Familienzuwachs aus Kolumbien

Unsere gemeinsame Reise - es begann mit einem Herzenswunsch

Bericht aus Sicht einer Gastmutter

Mit dem Beginn der Reise meine ich nicht das Einsteigen in ein Flugzeug und eine Reise in ein vielleicht fremdes Land, sondern ich meine den Beginn einer Reise mit dem Herzen. Die Entscheidung, ein fremdes Kind bei sich aufzunehmen für so eine lange Zeit, diese Entscheidung fällt zuerst das eigene Herz - danach muss dann die Familie überzeugt werden. Das war in unserem Fall manchmal nicht so einfach. Mein Sohn war sofort begeistert und meinte, dass sie dann zusammen Fußball spielen könnten. Aber es gibt ja auch noch einen Mann zuhause und diesen zu überzeugen, verlangte viel Fingerspitzengefühl und viele, viele Kompromisse. Mein Mann merkte dann jedoch sehr schnell, dass ich so tief von diesem „Projekt“ überzeugt war und mich kaum etwas davon abbringen konnte. Als im März 2016 die ersten Bewerbungen der Kinder aus Kolumbien per Email kamen, schlossen wir ein Kind sofort ins Herz: Santiagos Brief war wundervoll und er stach mit seiner besonderen Persönlichkeit heraus. Wir saßen dann stundenlang über einem Antwortbrief und gaben uns richtig viel Mühe, die passenden Worte zu finden. Man möchte weder zu aufdringlich noch zu kalt klingen, einfach nur gastfreundlich und neugierig. Ein paar Wochen später kam dann die endgültige Zusage von ODI und ich bekam die erste persönliche Email aus Kolumbien - wie aufregend. Die Idee war, am Wochenende zu skypen. Ich kann nur berichten, wie nervös und aufgeregt ich war. Was erzählt man fremden Menschen auf der anderen Seite der Welt? Wie verständigen wir uns? Welche Sprache werden wir sprechen? Etwas Deutsch, etwas Englisch? Ich glaube bei dem Telefonat habe nur ich selbst gesprochen und mein Sohn meinte anschließend, ich hätte ständig die gleichen Sachen wiederholt. Nun ja so ist es, wenn man aufgeregt ist: Der eine redet kaum und der andere quatscht über alles Mögliche. Wir tauschten Handynummern mit unserem zukünftigen Gastsohn Santiago und seiner Mutter aus und hatten häufiger Kontakt - mal haben wir aus unserem Heimatort ein paar Fotos verschickt, mal kamen Bilder aus Kolumbien.

Im August war es dann endlich soweit und die Kinder kamen aus Kolumbien nach Deutschland. Nach drei Tagen beim ODI-Vorbereitungsseminar durften alle Gasteltern ihre Gastkinder am Sonntag, dem 28.08.2016, abholen. Es war ein wundervoller Moment, den jeder Mensch mit einem großen Herzen, einmal erleben sollte. Ich werde ihn nie vergessen. Das erste Aufeinandertreffen: Wir haben uns natürlich direkt erkannt, da wir uns auf Fotos und einmal per Skype gesehen hatten. Nun mussten wir uns zuhause erst einmal alle einleben, das braucht einfach seine Zeit. Diese Zeit sollte man auch jedem Kind lassen - die Zeitumstellung, alles ist wirklich sehr fremd und dann kommt z.T. auch noch Heimweh erschwerend hinzu. Unser Gastkind hat in den ersten Wochen sehr viel mit der Heimat telefoniert und diese Zeit haben wir Santiago auch gelassen. 

Unser Gastkind ist wahnsinnig gut erzogen und unglaublich höflich, er lächelt immer und nach kurzer Zeit haben wir verstanden, ob er uns auch wirklich „verstanden" hat oder nur aus Höflichkeit „Ja“ sagte. Die Wochen vergingen wie im Flug und wir hatten einfach ein zweites Kind. In den Herbstferien, sind wir eine Woche zusammen nach Mallorca geflogen und konnten mit unserer Spanisch sprechenden Begleitung als Deutsche dort etwas angeben. Dann kam die Klassenfahrt für Santiago, eine Woche Berlin, und wir merkten auf einmal, hier fehlt etwas. Irgendetwas war einfach komisch zuhause, aber das Gefühl, bald ist er wieder zurück, beruhigte uns alle. Dann kam leider die dunkle Jahreszeit, in der wir nicht ständig etwas unternehmen konnten. Sie Jungs sind zur Schule gegangen, abends in die Halle zum Fußballspielen und langsam konnten wir anfangen, das Weihnachtsfest vorzubereiten.

Weihnachten war dann ein ganz besonderes Highlight, denn Santiagos Familie hatte eine Reise nach Berlin geplant und auch Santiago sollte zwei Wochen nach Berlin fliegen. Von unserer Seite bestand darin kein Problem, aber als Überraschung hatte ich dann Kurzerhand die Idee, ebenfalls ein paar Tage nach Berlin zu fliegen, um uns mit der Familie vom Santiago zu treffen und sie kennenzulernen. Ich kann nur berichten wie toll auch diese Erfahrung war. Wir hatten natürlich wahnsinniges Glück, da die Familie über meine Idee sehr erfreut war und sich alle super verstanden haben. Es entstanden tolle Gespräche, sehr interessante Eindrücke und wunderschöne lustige Momente. Zudem entschied Santiagos Familie, uns zusätzlich für ein paar Tage in Köln zu besuchen. Wir haben bei uns zuhause, Kaffee und Kuchen genossen und an einem anderem Tag Köln erkundet - natürlich mit einem Besuch im Brauhaus und lecker Kölsch, einer Stadtrundfahrt und der Besichtigung der Liebesschlösser auf unserer Hohenzollernbrücke. Man glaubt es kaum, aber seine Heimat zu präsentieren war auch für uns ein tolles Erlebnis.

Nun ist unsere gemeinsame Reise zu Ende und ich möchte keine Sekunde missen - genau so habe ich es mir vorgestellt. Der Abschied war für alle einfach nur schrecklich. Wir haben Herzschmerz gelitten und geweint, aber ich habe für immer einen Sohn dazu gewonnen und noch mehr: Wir haben eine neue Familie. Eine herzliche, großzügige Familie auf der anderen Seite der Erde und das erfüllt mich so sehr mit Stolz. Wir haben eine Reise begonnen, bei der wir nicht wussten, wo diese uns hinführt. Dass dieses Abenteuer so erfolgreich geworden ist, verdanke ich meiner Familie, die zu 100% hinter diesem Abenteuer, ein fremdes Kind bei uns aufzunehmen, stand. Wir haben uns verliebt, verliebt in unseren großen kolumbianischen Sohn und in seine liebevolle Familie. Wir werden diese Zeit nicht vergessen und ich weiß, mein Herz sagt es mir, wir werden uns wiedersehen. Irgendwann in Kolumbien und dann werde ich wieder berichten, von der Reise meines Herzens und von dem Einsteigen in ein Flugzeug….

Danke Santiago für dieses Abenteuer, 

Deine Familie aus Deutschland

Ansprechpartnerin Gastaufnahme Deutschland