahrnehmung dieser Gefahr?

Anfangs war das Coronavirus kein allzu großes Thema, doch nach einigen Wochen wurde es ernster und ernster genommen. Momentan werden auch in Amerika langsam Maßnahmen ergriffen und die meisten Amerikaner bleiben zu Hause, Schulen und Universitäten werden geschlossen, Schüler und Studenten sollen zuhause bleiben und möglichst nicht das Haus verlassen. Dennoch muss ich sagen, dass dort kaum von anderen Ländern und ihren Zuständen berichtet wird.

3. ODI hat Mitte März aufgrund der Corona-Pandemie entschieden, alle Austauschschülerinnen und Austauschschüler zurück nach Deutschland zu holen. Wie hast Du Dich gefühlt, als Du davon erfahren hast?

Die Antwort auf diese Frage kann vermutlich jeder erraten. Dass es nicht schön war, brauche ich wahrscheinlich nicht zu sagen. Als ich von meinem frühen Abschied erfuhr, saß ich im Auto und ich habe die ganze Fahrt über nach Florida nicht aufhören können zu weinen. Man konnte kaum realisieren, was geschah und um ehrlich zu sein kann ich es immer noch nicht. Doch nach dieser Autofahrt habe ich meine Denkweise verändert und versucht optimistisch zu sein. Ich hatte mir vorgenommen die letzten Tage in den USA so gut wie möglich zu genießen und keine Zeit für Tränen mehr zu verschwenden, auch wenn ich bis zur letzten Sekunde am Flughafen versucht habe einen anderen Ausweg zu finden.

4. Wie haben Du, Deine Gastfamilie und Deine Freunde Deinen Abschied gestaltet? Und wie lief Deine Rückreise?

Die E-Mail, die besagte, dass ich nach Deutschland zurückkehren müsse, erreichte mich auf der Fahrt nach Florida, wo meine Gastfamilie und ich unsere Osterferien verbracht hatten. Unsere Zeit in Florida haben wir deshalb umso mehr genossen und meine Gastfamilie hat versucht mir alles zu zeigen, was ich jemals sehen wollte. Als wir aus dem Urlaub zurückkamen, haben wir die letzten zwei Tagen ganz ausgenutzt und sind jede Nacht bis mindestens 4 Uhr aufgeblieben. Meine Gastschwestern haben einen kleinen Prom für mich organisiert, da ich diesen ja jetzt nicht mehr erleben werde und haben mich damit zum weinen gebracht. Meine Freunde konnte ich leider nicht sehen, da meine Gasteltern nicht wollten, dass ich vor meinem Abflug noch krank werde. Die Rückreise verlief einwandfrei und problemlos, wenn mal von dem herzzerreißenden Abschied abgesehen wird.  

5. Nun sind ein paar Tage seitdem vergangen. Wie fühlst Du Dich mit dieser Entscheidung? Kannst Du die Entscheidung nachvollziehen? Hast Du Dich von ODI in dieser schwierigen Situation gut betreut gefühlt?

Obwohl es immer noch unwirklich vorkommt und weh tut, kann ich die Entscheidung natürlich vollkommen nachvollziehen und ich will mir gar nicht ausmalen, in welche Schwierigkeiten ich gekommen wäre, wäre ich noch länger dortgeblieben. Am Ende war dies die vernünftigste Entscheidung, auch wenn ich es anfangs nicht wahrhaben wollte. Durch diese schwierigen Zeiten hat ODI mir natürlich ganz besonders geholfen, weshalb ich mich auch gut von ODI betreut fühle. Immer wieder bekam ich E-Mails oder Instagram Nachrichten von ODI in denen ihre Fürsorge für mich sehr deutlich wurde. Was bei vielen großen Organisationen nicht sehr häufig vorkommt, ist bei ODI ganz natürlich. Ich habe mich bei ODI immer wohl und sicher gefühlt, gerade weil jeder jeden kennt und man weiß, dass auf die Menschen dort verlass ist.

6. Wie geht es gerade für Dich weiter? Kannst Du bei Deiner Schule wieder einsteigen, so eingeschränkt dies derzeit möglich ist?

Vor ein paar Tagen haben meine Eltern meine Schuldirektorin kontaktiert, welche uns unser weiteres Vorhaben näher erläuterte. Ich habe meine Lehrer kontaktiert, die mich in den letzten acht Monaten normalerweise unterrichtet hätten, wäre ich nicht ins Ausland gegangen und habe bereits Arbeitsaufträge erhalten, die meine Klassenkameraden während der sogenannten “Corona Ferien” online bearbeiten. Während der Osterferien werde ich den von mir verpassten Schulstoff eigenständig aufholen, sodass ich nach den Osterferien - oder sobald der normale Schulalltag wieder aufgenommen wird - ich in meine alte Jahrgangsstufe (EF) zurückkehren kann.

7. Hast Du weiterhin Kontakt zu Deiner Gastfamilie und Deinen Freunden in den USA? Wie geht es ihnen in Zeiten von Corona?

Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Gastfamilie und jeden zweiten mit meinen Freunden. Ich habe außerdem vor nach Amerika zu reisen, um meine Freunde und Familie dort zu besuchen, sobald das Coronavirus es zulässt. Noch geht es ihnen allen gut, da das Coronavirus sich in Indiana noch nicht allzu sehr verbreitet hat. Dennoch sitze ich jeden Tag in Deutschland und hoffe, dass es ihnen allen gut geht.

Ansprechpartnerin USA